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ärztemagazin 19/2018

GRAZER FORTBILDUNGSTAGE

GRAZER FORTBILDUNGSTAGE Leben Sie so ungemütlich wie möglich! Körperliches Training ist eine effektive Therapieform, die jedem Gesunden zur Vorbeugung und jedem Patienten als Therapie angeboten und in dessen Alltag integriert werden sollte. Doch in der Umsetzung hapert es. VON DR. RÜDIGER HÖFLECHNER WER MENSCHEN NACH einem Langstreckenflug am Flughafen beobachtet, stellt fest: Mit der Bewegung haben wir es offensichtlich nicht so. Nach elf Stunden Sitzen stellen sich fast alle Passagiere an der Rolltreppe an, kaum jemand benutzt die Stiege. „Ohne es richtig zu bemerken, sind wir in eine Epidemie der körperlichen Inaktivität hineingerutscht.“ Univ.-Prof. DDr. Josef Niebauer, Vorstand des Universitätsinstitutes für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, illustriert seine Feststellung noch mit einem anderen für Städtereisen heute typischen Szenario: Während vor einigen Jahren die Sehenswürdigkeit noch zu Fuß abgeklappert wurden und Touristen abends müde in die Kissen ihrer Hotelbetten sanken, steht heute für die Sightseeing-Tour ein Bus bereit, der die Reisenden von einer Segway-Station zur nächsten karrt. „Wir meiden heute Bewegung, wo wir es können. So als wäre körperliche Aktivität etwas ganz Gefährliches.“ IN DIE WIEGE gelegt ist uns dieses Vermeidungsverhalten nicht: Kaum können Kinder stehen, versuchen sie schon davonzulaufen. Bis wir sie bremsen, weil wir unsere Ruhe haben wollen, und ihnen ein Tablet in die AUGMENTED REALITY-APP https://medon line.at/ar-app Hand drücken. Auch mit unserer Vorbildfunktion sieht es nicht allzu gut aus: Es nützt wenig, wenn wir Kinder später animieren, Sport zu betreiben. „Wir lernen nicht an dem, was Papa sagt, sondern an dem, was Papa macht“, formuliert Niebauer eines der Grundprinzipien von Erziehung. Wenn der Vater nicht Fußball spielt, sondern den Rasenballsport (© Leipzig) nur passiv vor dem Fernseher verfolgt, wird wahrscheinlich auch der Sprössling keine Sportskanone werden. Landen die nicht verbrannten Kalorien dann auf den Hüften, beginnt oft ein Circulus vitiosus: Welche Kinder werden in der Schule vom Sport befreit? In erster Linie die übergewichtigen, die nicht gut im Turnen sind. „Das ist so, als würden wir Kinder, die in Mathematik schlecht sind, vom Mathematikunterricht befreien“, verdeutlicht der Sportmediziner die Absurdität dieser Gepflogenheit. IM DURCHSCHNITT legt der klassische Schreibtischtäter heute pro Tag nur noch etwa 300 bis 700m zu Fuß zurück. Weit entfernt von den 10.000 Schritten, die empfohlen werden. Da wundert es wenig, dass mittlerweile fast die Hälfte der österreichischen Bevölkerung einen BMI über 25kg/m² hat. Wir wissen längst: RHEUMATOIDE ARTHRITIS Was Allgemeinmediziner über chronisch rheumatoide Arthritis wissen sollten, wurde von Prof. Dr. Harald Burkhardt von der Goethe-Universität Frankfurt/Main vorgestellt. Dabei stehen nicht nur neue Therapien im Vordergrund, sondern auch grundlegende Erkenntnisse über die Entstehung der Erkrankung. Fotos: Ivan Marjanovic/GettyImages, medonline.at (2) 18 . ärztemagazin . 19 2018

Sitzen ist das neue Rauchen. Menschen, die acht Stunden und mehr pro Tag sitzen und sich nur fünf Minuten bewegen, haben eine um 60 Prozent höhere Gesamtsterblichkeit als Vergleichspersonen, die nur vier Stunden sitzen und sich zumindest eine Stunde bewegen. „Nicht Blutzucker oder Blutdruck, sondern körperliche Aktivität ist der stärkste Prädiktor für Mortalität“, fasst Niebauer die Datenlage zusammen. Bewegung ist eine Polypill, die so gut wie alle Risikofaktoren für Zivilisationskrankheiten günstig beeinflusst. Die gute Nachricht für Bewegungsmuffel: Das durch langes Sitzen erhöhte Sterberisiko lässt sich auch ohne Leistungssport ausgleichen! Dafür reicht bereits eine Stunde flottes Gehen pro Tag. Und die vielleicht wichtigste Botschaft des Sportmediziners: „Je schlechter die Fitness, desto leichter kann man sich verbessern! Die unfitten Patienten sind die, die in kürzester Zeit am stärksten profitieren.“ DIE WHO EMPFIEHLT, zumindest 150 Minuten pro Woche Bewegung mit mittlerer Intensität durchzuführen. Eine Vorgabe, die über 70 Prozent der Bevölkerung nicht erfüllen. Bis zu einem Umfang von sechs Stunden pro Woche hat körperliches Training wahrscheinlich noch einen weiteren gesundheitlichen Nutzen. „Wenn Sie noch mehr Sport machen, können Sie damit natürlich noch Ihre Leistungsfähigkeit verbessern“, erklärt der Experte. „Einen zusätzlichen Vorteil für die Gesundheit hat das aber nicht mehr.“ Von vermehrter körperlicher Aktivität profitiert übrigens nicht nur jeder Einzelne von uns, sondern auch das Gesundheitssystem. Trotz Sportverletzungen und Reha-Kosten ist die volkswirtschaftliche Bilanz von sportlicher Betätigung äußerst positiv. Otmar Weiß und seine Mitarbeiter bezifferten 2016 in der „Österreichischen Ärztezeitung“ die Kosten von Sportausübung durch Unfälle und Verletzungen mit 398 Millionen Euro. Dem gegenüber stellten sie einen Nutzen durch vermiedene Krankheitskosten in der Höhe von 1.110 Millionen Euro. Fasst man die internationalen Trainingsempfehlungen zusammen, sollte jeder Mensch lebenslang drei- bis siebenmal pro Woche mindestens 30 Minuten pro Tag körperlich aktiv sein. Empfohlen werden in erster Linie dynamische Ausdauersportarten mit einem mittleren Belastungsniveau von 70 Prozent der maximalen Herzfrequenz. Das Training sollte am besten in den Alltag integriert werden. Eine Möglichkeit ist, zur Arbeit zu radeln oder zu joggen, statt das Auto oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Als Freizeitsport ist prinzipiell alles geeignet, was Spaß macht. Zusätzliche Motivation liefert ein sportlicher 150 MINUTEN BEWEGUNG MITTLERER INTENSITÄT MINDESTENS PRO WOCHE EMPFIEHLT DIE WHO Freundes- oder Kollegenkreis. Darüber hinaus müssen wir in einer Gesellschaft, die körperliche Aktivität outgesourct hat, nach Bewegung suchen, wo wir sie kriegen können. „Gestalten Sie Ihr Leben so ungemütlich wie möglich“, rät Niebauer dem Patienten, der vor der Entscheidung steht, eine Rolltreppe, einen Aufzug oder eine Stiege zu benutzen. OFT VERNACHLÄSSIGT wird das Krafttraining, dem bis zu einem Fünftel der Trainingszeit gewidmet werden sollte. Der Sportmediziner verdeutlicht das am Beispiel eines 80-jährigen Patienten: „Menschen, die ihr ganzes Leben auf ihre Fitness achten, haben mit 80 Jahren noch ungefähr die Hälfte der Kraft, die sie mit 20 hatten.“ Beginnt man erst in der Midlife-Crisis zu trainieren, reduziert sich dieser Prozentsatz schon auf 30 Prozent. Das ermöglicht in der Regel aber immerhin noch, selbstständig den Haushalt zu führen und unabhängig zu leben. Wer nie körperlich aktiv war, dem bleibt im Alter ein Zehntel seiner ursprünglichen Kraft. „Diesen Menschen finden Sie mit 80 im Pflegeheim.“ Niemand sollte sagen, er habe es nicht gewusst: Die Evidenz für den Nutzen von körperlicher Aktivität ist überwältigend. Mit der Evidenzklasse Ia lassen die WHO-Empfehlung für körperliche Aktivität und daran angelehnte internationale Leitlinien viele etablierte medikamentöse Therapien hinter sich. In einer prospektiven taiwanesischen Kohortenstudie wurden über 400.000 Menschen nach dem Ausmaß ihrer körperlichen Aktivität in fünf Gruppen geteilt. Im Vergleich zu den inaktivsten Studienteilnehmern hatten die körperlich aktivsten Taiwanesen 35 Prozent weniger Gesamtmortalität, 22 Prozent weniger Karzinome, 45 Prozent weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 50 Prozent weniger Diabetes. „Das sind Zahlen, mit denen kein Medikament mithalten kann“, so der Experte. ABER IST DAS WIRKLICH NEU? Wissen wir das nicht längst schon alle? Nur bei der Umsetzung dieser Erkenntnisse sind wir nach wie vor viel zu wenig konsequent. Dabei bedarf es oft nur eines kleinen Motivationsschubes. Zumindest bei mir hat es gewirkt: Schon ahnend, dass mir bei dieser Morgenvorlesung wer ins Gewissen reden würde, habe ich mich immerhin heute Früh trotz 8°C Außentemperatur auf das Rad geschwungen, statt den Bus zu nehmen … QUELLE: NIEBAUER, J. „ERSPAREN BEWEGUNG UND SPORT DEN GANG ZUM ARZT?“, MORGENVORLESUNG IM RAHMEN DER 29. GRAZER FORTBILDUNGSTAGE, GRAZ, 12. OKTOBER 2018 u WANDEL UND KONSTANZ Der Fortbildungsreferent der Ärztekammer für Steiermark, Univ.-Prof. Dr. Hermann Toplak, ist seit Jahren mitverantwortlich für das Programm der Grazer Fortbildungstage. Seiner Beobachtung nach haben sich die Fortbildungsbedürfnisse in den unterschiedlichen Fachrichtungen jeweils deutlich verändert, dennoch gelingt es der Veranstaltung seit Jahren, konstant viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach Graz zu locken. 19 2018 . ärztemagazin . 19

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