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ärztemagazin 11/2018

PRAXIS abseits der

PRAXIS abseits der Ballungsräume attraktiviert: So hat Walter Binder trotz Netzwerk-Gründung seine Rückzugspläne nicht vollkommen ad acta gelegt. Als Senior- Partner steht er aktuell in der ersten Reihe, für die Alltagsarbeit hat er sich aber nur mehr einen Stellenplatz zu 0,75 Prozent zugebilligt. Es ist geplant, dass er seine beruflichen Verpflichtungen sukzessive zurückfährt. Dafür rückt eine Kollegin nach, die aktuell aus familiären Gründen eine Vollzeitverpflichtung noch vermeiden will. Ohne die flexible Arbeitsteilung wäre Walter Binder in Pension und die Kollegin noch in Karenz – und Sierning-Neuzeug wäre ohne ausreichende medizinische Versorgung. Sierning – Österreichs erstes PV-Netzwerk Auch Landärzte müssen keine Einzelkämpfer sein: Am 2. Juli startet im oberösterreichischen Steyrtal die erste Primärversorgungseinheit an mehreren Standorten. VON JOSEF RUHALTINGER EIGENTLICH WOLLTE SICH der Sierninger Gemeindearzt Dr. Walter Binder zur Ruhe setzen. Zwei Jahre lang suchte er einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für seine gutgehende Praxis in der nahezu 10.000 Einwohner umfassenden oberösterreichischen Kommune. Die wiederholten Ausschreibungen der Kassenordination fanden kein Gehör – und die Gemeinde im Steyrtal drohte einen wesentlichen Teil ihrer medizinischen Versorgung zu verlieren. Berichte über Primary Care und entsprechende Gesetzesnovellen lieferten dem erfahrenen Mediziner die Lösung: Binder suchte erst den Kontakt zu seinen benachbarten Kollegen in Sierning, Neuzeug (3km entfernt) und Waldneukirchen (7km von Sierning) sowie mit der ansässigen Apothekerin – und verschob dann seinen Pensionsantritt. Am 2. Juli eröffnet das erste österreichische Primärversorgungs-Netzwerk in Sierning-Neuzeug und Waldneukirchen. FLEXIBLE BERUFSGESTALTUNG. Das PVN Sierning-Neuzeug ist ein Beispiel, wie gemeinsames Arbeiten auch für Landärzte eine flexiblere Arbeitsgestaltung erlaubt – und dabei das Berufsbild des Allgemeinmediziners NUTZUNG BESTEHENDER KAPAZITÄTEN. Das Primärversorgungsnetzwerk in Sierning-Neuzeug-Waldneukirchen besteht aus drei Standorten. Das Zentrum ist am Josef-Teufel-Platz 2 in Neuzeug als gemeinsame Praxis von Binder (derzeit Sierning) und Dr. Willi Eisner (Neuzeug) – unterstützt von Dr. Katharina Freidhager und Dr. Rita Brandstetter. Zudem kommt eine „Außenordination“ nach Sierning, wo die Netzwerkpartnerin Dr. Karin Gsöllradl ihren bestehenden Ordinationsstandort beibehält. Der zweite Außenstandort liegt im benachbarten Waldneukirchen. Die kleine Ordination wurde bisher von der Gemeindeärztin Brandstetter allein in Vollzeit geführt. Die Praxis kämpfte aber mit großen Auslastungsproblemen. Sogar die Aufgabe der Kassenstelle stand im Raum. Jetzt können durch den Eintritt der Waldneukirchner Gemeindeärztin in das Netzwerk drei Sprechtage pro Woche in Waldneukirchen gesichert werden. Dienstags und donnerstags ordiniert Brandstetter im PV-Zentrum in Sierning, zehn Autominuten von Waldneukirchen entfernt. Derzeit wird noch an Plänen gefeilt, ob Teile der erweiterten Gesundheitsdienstleistungen wie Sozialarbeit und Physiotherapie nicht in die unausgelasteten Raumkapazitäten in Waldneukirchen untergebracht werden können. In diesen Punkten sind die Vorhaben aber noch nicht fixiert. Das PVN Sierning-Neuzeug läuft vorerst als Pilotprojekt für fünf Jahre. GEMEINSAMES IT-NETZWERK ALS RÜCKGRAT. Sämtliche Standorte des Netzwerks verfügen über Zugang zu einem eigenen Intranet. Dies stellt sicher, dass alle ÄrztInnen zu allen Patienteninformationen Zugang haben. Sollte ein Patient einmal aus irgendwelchen Gründen nicht von seinem speziellen Hausarzt behandelt werden können – weil er beispielsweise auf Urlaub ist, aber die Netzwerk-Ordinationen unverändert geöffnet sind –, dann können seine ärztlichen Partner nahtlos an Anamnese, Diagnose und Therapie ihres Kollegen anknüpfen. Zudem hat jeder der ärztlichen GmbH-Partner den gleichen unternehmerischen Wis- ärztemagazin-Serie zum Thema Primärversorgung Primärversorgungszentren werden Einfluss auf die heimische Landschaft der niedergelassenen medizinischen Versorgung nehmen. Eine umfassende Serie im ärztemagazin stellt in den nächsten Monaten deren Grundsätze, Organisationsformen und erste Erfahrungswerte dar. Wir befragen beteiligte Ärzte, Experten und Entscheider, wie sich Pläne und Realitäten in den einzelnen Bundesländern präsentieren. Bisher erschienen: Teil 1 – Die gesetzlichen Grundlagen der PVE Teil 2 – Die verschiedenen Formen der Honorargestaltung Teil 3 – Porträt des PVZ Mariahilf Fotos: utah778/GettyImagas, gilaxia/GettyImages 28 . ärztemagazin . 11 2018

sensstand: Bei mehreren Standorten ist dies eine unumgängliche Maßnahme zur Konfliktvermeidung. WEITERE WERDEN FOLGEN. Die OÖ-Gebietskrankenkasse hat die Pläne zur PVN Sierning-Neuzeug frühzeitig unterstützt. Durch die Schwierigkeiten von Gemeindearzt Binder, einen Übernehmer für seine Ordination zu finden, drohte ein Versorgungsloch für die 10.000-Einwohner-Kommune. Auch von Seiten der Kassse bot sich die Lösung der Probleme durch ein PV-Netzwerk an. Walter Binder und seine Mitstreiter hatten sich mit den Kollegen im Ennser PVZ kurzgeschlossen, das über die längsten Erfahrungen im Bereich der Primary-Health- Zentren in Oberösterreich verfügt. Zudem holten sie Wolfgang Gruber an Bord, der das Ordinationsmanagement in Enns und Marchtrenk übernommen hatte. Er ist jetzt auch für die Geschäftsführung der Sierninger Ärzte-GmbH verantwortlich. gangen. Einige der Netzwerkpartner hatten keine oder erst in den Anfängen stehende Ordinationserfahrung, die als Honorarbasis nicht geeignet war. BESSERE VERSORGUNG FÜR SIERNING. Der Gedanke der Primärversorgung lebt von den umfassenden und präventiv wirkenden Gesundheits-Services, die über die ärztliche Betreuung hinaus vernetzt angeboten werden. In der Region Sierning-Neuzeug gibt es in Zukunft Sozialarbeiter, die bei Reha-Anträgen helfen, Physiotherapeuten, logopädische Betreuung, diätologische Beratung und sogar Ergotherapien. Gleichzeitig werden drei Diplomkrankenschwestern das medizinische Team entlasten. Der Versorgungslevel der Region steigt dadurch deutlich an – ohne dass deswegen die Patienten neue Wege auf sich nehmen müssen. u HONORAR NACH GRUPPENPRAXIS-VERTRAG. Die Ärzte- GmbH von Sierning erhält für ihre Zusatzleistungen und als Kostenersatz für die Gehälter und Honorare für zehn Mitarbeiter jährlich rund 565.000 Euro – aufgeteilt auf Land OÖ und SV nach einem exakten Schlüssel. Darüber hinaus erhält das Netzwerk Sierning-Neuzeug eine einmalige Anschubfinanzierung für Umzugskosten und EDV in Höhe von 90.000 Euro. Die Ärzte selbst werden nach dem Gruppenpraxistarif ohne Abschläge bezahlt: Ihr Honorar orientiert sich an den tatsächlich abgerechneten Leistungen. Vom Pauschalierungsmodell, wie es in Enns auf Basis der zuvor erzielten Ordinationsumsätze gewählt wurde, ist man in Sierning abge- Gesundheitsservices über die ärztliche Betreuung hinaus werden angeboten Jedem sein Hafen. Exklusive Seehäuser am Neusiedlersee Am liebsten schlafe ich direkt am See. Direkt am Wasser mit eigenem Steg und Bootsanlegeplatz. Jetzt provisionsfrei im Verkauf. REALITÄTEN EHRENGRUBER GmbH Mag. Kathrin Ehrengruber, MSc +43 664 224 69 44 kathrin.ehrengruber@ehrengruber.com www.ehrengruber.com Neusiedl am See Projektentwicklung GmbH Britta Bowinkelmann +43 664 458 70 15 office@amhafen.at www.amhafen.at Realquadrat Immobilien Consulting GmbH Carmen Schweiger +43 664 188 11 81 carmen.schweiger@realquadrat.at www.realquadrat.at

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