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ärztemagazin 19/2018

GYNÄKOLOGIE LAUT EINER

GYNÄKOLOGIE LAUT EINER BEREITS älteren Untersuchung der Universitäts-Frauenklinik Tübingen treten Menstruationsbeschwerden bei rund jeder dritten Frau auf. 1) Die Symptome sind vielfältig, typisch sind jedoch Unterleibsschmerzen und/oder Stimmungsschwankungen, die unterschiedlich stark ausgeprägt sind und sich zudem von Monat zu Monat verändern können. Menstruationsbeschwerden werden im Allgemeinen unterteilt in prämenstruelles Syndrom (PMS) beziehungsweise prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) sowie primäre beziehungsweise sekundäre Dysmenorrhö. Da Beschwerden während der Menstruation von vielen Frauen als normal angesehen werden, sind Beschwerden, die letztlich doch beim Arzt angesprochen werden, ernst zu nehmen und als grundsätzlich behandlungsbedürftig einzustufen. Dass die Probleme häufig nicht ernst genommen werden, lässt sich beispielsweise daran erkennen, dass die Wartezeit bis zur Diagnose einer Endometriose einige Jahre betragen kann. Viele Frauen, vor allem im städtischen Bereich, wenden sich bei Auftreten dieser Probleme wahrscheinlich gleich an ihren Gynäkologen, doch auch der Allgemeinmediziner ist ein wichtiger Ansprechpartner. SCHMERZ- HAFTER ZYKLUS Rund jede dritte Frau leidet an Beschwerden vor oder während der Regel. Die Beschwerden können den Alltag wesentlich beeinträchtigen und auf organische Erkrankungen hinweisen. Spezielle Aufmerksamkeit ist notwendig, wenn die Beschwerden mit unerfülltem Kinderwunsch einhergehen. Fachliche Prüfung Univ.-Doz. Mag. Dr. Beda Hartmann, Abteilungsvorstand Geburtshilflich-Gynäkologische Abteilung, Sozialmedizinisches Zentrum Ost – Donauspital, Wien Redaktion Dr. Lydia Unger-Hunt Foto: Xxxx/GettyImages 12 . ärztemagazin . 19 2018

Foto: bymuratdeniz/GettyImages 1. PRÄMENSTRUELLES SYNDROM Rund 75 Prozent aller Frauen nehmen in der zweiten Hälfte des Menstruationszyklus (Lutealphase) gewisse psychische und/oder körperliche Symptome wahr. Ein behandlungsbedürftiges prämenstruelles Syndrom (PMS) ist dagegen viel seltener und wird je nach Kriterien auf 20 bis 50 Prozent der menstruierenden Frauen geschätzt. Der Anteil der Frauen mit „prämenstrueller dysphorischer Störung“ (PMDS) (potenziell ausgeprägter Leidensdruck) ist noch einmal geringer, er wird auf rund zwei bis fünf Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter geschätzt. 1.1 SYMPTOMATIK Die Symptomatik eines PMS kann sehr unterschiedlich sein, als typisch gelten gesteigerte Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen, Anspannung und depressive Verstimmungen. Auch Wut, Apathie, Konzentrationsschwierigkeiten, Appetitveränderungen (z.B. Heißhungerattacken, Verlangen nach bestimmten Lebensmitteln wie etwa Süßigkeiten) oder Schlafstörungen können auftreten. Zu den körperlichen Symptomen zählen Empfindlichkeit der Brust beziehungsweise Kopf- oder Muskelschmerzen. Von einer PMDS spricht man dann, wenn l während der meisten Menstruationszyklen des vergangenen Jahres mindestens fünf der oben genannten Symptome über die meiste Zeit während der letzten Woche vor Beginn der Menstruation bestanden, mit Rückbildung innerhalb weniger Tage nach ihrem Einsetzen l es zu einer Beeinflussung beruflicher Leistungen und sozialer bzw. familiärer Beziehungen kommt l die Symptome nicht Ausdruck einer anderen Störung sind (Depression, Angststörung) l die Störung durch eine tägliche Selbstbeobachtung über mindestens zwei Zyklen bestätigt wird. Die Abgrenzung gelingt entsprechend nur durch eine ausführliche Anamnese und körperliche Untersuchung; in den meisten Fällen werden auch Laborbefunde erhoben, die ebenfalls richtungsweisend sein können, da sich während der Beschwerden erhöhte Entzündungswerte im Blut zeigen. Eine wertvolle Hilfe für Arzt und Patientin ist ein Regelkalender, in dem das Auftreten der Beschwerden festgehalten wird. Dieses Regeltagebuch erlaubt nicht nur eine bessere Abstimmung der Behandlung, die Patientin kann sich auch, so weit möglich, besser auf die Krisentage einstellen. 1.2 URSACHEN Die genauen Auslöser der Beschwerden im Rahmen des prämenstruellen Syndroms sind trotz jahrzehntelanger Forschungen nicht geklärt. Weder die ethnische Herkunft oder der Kulturkreis noch der sozioökonomische Status haben nach bisherigem Kenntnisstand einen Einfluss auf die Entstehung und Schwere des PMS. Dass es einen hormonellen Zusammenhang gibt, ist schon alleine dadurch begründet, dass die Beschwerden zyklisch auftreten und mit Beginn der Menopause verschwinden. Ein ursächlich auslösendes Hormon konnte bis jetzt nicht gefunden werden. Das Hormon der zweiten Zyklushälfte – Progesteron – scheint aber an den Beschwerden beteiligt zu sein. Ein exogener Faktor konnte jedenfalls identifiziert werden: Alkohol. Einem aktuellen Review von 19 epidemiologischen Studien zufolge ist der Konsum von Alkohol mit einem erhöhten Risiko für PMS verbunden (OR 1,45); bei starkem Alkoholkonsum (definiert als täglich mindestens ein alkoholisches Getränk) lag eine OR von 1,79 vor. 3) 2–4% ALLER FRAUEN IM GEBÄRFÄHIGEN ALTER LEIDEN AN EINER PRÄ- MENSTRUELL DYSPHORISCHEN STÖRUNG Klassifikation nach ICD-10 ●● N94: Schmerzen und andere Beschwerden, die an den weiblichen Organen und mit dem Menstruationszyklus auftreten ●● N94.4 primäre Dysmenorrhö ●● N94.5 sekundäre Dysmenorrhö 1.3 THERAPIE Das bloße Wahrnehmen körperlicher und/oder psychischer Symptome in der zweiten Hälfte des Zyklus muss nicht unbedingt zu einer medikamentösen Behandlung führen. Oftmals sind Aufklärung, Veränderungen des Lebens- und Ernährungsstils oder Sport zur Beseitigung der körperlichen Begleitsymptome (Brustspannen, Kopfschmerzen etc.) ausreichend. Manchmal bessert sich die Symptomatik deutlich nach Gabe eines Kontrazeptivums. Bei schwerer Symptomatik (z.B. bei der PMDS) mit Betonung der psychischen Beschwerden (Reizbarkeit, Anspannung, Depressivität) kann eine medikamentöse Behandlung mit einem Antidepressivum (SSRI) von Vorteil sein, Wirksamkeitsnachweise liegen für verschiedene Substanzen vor (Fluoxetin, Paroxetin, Citalopram, Sertralin, Venlafaxin). Dabei scheinen diese Substanzen sowohl mit einer kontinuierlichen Gabe während des gesamten Zyklus als auch mit einer Verabreichung nur in der zweiten Zyklushälfte (= intermittierende Gabe) wirksam zu sein. Empfehlenswert ist die Abgrenzung zur klassischen depressiven Episode und die Einbindung eines Facharztes für Psychiatrie im Bezug auf die Differenzialdiagnose anderer psychischer Erkrankungen und ggf. indizierte medikamentöse Therapie. Bei stark ausgeprägter Symptomatik kann es auch sinnvoll sein, eine Pille im Langzyklus zu nehmen, d.h. das Kontrazeptivum ohne Einnahmepause einzunehmen und damit eine therapeutische Amenorrhö zu induzieren. Bleibt der Erfolg dieser hormonellen Therapie aus, ist wie bereits besprochen eine Überweisung an den Facharzt für Psychiatrie sinnvoll. Die Patientin sollte darüber aufgeklärt werden, dass bei Erfolg einer medikamentösen Therapie die Medikamente nicht automatisch über viele Jahre eingenommen werden müssen; ein langsam ausschleichender Absetzversuch kann bereits nach sechs bis neun Monaten durchgeführt werden. 2. DYSMENORRHÖ Dysmenorrhö bezeichnet Schmerzen, die entweder zeitgleich mit der Menses oder bereits ein bis drei Tage früher auftreten. Die Schmerzen erreichen nach rund 24 Stunden ein Maximum und klingen nach zwei bis drei Tagen ganz ab. Der Dauerschmerz kann dabei stechend, krampfartig und dumpf sein und gelegentlich in die Beine ausstrahlen. Oft können sekundär Kopfschmerzen, Übelkeit, Obstipation oder Durchfall sowie Schmerzen im unteren Rücken auftreten. Die Dysmenorrhö kann primär oder sekundär bedingt sein. 2.1 PRIMÄRE DYSMENORRHÖ Bei der primären Dysmenorrhö lassen sich die Symptome nicht durch strukturelle gynäkologische Erkrankungen erklären. Derzeit geht man davon aus, dass der Schmerz auf Uteruskontraktionen und Ischämie zurückzuführen ist, die vermutlich durch Prostaglandine (z.B. Prostaglandin F 2alpha , ein starkes myometriales Stimulans und Vasokonstriktor) und andere Entzündungsmediatoren (die durch das sekretorische Endometrium produziert werden) ausgelöst werden. Eventuell verlängern sie auch die Uteruskontraktionen und verringern den Blutfluss zum Myometrium. Folgende Einflussfaktoren sind mittlerweile bekannt: l Passage des Menstruationsgewebes durch den Gebärmutterhals l Ein enger Muttermund l Eine Fehlstellung der Gebärmutter l Bewegungsmangel l Die Angst vor der Menstruation u 19 2018 . ärztemagazin . 13

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