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ärztemagazin 19/2018

AKTUELL GEWALT UND

AKTUELL GEWALT UND AGGRESSION IN ARZTPRAXEN ÖSTERREICH IM EXEKUTIVRAT DER WHO AGGRESSION und Gewalt in Arztpraxen sind zunehmend ein Problem. Die Österreichische Ärztekammer plant daher eine interne Umfrage unter niedergelassenen Ärzten, um sich Klarheit über das Ausmaß zu verschaffen. Abhängig vom Ergebnis soll dann ein Maßnahmenpaket erarbeitet werden, etwa Informationsmaterialien, Kurse oder eine Hotline. ÖSTERREICH ist für den Exekutivrat der Weltgesundheitsorganisation WHO für die Jahre 2019 bis 2022 nominiert worden. Damit ist eine verstärkte Teilhabe an UNO-Aktivitäten im Bereich der Gesundheit sowie eine vermehrte Akzentsetzung in den Leitungsgremien der WHO verbunden. Die formale Bestätigung erfolgt im Mai kommenden Jahres. LÜCKEN BEI KINDER- PSYCHIATRIE ESSEN IN SCHULE UND KINDERGARTEN BEI DER PSYCHISCHEN Versorgung Minderjähriger gibt es noch immer große Lücken. Dies geht aus dem aktuellen Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich hervor. Der Ausbau der Kinderpsychiatrie in den vergangenen zehn Jahren habe lediglich die Versorgung von einem sehr niedrigen auf ein niedriges Niveau angehoben. DIE QUALITÄT des Schul- und Kindergartenessens in Österreich ist laut einer Untersuchung von Greenpeace regional extrem verschieden. „Manche Kinder bekommen regelmäßig regionales Bio-Essen mit viel gesundem Obst und Gemüse, anderen wird täglich industrielle Massenware unbekannter Herkunft vorgesetzt“, heißt es seitens der NGO. Nur fünf der 25 untersuchten Gemeinden erreichen in Sachen Bio eine gute Bewertung, nämlich Saalfelden, Wolfsberg, Villach, Klosterneuburg und Wien. Greenpeace fordert nun verbindliche Vorgaben. Einheitliche Standards für Schulkantinen gefordert KASSENREFORM ZWEIFEL AN DER PATIENTEN- MILLIARDE RECHNUNGSHOF STELLT HÖHE DER GEPLANTEN EINSPARUNGEN IN FRAGE. Keuchhusten Erwachsene, die mit Babys Kontakt haben, sollten ihren Impfschutz betreffend Keuchhusten überprüfen und auffrischen. Diese Empfehlung, die sich insbesondere an Eltern, Großeltern, Geschwister, Babysitter und Tagesmütter richtet, hat die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) ausgesprochen. Für Säuglinge stellt Pertussis eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung dar. Die gemeldeten Keuchhustenfälle haben in Österreich in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Wurden im Jahr 2015 noch 579 Fälle gemeldet, ist die Zahl 2017 auf 1.411 Fälle angestiegen. 2018 sind laut ÖGKJ österreichweit bereits 716 Keuchhustenfälle gemeldet worden. 8 Weiterführende Info: https://www.kinderaerzte-im-netz.at RH: Grundlagen der Patientenmilliarde „nicht nachvollziehbar“ Die Ärztekammer begrüßt die von der Regierung durch Einsparungen im System versprochene Patientenmilliarde – „sofern diese auch tatsächlich am Ende des Tages bei den Patienten mit besserer Versorgung und mehr Leistungen für eine optimale österreichweite Gesundheitsversorgung ankommt“, wie Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, einräumt. Tatsächlich aber bezweifeln – von der Arbeiterkammer bis zu diversen Gebietskrankenkassen – zahlreiche Einrichtungen und Organisationen, dass es diese Milliarde tatsächlich gibt. Zuletzt äußerte der Rechnungshof Zweifel an der Darstellung der Kosten. „Es fehlen transparente und nachvollziehbare Berechnungsgrundlagen“, heißt es in einer Begutachtungsstellungnahme. Die Darstellung der Kosten entspreche nicht den gesetzlichen Anforderungen. Sie sei „unvollständig, basiert auf nicht nachvollziehbaren Grundlagen. Damit ist sie nicht geeignet, dem Gesetzgeber eine aussagekräftige Entscheidungsgrundlage zu bieten.“ Rechnungshof-Präsidentin Dr. Margit Kraker fordert eine Überarbeitung der Darstellung: „Man muss das Spiel mit Zahlen beenden.“ Kraker kritisiert, dass der Nachweis fehle, wie man – wie von der Regierung behauptet – Einsparungen von einer Milliarde Euro erreichen kann. Auch bei den in den Erläuterungen zur Gesetzesnovelle angeführten 33 Millionen Euro bis 2023 sei nicht klar, wie man dazu komme: „Die Grundlage ist nicht nachvollziehbar“, kritisiert die Rechnungshof-Präsidentin und urgiert eine transparente Darstellung sowie eine seriöse Planung. Ansonsten könne es zu Verunsicherungen kommen, die die Reform gefährden. Ebensowenig gebe es eine inhaltliche Begründung für die Annahme, dass mit der Reform die Verwaltungskosten um zehn Prozent reduziert werden Fotos: Lightboxx/GettyImages, Milatas/GettyImages, Samara Vise 4 . ärztemagazin . 19 2018

Angelika Amon, geboren in Wien, heute am MIT INTERNET können, kritisiert Kraker – im Gegenteil: Zu erwartende Mehrkosten würden verschwiegen. „Der Rechnungshof unterstützt zwar ausdrücklich das Ziel einer effizienten Verwaltung, weist aber auf das Risiko hin, dass Personalreduktionen ohne entsprechende begleitende Prozessveränderungen einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nachteil für die Versicherten bewirken könnten“, unterstreicht sie. Überdies moniert der Rechnungshof, dass die Fusionskosten, die zum Beispiel durch die Neuanmietung von Büros, EDV- Umstellungen oder Beratungskosten entstehen, nicht bewertet sind. Der Rechnungshof macht ausdrücklich auf die Kosten der Fusion der Pensionsversicherungsanstalten von Arbeitern und Angestellten im Jahr 2007 aufmerksam, die 114,8 Millionen Euro ausmachten, und verweist „auf das Risiko, dass ohne weitere Maßnahmen bei den vorgeschlagenen Fusionsvorhaben vermeidbare Mehraufwendungen entstehen könnten“. Das Nettoergebnis der vorgeschlagenen Maßnahmen für die aus den zusammengelegten Gebietskrankenkassen entstehende Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) laufe Gefahr, aus den genannten Gründen in den ersten fünf Jahren nicht wie dargestellt positiv, sondern „deutlich negativ“ auszufallen, heißt es in der Stellungnahme. VERSAND- APOTHEKEN FLORIEREN Immer mehr Österreicher bestellen nicht rezeptpflichtige Medikamente wie Schmerz- und Erkältungsmittel sowie Verdauungs- und Diät- Produkte im Internet. Die Bestellungen haben heuer um rund zwölf Prozent zugelegt, wie das Marktforschungsinstitut IQVIA vorrechnet. Die österreichische Versandapotheke Vamida etwa hat nach Eigenangaben 200.000 Kunden, die monatlich 10.000 Pakete nach Hause bestellen. PROF. DR. ANGELIKA AMON HÖCHSTER FORSCHUNGS- PREIS AN ÖSTERREICHERIN Die aus Österreich stammende Molekularbiologin Prof. Dr. Angelika Amon vom Howard Hughes Medical Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) erhält einen von vier Breakthrough- Preisen für Lebenswissenschaften. Mit einem Preisgeld von drei Millionen Dollar (2,6 Mio. Euro) gilt die Ehrung als höchstdotierte Wissenschaftsauszeichnung der Welt. Amon erforscht das Phänomen der Aneuploidie (bei der Zellteilung entstehende Gendefekte) und ist damit den zellulären Ursachen der Krebsentstehung auf der Spur. NOVELLE Neues Ärztegesetz: Viel Lob, aber auch Kritik Ärzte können Ärzte anstellen; Beistand für Sterbende neu geregelt; Alternativmedizin soll Ärzten vorbehalten sein. Die Novelle des Ärztegesetzes, die sich derzeit in Begutachtung befindet, bringt eine Reihe von Änderungen mit sich. Erfüllt wurde eine langjährige Forderung der Ärzte: Zur selbständigen Berufsausübung berechtigte Ärzte können in Zukunft andere Ärzte anstellen. In Ordinationen soll in Zukunft ein Arzt auf Vollzeitbasis angestellt werden können, in Gruppenpraxen bis zu zwei. „Für den Ärztenachwuchs bietet dies die attraktive Möglichkeit, auch im niedergelassenen Bereich zunächst in einem Anstellungsverhältnis zu beginnen“, erläutert ÖVP-Gesundheitssprecherin Gaby Schwarz. Die freiberufliche selbständige Vertretungsmöglichkeit bei Verhinderung des Ordinationsinhabers bleibt weiterhin möglich, was Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, gegenüber der Zeitschrift „doktor in wien“ ausdrücklich hervorhebt. Der Gesetzesentwurf umfasst auch eine Neuregelung über den ärztlichen Beistand für Sterbende. Es wird präzisiert, dass es bei Sterbenden zulässig ist, „im Rahmen palliativmedizinischer Indikationen Maßnahmen zu setzen, deren Nutzen zur Linderung schwerster Schmerzen und Qualen im Verhältnis zum Risiko einer Beschleunigung des Verlusts vitaler Lebensfunktionen überwiegt“. Damit ist nun Rechtssicherheit geschaffen für Ärzte, die bei sterbenden Patienten nicht bis zur letzten Lebensminute jede therapeutische Option ausschöpfen und auf belastende Therapien, die keinen Nutzen mehr bringen, verzichten. Damit werde eine langjährige Forderung umgesetzt, freut sich Prim. Univ.- Prof. Dr. Rudolf Likar, MSc, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) und der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG). Weiters sollen in Zukunft komplementär- und alternativmedizinische Heilverfahren allein Ärzten vorbehalten sein. Die Absicht dahinter ist der Schutz vor Kurpfuscherei, weil unter den Arztvorbehalt nur jene Behandlungstätigkeiten fallen, „die ein Mindestmaß an Rationalität aufweisen“, wie es in den Erläuterungen zu dem Gesetzesentwurf heißt. Szekeres begrüßt die vorgesehene Änderung: Dass Alternativmedizin existiert, sei ein Faktum – und „wenn, dann gehört das in die Hände von Ärzten“, erklärte der Ärztekammerpräsident gegenüber dem „Standard“. Es müsse verhindert werden, dass jemand keine schulmedizinische Versorgung bekommt, wenn er sie braucht. Wenn die Reform das sicherstellen kann, sei das zu begrüßen. Die NEOS allerdings bezeichnen die geplante Änderung als „verantwortungslos“ und sehen darin einen „Freibrief für die Anwendung von esoterischen Verfahren durch Ärzte“. Ebenfalls im Gesetzesentwurf enthalten ist eine Regelung für den erleichterten Zugang zur Notarzttätigkeit für Turnusärzte, deren Ausbildung weitgehend abgeschlossen ist. Diese soll ihnen erlauben, an Einsätzen im Rahmen von organisierten Notarztdiensten, die an Krankenanstalten angebunden sind – unter Voraussetzung einer entsprechenden Ausbildung –, auch ohne Anleitung und Aufsicht eines Notarztes eigenverantwortlich teilzunehmen. Auch die Ausbildung für Notärzte wird neu geregelt: Diese müssen in Hinkunft einen von der Ärztekammer anerkannten Lehrgang mit zumindest 80 Lehreinheiten und mindestens 20 notärztliche Einsätze sowie eine Abschlussprüfung absolvieren. 19 2018 . ärztemagazin . 5

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