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CliniCum neuropsy 06/2018

European Committee for

European Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis (ECTRIMS) Highlights aus Berlin Mit 9.800 Teilnehmern aus 105 Ländern sprengte der 34. ECTRIMS-Kongress in Berlin einen neuen Besucherrekord. In 84 Sessions, 1.975 Abstracts, 1.019 Posters und 448 E-Posters wurde eine Fülle an neuen Daten präsentiert; CliniCum neuropsy und medonline waren vor Ort. Von Reno Barth ■■Blasenbeschwerden: fast jeder ist betroffen Die überwiegende Zahl der MS-Patienten ist von Blasenproblemen betroffen. Diese sind mit (nicht-)medikamentösen Maßnahmen behandelbar – vorausgesetzt, sie werden auch erkannt. „Urologische Probleme bei Multipler Sklerose sind meist nicht lebensbedrohlich. Deshalb werden sie tendenziell negiert. Patienten suchen einerseits keine Hilfe beim Neurologen und haben andererseits oft unrealistische Erwartungen. Ärzte fragen nicht aktiv nach Beschwerden des Urogenitaltrakts und haben oft auch keine wirksame Therapie“, sagt Piet Leopold Eelen, MSc, vom Nationalen Multiplen Sklerose Zentrum in Melsbroek, Belgien. Dabei sind urologische Beschwerden bei MS extrem häufig und stellen bei rund zehn Prozent aller neudiagnostizierten MS-Patienten sogar das initiale Symptom dar. Eelen: „Der Schwergrad dieser Symptome korreliert häufig mit dem Ausmaß der spinalen Beteiligung.“ Laut Eelen empfinden rund 70 Prozent der Patienten die Beschwerden als moderat bis stark belastend: „Wenn wir die Belastung durch die MS analysieren, so gehören Blasen- und Darmprobleme nach Fatigue und eingeschränkter Mobilität zu den für die Betroffenen unangenehmsten Symptomen.“ Das Beschwerdebild korrespondiert mit der Lokalisation der Schäden im Nervensystem. Zerebrale Läsionen führen zu überaktiver Blase. Bei spinaler Beteiligung kommt es zu überaktiver Blase, unter Umständen in Verbindung mit einer Sphinkterüberaktivität. Periphere Nervenschädigungen führen zu einer unteraktiven Blase. Das Beschwerdebild verändert sich auch im Verlauf der MS. Während bei fehlender oder leichter Behinderung häufig erhöhte Miktionsfrequenz und Drang auftreten, kommen bei stärker behinderten Patienten Blasenentleerungsstörungen hinzu. Bei schwerbehinderten Patienten kann es auch zu Inkontinenz oder Reflux kommen. Die Abklärung bei Blasenbeschwerden infolge MS beginnt mit einer gründlichen Anamnese. Eelen: „Fragen Sie nach den Symptomen und hören Sie zu!“ Eine Infektion sollte mittels Harnkultur ausgeschlossen werden. Ein Miktionstagebuch hilft bei weiteren Entscheidungen, und ein etwaiges Restharnvolumen muss bestimmt werden.“ Erstes Therapieziel sollte die Erhaltung oder Wiederherstellung von Kontinenz sein. Zweitens muss der Druck im oberen Harntrakt niedrig gehalten werden, um eine Schädigung der Niere zu vermeiden. Eelen: „Management- Strategien für Blasen- und Darmprobleme sind gegenwärtig vor allem medikamentöser Art. Nicht medikamentöse Methoden sollten jedoch verstärkt zum Einsatz gebracht Foto: Monika Tenze-Kunit 44 neuropsy CC 6/18

werden.“ Für die Behandlung der überaktiven Blasen stehen Anticholinergika (Antimuscarinica), Cannabinoide und Botulinum-Toxin zur Verfügung. Bei Sphinkter-Überaktivität kommen Alpha-Blocker, Baclofen, Antimuscarinica und Botulinum-Toxin zum Einsatz. Für die unteraktive Blase sind gegenwärtig keine medikamentösen Therapien verfügbar. Eelen weist auch ausdrücklich auf die Bedeutung nicht medikamentöser Maßnahmen hin und bezeichnet Beckenboden-Reedukation als First-Line- Strategie. Auch ganz einfach Verhaltensregeln bewähren sich. So zum Beispiel eine Abstimmung von Nahrungsund Flüssigkeitsaufnahme beispielsweise bei Problemen mit nächtlichem Harndrang. Auch die intermittierende Selbst-Katheterisierung kann sich als hilfreich erweisen. Bei sehr fortgeschrittener Erkrankung kann auch ein Dauerkatheter erforderlich werden. (Educational Session 16) ■■Kognitive Performance: eine Frage der Konnektivität Eine niederländische Gruppe näherte sich dem Problem der kognitiven Dysfunktion bei MS mit einer Hypothese zu Veränderungen im neuronalen Netzwerk des Gehirns. Und fand eine Assoziation von kognitivem Abbau und Schädigungen langer Verbindungen. Rund 70 Prozent aller MS-Patienten entwickeln im Krankheitsverlauf kognitive Beeinträchtigung. „Bei den restlichen 30 Prozent kommt es nicht dazu, und wir haben die Frage gestellt, was diese Patienten von den anderen unterscheidet“, sagt Dr. Kim Meijer vom Amsterdam Neuroscience, MS Center. Die Gruppe ging vom Netzwerk-Charakter des menschlichen Gehirns aus, in dem neben lokaler Konnektivität (short-range connections) auch längere Verbindungen „long-range connections“ von Bedeutung sind. Meijer: „Wir wissen nicht, ob diese Verbindungen bei MS gleichermaßen geschädigt werden und wie sich das auf die Kognition auswirkt. Daher untersuchten wir die Auswirkungen struktureller Schäden an langen und kurzen Verbindungen auf funktionelle Konnektome und die kognitive Funktion von MS-Patienten.“ Dazu wurden 133 MS-Patienten aus der Amsterdam-MS- Kohorte und 48 gesunde Kontrollen in eine Studie eingeschlossen und mittels neuropsychologischer Tests und MRT untersucht. Die strukturelle Konnektivität wurde aus diffusionsgewichteter Magnetresonanztomografie (diffusion tensor images, DTI) mittels probabilistischer Traktographie geschätzt. Die durchschnittliche fraktionelle Anisotropie und die durchschnittliche Faserlänge wurden in jedem Trakt zwischen verbundenen Paaren von Gehirnregionen mittels AAL-Atlas bestimmt. Verbindungen wurden in kurz, mittel und lang eingeteilt. Funktionelle Konnektivität zwischen den AAL-Regionen wurde errechnet. Generell zeigten, so Meijer, MS-Patienten im Vergleich zu gesunden Kontrollen kürzere Verbindungen von reduzierter Integrität. Insbesondere zeigten die längsten Verbindungen die deutlichste Reduktion der Integrität (z(FA)=-1,14; p

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