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CliniCum 03/2017

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Kinder- und

Kinder- und Jugendgynäkologie Improvisierte Lösungen Die Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie Österreich, kurz PIKÖ, will Bewusstsein schaffen und bietet dazu Ausbildungsseminare an. Von Dr. Norbert Hasenöhrl ❙ ❙ „Man muss ganz klar sagen, dass es bis vor Kurzem in Österreich keine Ausbildungsmöglichkeit in Kinderund Jugendgynäkologie sowie in der notwendigen Forensik bei Verdacht auf sexuelle Gewalt gegeben hat. Das lernt man in der gynäkologischen Fachausbildung nicht“, erklärte Dr. Sigrid Schmidl, niedergelassene Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und Vorstandsmitglied der neu gegründeten Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie (PIKO). „Wir sind als Österreicher ja nicht schlecht im Improvisieren, und so konnte anlassbezogen für kinder- und jugendgynäkologische Fragestellungen immer wieder eine Lösung gefunden werden“, sekundierte Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im Landesklinikum St. Pölten und ebenfalls PIKÖ-Vorstandsmitglied, „aber dieser Bereich ist derzeit in Österreich nicht strukturiert, nicht systematisiert und schon gar nicht institutionalisiert.“ Mehr Bewusstsein schaffen, Kompetenz verankern Das will PIKO ändern – und auch gegenüber Deutschland und der Schweiz aufholen, wo bereits sehr aktive Arbeitsgemeinschaften existieren. Bisher war es für österreichische Gynäkologinnen oder Pädiaterinnen notwendig, z.B. nach Deutschland zu fahren, um dort entsprechende Seminare zu besuchen. „Ich schätze, dass bisher 50 bis 60 österreichische Kolleginnen und Kollegen in Deutschland solche Seminare besucht haben“, mutmaßte Schmidl. In Österreich fand 2015 ein sehr gut besuchtes Seminar zum Thema sexuelle Gewalt statt. 2016 wurde ein erstes Basisseminar unter dem Titel „Kinder- und Jugendgynäkologie für PädiaterInnen und GynkäkologInnen“ unter der Leitung von Dr. Francesca Navratil, der Doyenne der Kinder- und Jugendgynäkologie in der Schweiz, durchgeführt. „Das erste Seminar mit Francesca Navratil war innerhalb von Tagen ausgebucht, das zweite ebenfalls, und dieser Tage machen wir ein drittes Seminar. Trotzdem haben wir immer noch Kollegen und Kolleginnen auf der Warteliste“, erinnerte sich Schmidl. „Wir haben derzeit in Österreich dieses Niveau noch nicht und laden deshalb Top- Expertinnen wie Francesca Navratil aus der Schweiz oder Bernd Herrmann aus Deutschland ein, um diese Seminare zu leiten“, fuhr die Gynäkologin fort. Ziel von PIKÖ ist es, Basisseminare österreichweit anzubieten. So ist für Herbst 2017 ein solches Seminar in Graz geplant. „Wir wollen kein neues Sonderfach schaffen“, betonte Zwiauer, „sondern vielmehr die Kompetenz zur gynäkologischen Untersuchung und Versorgung von Mädchen im Kindes- und Jugendalter gleichermaßen bei Pädiatern wie bei Gynäkologen verankern. Und die große Nachfrage aus beiden Fächern bestätigt uns, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.“ Interdisziplinäre Zusammenarbeit stärken Die PIKÖ ist aber auch konkreter fachlicher Ansprechpartner für ihre Mitglieder. Schmidl erklärte das so: „Es gibt eine Menge an Randbereichen in der Kinder- und Jugendgynäkologie, wo Fragestellungen auftauchen, die spezielle Expertise auch aus anderen Fächern benötigen. So betreffen etwa Fehlbildungen im gynäkologischen Bereich aus Gründen der Embryologie bzw. Anatomie häufig auch den urologischen Bereich, da brauchen wir also Kinderurologen, manchmal auch Chirurgen oder Endokrinologen. Bei durch sexuelle Gewalt traumatisierten Dr. Sigrid Schmidl, Vorstandsmitglied PIKÖ: „Es gab bislang keine standardisierte Ausbildung.“ Details unter www.pikoe.at Mädchen sind oft speziell geschulte Psychiaterinnen oder Gynäkologinnen gefragt. Und wir haben Experten in all diesen Fächern als Ansprechpartner für unsere Mitglieder. Diese können über die Homepage Fragen an die Expertinnen stellen, die dann umgehend beantwortet werden.“ Forensische Standards erfüllen Ein besonderes Problem sind die kindergynäkologischen Untersuchungen bei Verdacht auf sexuelle Gewalt. Hier müssen nicht nur medizinische, sondern auch forensische Standards eingehalten werden. „Das geschieht leider oft überhaupt nicht, da es ja bisher eben auch keine diesbezügliche standardisierte Ausbildung gab“, kritisierte Schmidl, die selbst auch als Gutachterin auf diesem Gebiet tätig ist. „Es passiert leider immer wieder, dass Untersuchungen wiederholt werden müssen, weil die Erstunter suchung im Krankenhaus qualitativ nicht hinkommt und forensische Standards nicht erfüllt. Das sollte dem ohnehin traumatisierten Mädchen aber unbedingt erspart werden“, forderte die Gynäkologin. Hier standardisierte Kriterien zu schaffen, wer mit welchem Ausbildungsstand solche Untersuchungen durchführen darf, ist eine Forderung der Plattform an die Gesundheitspolitik. Ein thematisch breites Feld Es geht jedoch in der Kinder- und Jugendgynäkologie nicht nur um sexuelle Gewalt und Traumatisierung. „Die Palette der Indikationen und Themen ist groß“, betonte Zwiauer. „Bei Kindern geht es unter anderem um vaginale Blutungen, Fremdkörper, Vulvitis oder rezidivierende Harnwegsinfekte; bei Jugendlichen kommen mit der Entwicklung der Sexualität Themen wie First-Love-Ambulanzen, Kontrazeption, gynäkologische Erstuntersuchungen bis hin zur HPV-Impfung dazu.“ Die beiden Experten sind sich darüber einig, dass es in jedem Krankenhaus, aber auch im niedergelassenen Bereich, Expertise in Kinder- und Jugendgynäkologie sowie auch in Forensik bezüglich sexueller Gewalt braucht. PIKÖ will hier Bewusstsein schaffen und konkrete Ausbildungsschritte setzen, um den wichtigen Bereich der Kinder- und Jugendgynäkologie konkret im österreichischen Gesundheitssystem zu verankern. ❙ Foto: Privat 30 clinicum CC 3/17

Medizingeschichte Ein Meilenstein für die Entwicklung bioethischer Grundlagen Die MedUni Wien lud zu einem internationalen Symposium über den vor 70 Jahren in Nürnberg stattgefundenen Prozess gegen Mediziner, die in nationalsozialistischen Konzentrationslagern Menschenversuche durchführten, und die nachhaltigen Folgen für das ärztliche Selbstverständnis. Von Volkmar Weilguni ❙❙ Im August 1947 wurden im „Ärzteprozess“ von Nürnberg die Urteile gesprochen. Den 20 angeklagten Ärzten (und drei Verwaltungskräften) wurden medizinische Experimente in den Konzentrationslagern zur Last gelegt, unter anderem Höhenversuche in Unterdruckkammern, Unterkühlungsversuche, Fleckfieber-, Sulfonamid- und Giftexperimente sowie Experimente zur Trinkbarmachung von Meerwasser. Sieben der Angeklagten wurden am Ende vom amerikanischen Militägericht zum Tod verurteilt, fünf zu lebenslanger Haft, vier zu langjährigen Haftstrafen. Rektor Univ.-Prof. Dr. Markus Müller erinnerte im Rahmen eines 70 Jahre danach von der MedUni Wien veranstalteten Symposiums an die „besondere Grausamkeit“ dieser Verbrechen, da Mediziner einer der zentralen Grundsätze ihrer ärztlichen Tätigkeit, nämlich Menschen niemals zu schaden, „auf das Gröbs te“ verletzt hatten. Unter dem Eindruck der 140 Verhandlungstage formulierte das US-Gericht zehn Grundsätze für „Permissible Medical Experiments“, die unter dem Namen Nürnberger Kodex die Entwicklung der medizinischen Forschung bis heute nachhaltig prägen sollten. Viele der hier erstmals formulierten Grundsätze wurden später übernommen bzw. weiterentwickelt, unter anderem von den Kodizes der UNESCO, des Weltärztebundes („Deklaration von Helsinki“) und des Europarates. „Seit dem Nürnberger Kodex gelten Bioethik, Menschenwürde und Menschenrechte gemeinsam als Grundlage jeder medizinischen Forschung. Damit ist gesichert, dass die heutige Medizin auf bioethischen Grundlagen basiert und das auch bleibt“, erläutert Univ.-Prof. Dr. Christiane Druml, UNESCO Lehrstuhl für Bioethik an der MedUni Wien und Vorsitzende der Österreichischen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt. Das Symposium an der MedUni Wien sollte aber nicht nur dieses bedeutende Kapitel der Medizingeschichte beleuchten, sondern auch an eine dunkle Phase der eigenen Geschichte erinnern. „Im März 1938 wurde ein Großteil des Fakultätskollegiums vertrieben, die jüdischen Kollegen haben Furchtbares durchmachen müssen“, erzählt Müller. Das sei nicht nur „ein schreckliches Verbrechen, sondern auch eine massive Dummheit gewesen“, weil damit ein großer Teil der Intelligenz für Generationen verloren ging. Erst spät, Mitte der 1990er Jahre, hat sich die MedUni Wien ihrer Geschichte aktiv gestellt. Besonders verdient gemacht habe sich dabei Müllers Vorgänger Wolfgang Schütz. Für seine Verdienste wurde der ehemalige Rektor erst vor zwei Jahren mit der Marietta-und-Friedrich-Torberg-Medaille der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ausgezeichnet. ❙ Foto: Claudiad/iStock Der Nürnberger Kodex 1. Freiwillige Zustimmung der Versuchsperson ist unbedingt erforderlich. 2. Der Versuch darf nicht willkürlich oder überflüssig sein, muss fruchtbare Ergebnisse für das Wohl der Gesellschaft erwarten lassen. 3. Der Versuch ist so zu planen und auf Ergebnissen von Tierversuchen und naturkundlichem Wissen über die Krankheit oder das Forschungsproblem aufzubauen, dass die zu erwartenden Ergebnisse die Durchführung des Versuchs rechtfertigen werden. 4. Unnötige körperliche und seelische Leiden und Schädigungen müssen vermieden werden. 5. Kein Versuch darf durchgeführt werden, wenn von vornherein angenommen werden kann, dass es zum Tod oder dauernden Schaden führen wird, jene Versuche ausgenommen, bei welchen der Versuchsleiter gleichzeitig als Versuchsperson dient. 6. Die Gefährdung darf niemals über jene Grenzen hinausgehen, die durch die humanitäre Bedeutung des zu lösenden Problems vorgegeben sind. 7. Es ist für ausreichende Vorbereitung und geeignete Vorrichtungen Sorge zu tragen, um die Versuchsperson auch vor der geringsten Möglichkeit von Verletzung, bleibendem Schaden oder Tod zu schützen. 8. Der Versuch darf nur von wissenschaftlich qualifizierten Personen durchgeführt werden. 9. Während des Versuches muss der Versuchsperson freigestellt bleiben, den Versuch zu beenden, wenn sie körperlich oder psychisch einen Punkt erreicht, an dem ihr seine Fortsetzung unmöglich erscheint. 10. Im Verlauf des Versuchs muss der Versuchsleiter jederzeit darauf vorbereitet sein, den Versuch abzubrechen, wenn er aufgrund des von ihm verlangten guten Glaubens, seiner besonderen Erfahrung und seines sorgfältigen Urteils vermuten muss, dass eine Fortsetzung eine Verletzung, eine bleibende Schädigung oder den Tod der Versuchsperson zur Folge haben könnte. Auszüge aus dem Originaldokument. Quelle: Mitscherlich, A. und Mielke, F. (Hrsg.): Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt a.M. 1960, S. 272f. 3/17 CC clinicum 31

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