Aufrufe
vor 11 Monaten

CliniCum neuropsy 06/2018

Österreichischen

Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) Mitochondriopathien: Nervensystem fast immer mitbetroffen Während Mitochondriopathien in der Neurologie eher zu den Raritäten zählen, sind mitochondriale Störungen für Neuropädiater die häufigste neurometabolische Krankheitsgruppe. Von Mag. Dr. Rüdiger Höflechner ❙❙ Mitochondriopathien sind eine sehr heterogene Gruppe von Krankheiten, die bei Menschen aller Altersstufen vorkommen können. Die Frequenz wird in der Literatur mit mindestens 1:5.000 angegeben. „Ich bin aber überzeugt davon, dass diese Erkrankungen häufiger sind“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Sperl, Vorstand der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, Uniklinikum Salzburg. Von den Defekten im aeroben Energiestoffwechsel sind in erster Linie Organe mit einem hohen aeroben Energiebedarf betroffen. Aus diesem Grund wird auch bei mehr als 80 Prozent aller Mitochondriopathien das zentrale oder periphere Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen. Andere häufig beeinträchtigte Organsysteme sind das Herz, die Muskulatur und das Gastrointestinum. Primäre Mitochondriopathien Mitochondrien können durch Umwelteinflüsse oder im Rahmen von Erkrankungen geschädigt werden (=sekundäre Mitochondriopathien), im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen aber die durch DNA- Mutationen hervorgerufenen ererbten Störungen der Mitochondrienfunktion. Derzeit sind 307 Krankheitsgene bei Mitochondriopathien bekannt. Da die mitochondriale DNA nur für 13 Proteine der Atmungskette kodiert, während die nukleäre DNA ca. 1.000 mitochondriale Proteine beisteuert, ist auch die Mehrzahl der bekannten Mutationen in der Kern- DNA zu finden. Dabei gibt es eine Vielzahl von möglichen Störebenen. Ein Charakteristikum von primären Mitochondriopathien ist das gleichzeitige Vorkommen von Wildtyp und mutierter DNA in einer Zelle (Heteroplasmie). Da bereits die Zygote eine Vielzahl von Mitochondrien enthält, von denen nur einige mutiert sind, kommt es während der Embryonalentwicklung zu einer willkürlichen Verteilung der mitochondrialen DNA-Mutationen mit keimblattübergreifender Organbeteiligung. Das in betroffenen Familien bei jedem Individuum andere Mischungsverhältnis zwischen normaler und mutierter DNA hat ganz unterschiedliche Ausprägungsgrade im klinischen Phänotyp zufolge: Patienten mit derselben Mutation können asymptomatische Carrier sein, aber auch das Vollbild der Erkrankung aufweisen. Interessant ist, dass Neuropädiater und Erwachsenenneurologen es mit ganz unterschiedlichen Krankheitsverläufen zu tun haben, zwischen denen es aber fließende Übergänge gibt: So sind etwa die in der Neonatalzeit auftretenden Mitochondriopathien fast immer durch nukleare DNA-Mutationen bedingt. Viele Kinder sind behindert, haben eine Laktatazidose, Anfälle und versterben früh. „Typisch für Mitochondriopathien, die sich erst im Erwachsenalter manifestieren, sind hingegen mtDNA-Mutationen, ein langsam progressiver Verlauf und eine Oligosymptomatik“, so Sperl. Wichtigste Krankheitsbilder Kennzeichen der chronisch progressiven externen Ophthalmoplegie (CPEO) sind isolierte symmetrische Augenmuskellähmungen. Sind zusätzlich noch andere Organsysteme wie die Muskulatur, das Herz und das Endokrinum betroffen, spricht man von CPEO plus. Der Übergang zum Kearns-Sayre-Syndrom (KSS) ist fließend. Beim KSS, das vor dem 20. Lebensjahr beginnt, haben die Patienten neben der CPEO auch eine Retino pathie und eine Kardiomyo- Sperl: „Typisch für Mitochondriopathien, die sich erst im Erwachsenenalter manifestieren, sind hingegen mtDNA- Mutationen, ein langsam progressiver Verlauf und eine Oligosymptomatik.“ „Mitochondriopathien mit neurologischen Manifestationen“, Vortrag im Rahmen der 15. Jahrestagung der ÖGN, Linz, 22.3.18 pathie mit Reizleitungsstörungen. Das klinische Spektrum der häufigsten mtDNA-Mutation m.3243 A>G ist besonders groß: Das meist nur bei wenigen Familienmitgliedern zu findende Vollbild der Erkrankung ist das MELAS-Syndrom, eine Kombination von mitochondrialer Enzephalopathie, Laktatazidose und schlaganfallähnlichen Symptomen. Manchmal gibt es Überlappungen zwischen ME- LAS und der Myoklonusepilepsie mit Ragged-Red-Fasern (MERRF), einer weiteren schwer verlaufenden Mitochondriopathie. Bei MERFF-Patienten findet man neben den namensgebenden Myoklonien und Anfällen auch noch andere zerebrale Auffälligkeiten (zerebellare Ataxie, Demenz, psychiatrische Symptomatik) und eine typische Histologie. Die Lebersche Optikusatrophie ist eine neurodegenerative Erkrankung des Sehnerven, die sich im jungen Erwachsenenalter manifestiert. Ursache dieser zu Erblindung führenden Erbkrankheit sind Punktmutationen der mtDNA. NARP ist das Akronym für Neuropathie, Ataxie und Retinitis pigmentosa. Diese Erkrankung zeigt, welch wichtige Rolle die Heteroplasmie spielt: Mutationsträger mit einer Mutationslast unter 70 Prozent sind asymptomatisch, bei 70 bis 90 Prozent kommt es zu NARP und bei über 90 Prozent zum Leigh-Syndrom, einer subakut nekrotisierenden Enzephalomyelopathie im Kleinkindesalter. Die Heterogenität von Mitochondriopathien zeigt sich auch bei der mitochondrialen neurogastrointestinalen Enzephalopathie: Wie der Name schon sagt, wird die Symptomatik beim MNGIE-Syndrom vor allem von der Leukoenzephalopathie und gastrointestinalen Motilitätsstörungen, die zu Diarrhoe und Kachexie führen, bestimmt. ❙ Foto: SALK/Wild&Team 52 neuropsy CC 6/18

literatur | neuro Schlaganfall Gesunder Lebensstil und Genetik Schlaganfall ist bekanntermaßen weltweit einer der führenden Gründe für Behinderung und Todesfälle. Die Krankheit ist komplex und sowohl auf genetische als auch auf Umweltfaktoren wie Ernährungsweise und Lebensstil zurückzuführen. Die Evidenz für eine Rolle der Genetik hinsichtlich des Schlaganfallsrisikos stammt aus Zwillingsund Familienstudien sowie aus Genom-Assoziationsstudien. Ein gesunder Lebensstil (in diesem Zusammenhang vor allem Nichtrauchen, regelmäßige körperliche Aktivität und gesunde Ernährung) ist nachweislich ein wichtiger modifizierbarer Faktor, der das Erkrankungsrisiko signifikant senken kann. Die vorliegende Studie evaluierte die Assoziationen zwischen polygenem Risikoscore und gesundem Lebensstil mit der Inzidenz von Schlaganfall. Methoden. Die prospektive Kohortenstudie („Biobank Study“) umfasste rund 306.500 Männer und Frauen im Alter zwischen 40 und 73 Jahren, die zwischen 2006 und 2010 rekrutiert wurden und keinen anamnestisch bekannten Schlaganfall oder Herzinfarkt hatten. Die Autoren entwickelten auf Basis von 90 Genvarianten (single nucleotide polymorphisms, SNP), die bereits mit Schlaganfall assoziiert waren, einen genetischen Risikoscore. Ein gesunder Lebensstil lag definitionsgemäß dann vor, wenn ein Teilnehmer nicht rauchte, sich gesund ernährte, einen BMI

ärztemagazin

Medical Tribune