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CliniCum neuropsy 06/2018

der beiden Erkrankungen

der beiden Erkrankungen beschrieben werden. So konnte etwa bei Tourette-Patienten, nicht aber bei OCD- Patienten eine signifikante Beteiligung seltener genomischer Varianten beobachtet werden. Außerdem scheinen bei den beiden Erkrankungen unterschiedliche Chromosomen eine relevante Rolle zu spielen (OCD: 15, TS: 2, 5, 11, 12, 16 und 20) (Davis et al., 2013). Bei dermaßen polygenetischen Erkrankung, wie OCD oder Tourette ist der Effekt einer einzelnen charakteristischen genetischen Abweichung sehr klein, der kumulative Effekt jedoch bedeutsam. Ziel ist es herauszufinden, welche Gene wie viel zum kranken Phänotyp beitragen. Bis dato konnten im Pool der Kandidatensequenzen noch keine derartigen Schlüssel-Genabschnitte mit ausreichenden Sicherheit identifiziert werden. Dafür fehle es noch an ausreichend großen Stichproben, um eine gute statistische Power zu erreichen, wofür eine rege welt weite Kollaboration notwendig ist. Ein erster Schritt in diese Richtung ist die Genetik-Arbeitsgruppe der internationalen OCD-Stiftung (International OCD Foundation, IOCDF). Diese umfasst über 50 Mitglieder in Nord- und Südamerika, Europa und Afrika und tagt seit 2002 jährlich bei der OCD-Konferenz. Bei Zwangspatienten konnte wiederholt eine reduzierte Leistung bei „Reversal learning“- bzw. Umlernprozessen gezeigt werden. Orbitofrontaler Kortex, Entscheidungen und „Reversal learning“ Über die Rolle des orbitofrontalen Kortex bei Zwangsstörungen sprach Trevor W. Robbins, Professor für kognitive Neurowissenschaften und ehemaliger Leiter der Abteilung für Psychologie der University of Cambridge. Er ist unter anderem für das Cambridge Neuropsychological Test Automated Battery (CANTAB) bekannt, ein computer-basiertes kognitives Bewertungssystem, bestehend aus einer Reihe neuropsychologischer Tests, welches er in den 1980er Jahren gemeinsam mit Prof. Barbara Sahakian entwickelte. Das CANTAB findet heute in Forschungsinstituten weltweit Anwendung. Der orbitofrontale Kortex (OFC) liegt anatomisch über den Orbitae und ist Teil des präfrontalen Kortex. Ihm wird eine wesentliche Rolle in Entscheidungsfindungsprozessen und im Reiz-Reaktions-Lernen zugesagt. Bei Zwangspatienten konnte wiederholt eine reduzierte Leistung bei „Reversal learning“- bzw. Umlernprozessen gezeigt werden. Ein solcher Umlernprozess ist etwa erforderlich, wenn die bisherige Assoziation eines Stimulus A mit einem positiven Effekt und eines Stimulus B mit negativem oder neutralem Effekt invertiert werden und nun B plötzlich vorteilhafter ist. Tatsächlich konnte eine deutlich reduzierte Akti vie rung im lateralen orbitofrontalen Kortex während Umlernaufgaben bei zwangserkranktenPatienten und interessanterweise auch bei deren nahen Verwandten beobachtet werden (Chamberlain et al., 2008). Von der Forschungsgruppe um Robbins erhaltene experimentelle Ergebnisse an Ratten und Primaten untermauern diese Theorien und bestätigen auch eine bedeutsame Rolle von Serotonin bei Umlernprozessen (Alsiö et al., 2015). Derzeit forschen Robbins und seine Kollegen an den funktionellen Unterschieden von medialem und lateralem OFC. Großes Pallidum, kleiner Hippocampus Da vorhergehende Studien im Bereich Neuroimaging aufgrund limitierter statistischer Power und uneinheit licher Methoden vielfach inkonsistente Ergebnisse geliefert hatten, wurde die ENIGMA-Initiative ins Leben gerufen. Diese umfasst 15 Konsortien zu verschiedenen zerebralen Erkrankungen, wobei allein am Konsortium zu Zwangs störung 25 Forschungsinstitute weltweit MRT-Scans von 1.830 OCD- Patienten und 1.759 Kontrollen, darunter Erwachsene und Kinder, analysieren. Dr. Premika Boedhoe vom medizinischen Zentrum der Vrije Universiteit Amsterdam präsentierte einige Ergebnisse bisher ausgewerteter MRT-Scans von etwa 1.900 OCD-Patienten und einer näherungsweise 1.800 Individuen umfassenden Kontrollkohorte. Dabei konnte bei OCD-betroffenen Erwachsenen und insbesondere bei Individuen, bei denen die Erkrankung bereits seit der Kindheit besteht, ein durchschnittlich signifikant vergrößertes Pallidum beschrieben werden. Das Pallidum spielt unter anderem eine Rolle bei repetitiven Bewegungsmustern. Diese Beobachtung ließe sich daher mit dem „Use it or loose it“-Phänomen erklären, bei dem häufig verwendete Hirnregionen besser verknüpft sind, und ist somit vermutlich eine Folge der Chronizität der Erkrankung. Zusätzlich wurde ein verkleinerter Hippocampus (essenziell für Lernen und Gedächtnis) bei erwachsenen OCD-Patienten beschrieben. Bei Kindern mit Zwangsstörungen weltweit wurde ein im Vergleich zur Kontrollgruppe vergrößerter Thalamus erfasst. Diagnose-Tools Zwangspatienten neigen dazu, die Symptome möglichst lange zu verleugnen, zu verharmlosen oder verkennen sie gar. Scham spielt sicher eine große Rolle bei der langen Durststrecke zwischen Krankheitsbeginn und Diagnosestellung, so Fineberg. In dermatologischen Einrichtungen konnten bei bis zu 20 Prozent aller Patienten Zwangssymptome aufgedeckt werden – allerdings nur nach gezieltem Nachfragen (Fineberg et al., 2003). Dies verdeutlicht, wie wertvoll gezieltes Nachfragen bei Verdacht auf eine Zwangserkrankung sein kann, wobei die Orientierung an den ICD-10- bzw. ICD-11-Kriterien schon eine gute Hilfe sein kann. Auch oben genannte häufige Komorbiditäten sollten bei der Abklärung berücksichtigt werden. Zur genaueren und objektiveren Beurteilung existieren diverse standardisierte Interviews, die jedoch mit bis zu zwei Stunden recht zeitaufwendig sind (z.B.: Diagnostisches Zohar-Fineberg Obsessive Compulsive Screen 1. Waschen und putzen Sie sehr viel? 2. Kontrollieren Sie sehr viel? 3. Haben Sie quälende Gedanken, die Sie loswerden möchten, aber nicht können? 4. Brauchen Sie für Alltagstätigkeiten sehr lange? 5. Machen Sie sich Gedanken um Ordnung und Symmetrie? Tabelle 2 Quelle: Deutsche Übersetzung aus der S3-Leitlinie Zwangsstörungen 20 neuropsy CC 6/18

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