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CliniCum neuropsy 06/2018

Vortioxetin (Brintellix

Vortioxetin (Brintellix ® ) Wichtige Option in der Therapiepalette Das multimodale Antidepressivum Vortioxetin bietet neben seiner guten antidepressiven Wirksamkeit einige patientenrelevante Vorteile und stellt bei Nichtansprechen auf First-Line-Antidepressiva eine wertvolle Therapieoption dar. Von Katharina Miedzinska, MSc ❙ ❙ „Obgleich inzwischen jeder zehnte Krankenstandstag durch eine psychische Erkrankung verursacht wird – Tendenz weiterhin steigend –, wird diesem Thema in Unternehmen nach wie vor zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet,“ so OA Dr. Markus Fischl, Kepler Universitätsklinikum, Psychiatrie 1, Linz, zu Beginn seines Vortrags. Er verweist in diesem Kontext auf die Wiedereingliederungsteilzeit (WIETZ), eine seit Juli 2017 bestehende Möglichkeit, um von längeren Krankenständen betroffene Mitarbeiter wieder schonend in den Arbeitsprozess zurückzuführen. 1 Das Beschäftigungsausmaß nach einem Langzeitkrankenstand (mind. sechs Wochen) kann bei Wiedereinstieg in das berufliche Umfeld um bis zu 50 Prozent reduziert werden, wobei die Arbeitsbelastung bis zum Erreichen der vollen Leistungsfähigkeit stufenweise erhöht wird. Die Anwendung der WIETZ sieht eine Dauer von ein bis sechs Monaten vor. Der betroffene Mitarbeiter erhält neben seinem Entgelt entsprechend der Arbeitszeitreduktion Wiedereingliederungsgeld aus Mitteln der Krankenversicherung. Rolle des Psychiaters bei Wiedereingliederung „Als Psychiater können wir den Patienten neben der Optimierung der medikamentösen Therapie auch auf die Möglichkeit der WIETZ hinweisen. Der Arbeitsmediziner ist die erste betriebliche Ansprechstelle und kann mit dem Patienten einen Wiedereingliederungsplan erstellen. Ist kein Arbeitsmediziner im Unternehmen verfügbar, dann wäre die Einrichtung ,fit2work‘ die nächste Ansprechstelle“, sagt Fischl und veranschaulicht die Rückkehr ins Arbeitsleben anhand des Fallbeispiels einer Führungskraft aus der IT-Branche mit diagnostizierter Depression und Burnout-Syndrom. Die medikamentöse Therapie mit selektiven Serotonin-Reuptakeinhibitoren (SSRI) und selektiven Serotonin- und Noradrenalin-Reuptakeinhibitoren (SNRI) wurde aufgrund von Nebenwirkungen, allen voran starkes Schwitzen und Unruhe, wieder abgesetzt. Fischl: „Der Patient wurde stattdessen mit Vortioxetin, welches er sehr gut vertragen hat, und additiven nicht medikamentösen Therapieformen behandelt.“ Der betrieblichen Wiedereingliederung ging ein gemeinsamer Gesprächstermin mit dem Patienten, der HR-Managerin und Dr. Fischl voraus. „In Hinblick auf eine schonende betriebliche Rückkehr wurde der Vorschlag, die WIETZ auf fünf Monate festzulegen, vom Patienten und der HR-Managerin gut angenommen. Ferner wurden verschiedene Strategien diskutiert, um die Arbeit an die Belastbarkeit des Mitarbeiters anzupassen”, führt Fischl aus und betont: „Wichtig ist es, die Belastung stufenweise zu erhöhen und die Rückkehr als Prozess zu betrachten.“ OA Dr. Markus Fischl Univ.-Prof. Dr. Dietmar Winkler 1 fit2work.at (http://fit2work. at/artikel/wieder eingliederungsteil zeitgesetz-wietz) 2 McIntyre et al., Int J Neuropsychopharmacol 2014; 17(10):1557–67 3 Vieta et al., J Affect Disord 2018; 227:803–9 4 Baune et al., Int J Neuropsychopharmacol 2018; 21(2):97–107 „Zeitgemäße Depressionsbehandlung mit Vortioxetin“, Satellitensymposium von Lundbeck im Rahmen der 20. Tagung der ÖGPB, Wien, 23.11.18 Vortioxetin: multimodales Wirkprinzip „Dass viele Patienten mit depressiven Episoden trotz der prinzipiell guten Effektivität von SSRI und SNRI nicht auf einen oder mehrere Therapieversuche mit den First-Line- Antidepressiva respondieren, ist ein wichtiges klinisches Problem, ebenso wie nebenwirkungsbedingte Therapieabbrüche unter diesen Substanzen“, so Univ.-Prof. Dr. Dietmar Winkler, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien. Unter den Therapieoptionen bei Nichtansprechen auf SSRI/ SNRI finden sich neue Antidepressiva, von denen Winkler vor allem Vortioxetin hervorhebt: „Als multimodale serotonerge Substanz weist Vortioxetin sechs molekulare Targets auf und geht aufgrund des klinischen Profils mit einigen patientenrelevanten Vorteilen einher.“ Indem es einerseits den Serotonin-Transporter inhibiert und andererseits direkt verschiedene serotonerge Rezeptoren moduliert, darunter auch eine starke antagonistische Wirkung am 5-HT3-Rezeptor, resultieren mehrere klinische Effekte bei guter Verträglichkeit, wobei die Verbesserung der Stimmung, verminderte kognitive Störungen und die Reduktion von Ängsten hervorzuheben sind. Sexuelle Funktionen und Kognition „Die Substanz erweist sich zudem als gewichtsneutral und zeigt ein günstiges Profil in Bezug auf Somnolenz und sexuelle Funktionen. Vor allem das geringe Potenzial für sexuelle Dysfunktionen stellt einen großen Fortschritt im Bereich der Depressionsbehandlung dar, besonders vor dem Hintergrund, dass es bei ansonsten gesunden weiblichen und männlichen Probanden unter SSRI-/SN- RI-Therapie in mehr als der Hälfte der Fälle zu Symptomen einer sexuellen Dysfunktion kommt“, so Winkler. Störungen hinsichtlich Konzentration, verbalem Lernen und Gedächtnis und andere kognitive Dysfunktionen stehen nicht selten im Mittelpunkt des Beschwerdebildes bei Depressionen. Prokognitive Effekte unter Vortioxetin wurden mittlerweile in vielen Studien beobachtet; 2,3 in einer erst kürzlich veröffentlichten Netzwerk-Metaanalyse, in deren Rahmen der Effekt verschiedener Antidepressiva auf kognitive Störungen bei Patienten mit Major Depression verglichen wurde, war Vortioxetin allen Substanzen überlegen. 4 Winkler: „Vortioxetin weist insgesamt eine bessere Tolerabilität auf und hat den Vorteil, bei kognitiven Dysfunktionen bei Depressionen sehr gut wirksam zu sein.“ ● Vortioxetin (Brintellix ® ) wird in Österreich nicht von allen Krankenkassen erstattet, kann jedoch über chefärztliche Bewilligung mit Begründung und auf Privatrezept verordnet werden. Der Privatverkaufspreis beträgt 72 Euro für 10mg/28 Stück, das entspricht 2,57 Euro pro Tag Fachkurzinformation siehe Seite 54 Fotos: Privat ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG 30 neuropsy CC 6/18

literatur | psy Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) Einflussfaktor (zu) frühe Einschulung Die Zahl der ADHS-Diagnosen bei Kindern ist in den USA in den letzten Jahrzehnten stark angestiegen; häufig geht die Initiative für eine Untersuchung, Diagnose und Medikation von Lehrern aus. Die Autoren der vorliegenden Studie stellten die Hypothese auf, wonach jüngere Kinder einer Klasse mit höherer Wahrscheinlichkeit als ihre älteren Klassenkameraden die Diagnose einer ADHS erhalten würden und dass dies eher auf eine altersabhängige Variation des Verhaltens als auf eine echte ADHS zurückzuführen sein könnte. In vielen Ländern gibt es willkürliche Stichtage für die Einschulung in öffentliche Schulen; Kinder derselben Klasse, die nahe am Stichtag geboren wurden, können daher bis zu ein Jahr jünger oder älter als ihre Kollegen sein. Methoden. Die Autoren analysierten Daten einer großen Versicherungsgesellschaft, die Informationen über ADHS-Diagnose und medikamentöse Behandlung beinhaltete. Die Raten der Diagnosen und medikamentösen Behandlung einer ADHS wurden bei August- und September-Kindern in Staaten mit und ohne Stichtag verglichen. Ergebnisse. Eingeschlossen waren rund 408.000 Kinder, die zwischen 2007 und 2009 auf die Welt kamen; sie wurden Ende 2015 nachbeobachtet. Die Rate der ADHS-Diagnosen von August-Kindern in Bundesstaaten mit dem Stichtag 1. September lag bei 85,1/10.000 (95% CI 75,6–94,2), verglichen mit 63,3/10.000 bei September-Kindern (55,4–71,9). Dies entspricht einem absoluten Unterschied von 21,5/10.000 Kindern (8,8–34,0); bei Staaten ohne Stichtag betrug dieser Unterschied 8,9/10.000 Kinder (-14,9–20,8). Medikamentös behandelt wurden 52,9/10.000 der August-Kinder (45,4– 60,3) vs. 40,4/10.000 der September-Kinder (33,8–47,1), ein absoluter Unterschied von 12,5/10.000 Kindern (2,43–22,4). Diese Unterschiede wurden bei Vergleichen von anderen Monaten nicht beobachtet, noch lagen sie bei US-Bundesstaaten vor, die keine festen Stichtage für die Einschulung hatten. Bezüglich anderer Krankheiten (Asthma, Diabetes, Adipositas) zeigten sich auch bei Staaten mit fixem Stichtag 1. September keine statistisch signifikanten Unterschiede zwischen August- und September-Kindern. Fazit. Die Raten der Diagnose und der medikamentösen Behandlung von ADHS sind in US-Bundesstaaten mit dem fixen Einschulungsstichtag 1. September bei im August geborenen Kindern höher als bei September-Kindern. Eine zu frühe Einschulung aufgrund eines fixen Stichtages zur Einschulung könnte ein häufiger Grund für diese Beobachtung sein. Layton TJ et al.: Attention Deficit-Hyperactivity Disorder and Month of School Enrollment. NEJM 2018; 379:2122–2130 Sowohl Querschnitts- als auch Longitudinalstudien haben durchgängig über Assoziationen zwischen Kindheitstraumata und nachfolgenden psychotischen Ereignissen und Störungen berichtet. Jedoch haben nur wenige Studien untersucht, ob das Expositionsalter bzw. spezifische Traumatypen mit einem unterschiedlichen Risiko für die Entwicklung psychotischer Ereignisse assoziiert sind. Methoden. Die Studienautoren analysierten Daten einer großen britischen Geburtskohorte, die zwischen April 1991 und April 1992 geboren wurde. Die rund 4.400 Teilnehmer wurden im Alter von zwölf Jahren und nochmals im Alter von 18 Jahren hinsichtlich psychotischer Ereignisse interviewt. Sie wurden in die folgenden Altersgruppen unterteilt: frühe Kindheit (0–4,9 Jahre), mittlere Kindheit (5–10,9 Jahre) oder Adoleszenz (11–17 Jahre). Die erfragten Traumata betrafen unter anderem häusliche Gewalt, körperlicher und emotionaler Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, Mobbing sowie sexueller Missbrauch. Ergebnisse. Die Exposition an ein Trauma bis zum Alter von 17 Jahren war mit einem Psychose Kindheitstraumata erhöhen Risiko knapp dreifach erhöhten Risiko für psychotische Ereignisse bis zum Alter von 18 Jahren assoziiert (angepasste OR 2,91; 95% CI 2,15– 3,93). Alle erlebten Traumatypen waren mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für psychotische Ereignisse assoziiert. Die Analysen zum bevölkerungsbezogenen attributablen Risiko ergaben, dass 45 Prozent aller psychotischen Erlebnisse bis zum Alter von 18 Jahren auf traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend zurückzuführen sein könnten. Das Risiko für ein psychotisches Ereignis stieg zudem mit der Zahl der traumatischen Erlebnisse an, und je kürzer die Erlebnisse zurücklagen, desto stärker war die Assoziation mit eine psychotischen Ereignis. Fazit. Diese Ergebnisse stimmen mit der Hypothese überein, wonach Traumata mit psychotischen Ereignissen kausal zusammenhängen könnten. Croft J et al.: Association of Trauma Type, Age of Exposure, and Frequency in Childhood and Adolescence with Psychotic Experiences in Early Adulthood. JAMA Psychiatry 2018; doi:10.1001/jamapsychiatry.2018.3155 Depressionen wegen Brexit? Die Verschreibung von Antidepressiva ist in England unmittelbar nach der Entscheidung im Juni 2016, die EU zu verlassen (Brexit), im Vergleich zu anderen Wirkstoffen stark angestiegen. Eine Studie des King’s College London verglich für alle 326 Wahlbereiche die offiziellen monatlichen Verschreibungsdaten für Antidepressiva mit anderen Medikamentenklassen für Krankheiten, die üblicherweise nicht zur Behandlung von Stimmungsschwankungen und Depression eingesetzt werden, nämlich Wirkstoffe gegen Eisenmangelanämie und Gicht. Die Analyse der Daten zeigte, dass nach dem Referendum die Verschreibungen von Antidepressiva im Vergleich zu anderen Therapeutika um 13,4 Prozent anstiegen (95% CI 0,093–0,174). Die Autoren mahnen zwar, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Sie regen aber an, in Zeiten von politischer Unsicherheit die Programme zur Förderung der psychischen Gesundheit stärker zu unterstützen. Vandoros S et al.: The EU referendum and mental health in the short term: a natural experiment using antidepressant prescriptions in England. Je Ep Comm Health 2018; doi:10.1136/jech-2018-210637 6/18 CC neuropsy 31

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