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ärztemagazin 11/2018

TAGUNGSBERICHT 26.

TAGUNGSBERICHT 26. Osteoporoseforum Die alarmierenden Ergebnisse der ICUROS-Studie belegen die inadäquate Therapieversorgung der Patientenpopulation mit dem höchsten Frakturrisiko in Österreich. Ebenfalls Themen des Osteoporoseforums *) in St. Wolfgang waren Kieferosteonekrosen und Ernährungsempfehlungen für die Osteoporose-Prophylaxe. Die gute Nachricht zum Schluss: Vielleicht gibt es schon bald ein Point-of-Care-Messgerät für die Osteoporose-Früherkennung. VON MAG. DR. RÜDIGER HÖFLECHNER ICUROS-STUDIE WELTWEIT ERLEIDEN IN JEDER STUNDE etwa 1.000 Menschen eine osteoporotische Fraktur. Die Betroffenen sind auch die Patientenpopulation mit dem höchsten Risiko, einen weiteren Knochenbruch zu erleiden, dessen Folgen oft fatal sind: Die Ein-Jahres-Mortalität nach Hüftfraktur liegt immerhin bei etwa 20%. Damit sind Schenkelhalsbrüche für mehr Todesfälle verantwortlich als Verkehrsunfälle. „Die Notwendigkeit einer adäquaten Therapie nach osteoporotischer Fraktur ist also zweifellos gegeben“, unterstreicht Dr. Oliver Malle, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinik für Innere Medizin, Graz. Die Realität sieht weltweit jedoch anders aus, wie auch die Daten der International Costs and Utilities Related to Osteoporotic Fractures Study (ICUROS) zeigen. Ziel dieser prospektiven, multinationalen Studie, an der neben europäischen Ländern auch Russland, Australien, Mexiko und die USA beteiligt sind, ist es, Kosten, Aufwendungen und Änderungen der Lebensqualität nach osteoporotischen Frakturen (Femur, Wirbelkörper, Humerus oder Radius) zu erfassen und zu vergleichen. Um die Versorgung mit antiosteoporotischer Medikation zu untersuchen, wurden die knapp 1.000 in Österreich rekrutierten Patienten in zwei Gruppen geteilt (mit und ohne osteoporotische Behandlung zum Zeitpunkt der Fraktur). 4, 12 und 18 Monate nach dem Ereignis wurde dann eine Follow-up- Analyse durchgeführt. Das alarmierende Ergebnis: In der Gruppe ohne zuvorige osteoporotische Therapie hatten weniger als 20% der Frauen trotz klarer Behandlungsindikation eine antiresorptive Medikation. Bei Männern erhielt gar nur einer von zehn nach der osteoporotischen Fraktur eine adäquate Therapie. Selbst bei den Patienten, die schon initial eine Osteoporosetherapie gehabt hatten, sank die Behandlungsrate im weiteren Verlauf auf 55 bis 67%. KIEFEROSTEONEKROSE EIN SCHRECKGESPENST der Osteoporosetherapie sind avaskuläre Kiefernekrosen nach der Gabe von Bisphosphonaten oder Denosumab. Definiert ist das erstmals 2003 beschriebene Krankheitsbild als freiliegender Kieferknochen, der nicht innerhalb von acht Wochen nach fachärztlicher Behandlung abheilt. Die Patienten müssen außerdem eine antiresorptive Medikation in der Anamnese haben, dürfen aber nicht in der Kopf-Hals-Region bestrahlt worden sein. ST. WOLFGANG 3. BIS 5. MAI 2018 „Ganz wichtig ist hier, zwischen osteoporotischen und onkologischen Patienten zu unterscheiden“, betont Dr. Bernhard Svejda, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Klagenfurt. Bei Männern und Frauen, die Antiresorptiva wegen ihrer Osteoporose erhalten, tritt die Kieferosteonekrose allerdings sehr selten auf. Betroffen ist nicht einmal einer von 10.000 Behandelten. Damit ist die Inzidenz der Kieferosteonekrose nur marginal höher als in der Normalbevölkerung. Um ein Vielfaches höher ist das Risiko bei onkologischen Patienten, deren Knochenmetastasen mit viel höheren antiresorptiven Dosen behandelt werden: Hier kommt es in 1–15% der Fälle zu einer Osteonekrose des Kiefers. Die Inzidenz ist stark abhängig von der Dauer und Dosis der antiresorptiven Therapie. Seit kurzem kennt man auch die Pathogenese der Erkrankung: Es handelt sich um eine Infektionskrankheit durch Actinomyceten. Der wichtigste Behandlungsschritt ist daher die Einleitung einer dauerhaften antibiotischen Therapie über sechs Monate mit Penicillin V oder Amoxicillin (alternativ Tetracycline). „Ein Beenden der antiresorptiven Therapie ist nicht notwendig“, unterstreicht Svejda. MEHR ALS NUR CALCIUM „ACHTEN SIE AUF EINE AUSGEGLICHENE, calciumreiche Ernährung“, lautet eine der klassischen Empfehlungen für die Gesunderhaltung des Knochens. Für Mag. Heidi Reber, Ernährungswissenschaftlerin und ehrenamtliche Mitarbeiterin der Osteoporose Selbsthilfe Saalfelden, ist damit das Spektrum der möglichen präventiven Maßnahmen aber noch lange nicht erschöpft. Als weitere Nährstoffe, die eine wichtige Bedeutung für die Osteoporosevorbeugung haben, nennt sie Silicium, Glutathion, die verzweigt kettige Aminosäure Leucin, Omega-3-Fettsäuren und Phenole. Ganz besonders hat sich die Osteoporoseforschung in den letzten Jahren mit Vitamin K2 (Menachinon) beschäftigt, das im Gegensatz zum bekannteren Vitamin K1 (Phyllochinon) nicht für die Blutgerinnung zuständig ist, sondern auf verschiedene extrahepatische Proteine wirkt, die für den Knochenstoffwechsel von Bedeutung sind. So ist Vitamin K2 nicht nur ein Kofaktor für die Aktivierung von Osteocalcin und Matrix-Gla- Proteinen, sondern auch direkt an der Mineralisierung des Knochens beteiligt (Förderung der Osteoblastogenese, Hemmung der Osteoklastogenese). Humane Interventionsstudien zeigen, dass die altersbedingte Abnahme der Knochendichte und des Knochenmineralgehalts bei gesunden postmenopausalen Frauen durch die Gabe von Vitamin K2 verringert werden kann. Foto: DonaldMorgan/GettyImages 24 . ärztemagazin . 11 2018

POCOSTEO WIE DER NAME SCHON NAHELEGT, ist es das Ziel des EUgeförderten Projekts PoCOsteo, ein Point-of-Care- Messgerät für die Osteoporose-Früherkennung zu entwickeln. „Wir wollen aus einem Tropfen Vollblut innerhalb von 3–5 Minuten proteomische Faktoren und innerhalb einer Stunde genomische Faktoren bestimmen, aus denen sich das individuelle Osteoporoserisiko ableiten lässt“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Hans- Peter Dimai, Klinische Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie, Medizinische Universität Graz. Technologische Grundlage des internationalen Projekts, das innerhalb der nächsten vier Jahre Ergebnisse liefern soll, ist ein elektrochemischer Sensor, mit dessen Hilfe Proteine praktisch in Echtzeit gemessen werden können. Beispiele für proteomische Knochenumsatzmarker, die mittels eines Handheld-Geräts bestimmt werden sollen, sind Osteocalcin oder CTX. Mögliche genomische Faktoren, die Rückschlüsse auf das Osteoporoserisiko zulassen, sind Einzelnukleotid- Polymorphismen (SNPs) und osteologisch relevante microRNAs. SNPs repräsentieren sozusagen das vererbte Osteoporoserisiko, während microRNAs funktionelle Marker sind, die sich im Laufe des Lebens und im Rahmen von Erkrankungen verändern. Man weiß heute unter anderem, dass bestimmte microRNAs mit der Histomorphometrie und Mikroarchitektur des Knochens assoziiert und an der Entstehung von Knochenbrüchen beteiligt sind. Für die etwas aufwändigere Bestimmung der genomischen Marker wird ein eigenes Tischgerät entwickelt. Während Kollegen aus Belgien und anderen EU-Ländern an der technischen Umsetzung der Messgeräte arbeiten, entwickeln Mediziner aus Graz und Teheran aus den Daten einer klinischen Studie an zwei ganz unterschiedlichen Populationen ein Frakturrisikomodell, das es ermöglicht, aus den Messergebnissen das Osteoporoserisiko des Untersuchten abzuschätzen. Mögliche Zielgruppe für die beiden Point-of-Care- Geräte zur Erfassung des Osteoporoserisikos sind Arztpraxen, Ambulanzen, Labors und andere Gesundheitseinrichtungen. Eine der entscheidenden Fragen, die zuvor noch geklärt werden muss: Wie gut vergleichbar ist die Bestimmung der Knochenumsatzmarker aus venösem Blut und aus einem Tropfen Vollblut beim gleichen Patienten? *) 26. Osteoporoseforum. 3.–5. Mai 2018, St. Wolfgang, veranstaltet von der Österreichischen Gesellschaft für Knochen und Mineralstoffwechsel (ÖGKM), www.oegkm.at u INNOVATION AUS ÖSTERREICH Vitamin D3 & Vitamin K2 ein starkes Team für gesunde Knochen 077_D3S_0418 Exklusiv in Apotheken. Einzigartige 3-er Kombi + Kalzium + Vitamin D3 + Vitamin K2 www.solarvit.at

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