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Medical Tribune 12/2018

4 POLITIK & PRAXIS

4 POLITIK & PRAXIS Medical Tribune j Nr. 12 j 21. März 2018 „Haben 2008 Turnaround geschafft“ SYSTEMANALYSE ■ Dr. Herwig Ostermann, Gesundheitsökonom und Chef der Gesundheit Österreich GmbH, sieht Österreich auf einem guten Weg – auch, was die Spitalshäufigkeit betrifft, die seit zehn Jahren sinke. HANS-JÖRG BRUCKBERGER In internationalen Vergleichsstudien schneidet das österreichische Gesundheitswesen insgesamt recht gut ab, es gibt aber Schwachstellen. Eine ist die stagnierende Zahl an Vertragsärzten und die zunehmende Anzahl an Wahlärzten. Droht eine Zweiklassenmedizin und ist das Solidarprinzip gefährdet? Dr. Herwig Ostermann: Eine rein zahlenmäßige Betrachtung ergibt hier ein zu wenig differenziertes Bild. Internationale Vergleiche zeigen, dass wir eine hohe Zahl an versorgungsrelevanten Ärztinnen und Ärzten haben. Wir beobachten gleichzeitig eine konstante Steigerung der Produktivität im Sinne von erbrachten Leistungen. Die zentrale Frage ist aus meiner Sicht eher, ob die Verteilung adäquat ist, sowohl regional ,aber auch zwischen Allgemeinmedizinern und Fachärzten sowie bei der Abstimmung zwischen niedergelassenen Ärzten und den Spitalsambulanzen. Hinsichtlich der Zahl der Wahlärzte ist zwischen jenen zu unterscheiden, die sich neben ihrer angestellten Tätigkeit in einer Krankenanstalt entschieden haben, für ein paar Stunden eine Wahlarztordination zu betreiben, und jenen, die das hauptberuflich machen und damit auch zur Versorgungswirksamkeit des Gesamtsystems beitragen. Gerade erstere Gruppe hat in den letzten Jahren eine große Dynamik erfahren. Die Entwicklung in eine differenzierte Versorgungslandschaft ist daher eher eine gefühlte als eine empirisch belegbare: So hat Österreich nach wie vor bei der Frage nach unerfüllten Behandlungswünschen – auch differenziert nach Einkommensgruppen – einen der niedrigsten Werte innerhalb der EU. Insbesondere bei der (spitzen-) medizinischen Versorgung, zum Beispiel nach schweren Unfällen oder bei Krebserkrankungen, zeichnet sich unser System durch eine hohe Dichte und Niederschwelligkeit aus. Sie sprachen die Abstimmung zwischen niedergelassenen Ärzten und Spitalsambulanzen an – eigentlich müsste man sagen, die mangelnde Abstimmung. Ist die freie Arztwahl überhaupt sinnvoll und wer soll die Patientenströme steuern? Ostermann: Aus historischen Gründen haben wir eine hohe Zahl an Krankenanstalten und Betten. Lange Zeit hat unser Finanzierungssystem Anreize geboten, auch Fälle stationär zu behandeln, die man ambulant behandeln hätte können. Mittlerweile wurde diese Schwäche erkannt und teilweise bereits behoben, wie etwa durch eine bessere Dotierung tagesklinischer Leistungen und den ambulanten Leistungskatalog. Seit 2008 haben wir den Turnaround geschafft und können ein Absinken der Spitalshäufigkeit beobachten. Aufgrund des sehr komplexen Systems mit hohen Überschneidungen zwischen den Versorgungsbereichen – insbesondere zwischen Allgemeinmedizin und Fachversorgung, aber auch Fachärzten und Spitalsambulanzen – erscheint mir eine A-priori-Steuerung durch die Einschränkung der freien Arztwahl wenig sinnvoll. Vielmehr sollten wir mehr daran setzen, die Patientinnen und Patienten an die richtige Stelle zu leiten. Zugegebenermaßen ist diese Aufgabe auch für Expertinnen und Experten nicht immer einfach. Mittelfristig müssen wir niederschwellige Versorgungsangebote entwickeln, die die Patienten von sich aus in Anspruch nehmen wollen. Genau in diese Richtung stoßen die Primärversorgungseinheiten, insbesondere als Zentren in größeren Städten, vor. Eine erste Evaluierung aus Wien zeigt hier tatsächlich bereits spitalsambulanzentlastende Effekte. Ostermann relativiert die scheinbar geringen Ausgaben für Prävention. Was können die teilweise als Allheilmittel forcierten Primärversorgungseinheiten wirklich leisten? Ostermann: In der Tat viel: Primärversorgungseinheiten bieten eine niederschwellige Versorgung mit einem breiten Leistungsspektrum und kundenfreundlichen Öffnungszeiten. Für das Gesundheitspersonal schaffen sie attraktive Arbeitsmöglichkeiten, da vielfältige Beschäftigungsformen – von der Selbstständigkeit in Kooperation bis hin zur Angestelltentätigkeit – sowie unterschiedliche Arbeitszeitmodelle möglich sind. Für junge Ärztinnen und Ärzte bieten diese zudem die Möglichkeit, in die niedergelassene Praxis zu gehen, ohne gleich das gesamte wirtschaftliche Risiko tragen zu müssen. Wie sehen Sie die Rolle des Hausarztes in der Zukunft? Ostermann: Folgt man dem Bild einer niederschwelligen allgemeinmedizinischen Versorgung – international bezeichnet man dies übrigens als „primary care“ oder Primärversorgung –, so nimmt die Hausarzt-Praxis als Zentrum der Vernetzung eine wesentliche Rolle an. Die Grundidee ist ja, dass die Allgemeinpraxis als erste Versorgungsebene den zentralen Ausgangspunkt bildet. Wir werden hier in Zukunft eine Vielfalt erleben: niedergelassene Hausärzte in loseren und engeren bzw. weniger oder mehr formalisierten Netzwerken oder in Gemeinschafts- und Gruppenpraxen bis hin zu Primärversorgungszentren. Als Schwäche unseres Systems werden hohe Kosten (Ausgaben pro Kopf weit über EU-Schnitt) und komplexe Strukturen ausgemacht. Ist unser System tatsächlich zu teuer und ineffizient? Ostermann: Zunächst einmal sind hohe Gesundheitsausgaben pro Kopf weder gut noch schlecht. Ganz im Gegenteil: Ich sehe Österreich lieber in der Vergleichsgruppe mit jenen wohlhabenden Ländern, die auch ein hochentwickeltes Gesundheitssystem aufweisen, als mit den neuen EU-Mitgliedsstaaten, die noch einen Systemaufbau vor sich haben und aufgrund des geringeren Volkseinkommens viel weniger für Gesundheit ausgeben können. Die Frage ist wohl eher, was man für die Ausgaben an Nutzen, sprich an Gesundheit bekommt. Im Besonderen geht es darum, Fehlversorgungen, also Unter- und Überversorgungen, zu identifizieren. Hier gibt es neue Ansätze, wie etwa die „Value-Based-Health-Care-Initiative“. Ich bin überzeugt, dass uns solche Analysen auch in Österreich weiterbringen. Wären marktwirtschaftlichere Strukturen gar besser? Ostermann: Zur Frage des Effizienzvergleichs von öffentlichen und privaten Strukturen gibt es international keine Evidenz, die das eine oder andere Setting stützen würde. Viel wesentlicher erscheint mir die Frage nach der Wirksamkeit der Steuerung und Organisation. Die kann sowohl im öffentlichen als auch im privaten Setting gut sein. Was allerdings klar ist: Eine Situation, in welcher die Versorgung geteilt ist und private Institutionen, die weniger risikohafte Patienten versorgen und die öffentlichen Träger, die Strukturen für den Ernstfall bereitstellen und die Risikopatienten übernehmen, erzeugt immer strukturelle Ineffizienzen. Die wohl größte Herausforderung ist die demografische Entwicklung. Wie kann man das meistern – sowohl finanziell (vergleichsweise weniger Beitragszahler) als auch organisatorisch (Mangel an Pflegern und teilwiese auch Ärzten)? Ostermann: Die Frage der demografischen Entwicklung ist sehr relevant. Hinsichtlich der finanziellen Implikationen ist festzuhalten, dass die Beitragsund auch Steuereinnahmen (rund ein Drittel der öffentlichen Finanzierung des Gesundheitswesens kommt aus Steuern) auch noch von Faktoren wie Konjunkturentwicklung und Beschäftigungsquote abhängen und zudem Fertilität und Migration einen Einfluss auf die Demografie haben. Hier gibt es also viele Stellschrauben und Möglichkeiten der Steuerung. Es ist wichtig, dass wir bei der künftigen Planung des Personalbedarfs alle Gesundheitsberufe gemeinsam betrachten. Das derzeit in Aufbau befindliche Gesundheitsregister ist hier ein wichtiger Baustein, ebenso die Analysen und Prognosen zum Ärztebedarf. Gesundheitspolitik und Kassenleistungen legen starken Fokus auf die Krankenversorgung und nach wie vor sehr wenig auf Prävention. 2015 entfielen darauf laut Statistik Austria nur 2,2 % der Gesundheitsausgaben, womit Österreich auch unter dem EU-Schnitt liegt. Was ist zu tun? Ostermann: Die Angaben des Anteils der Präventionsausgaben sind international nur sehr schlecht vergleichbar, da die Aktivitäten heterogen sind und die Abgrenzung schwierig ist. Beziehe ich etwa Tertiärprävention mit ein oder wie rechne ich Präventionsleistungen der Allgemeinmediziner adäquat heraus? Daher beauftragen Bund, Länder und Sozialversicherung in regelmäßigen Abständen die Gesundheit Österreich GmbH mit einer Primärerhebung zu den Präventionsausgaben. Eine aktuelle Erhebung ist gerade in Bearbeitung. Für die zuletzt ausgewerteten Daten aus 2012 wurde festgestellt, dass die Ausgaben für Gesundheitsförderung und Prävention tatsächlich 3,1 % der Gesundheitsausgaben ausmachen. Ob dies nun viel oder zu wenig ist, lässt sich schwer beantworten. Wichtiger wäre es, die Frage zu stellen, ob wir die richtigen Aktivitäten setzen. Dabei sollten wir die Settings betrachten, die für einen gesunden oder ungesunden Lebensstil bzw. krankmachende Verhältnisse maßgeblich sind. Das bedeutet aber auch, dass Gesundheitsförderung und Prävention nicht nur Aufgabe des Gesundheitswesens, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und auch in anderen Ressorts wie etwa im Bildungs-, Familien- oder Umweltbereich ihren Niederschlag finden muss. Was müsste strukturell verändert werden? Ist das System zu fragmentiert, bräuchten wir mehr Zentralismus? Und welche Länder eignen sich als Vorbilder? Ostermann: Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, durch übergreifende Steuerung, regionale Verantwortung und neue Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der Strukturplanung eine kontinuierliche Veränderung zu ermöglichen. Revolutionen in Gesundheitssystemen gibt es selten, eher geht es darum, ein in vielen Facetten gutes und produktives Gesundheitssystem evolutionär weiterzuentwickeln. Hierbei kann man von vielen Ländern lernen. So verfolgen etwa die Dänen derzeit einen interessanten Weg in der Krankenanstaltenplanung oder die Niederländer und einzelne italienische Regionen in der Primärversorgung. In Österreich sehe ich bei den Reformen in der Steiermark gute Ansätze: Dort wurde Gesundheitsversorgung im Rahmen des Konzeptes „Gesundheitsplan 2035“ integrativ und übergreifend neu gedacht, und das wird jetzt auch sukzessive umgesetzt. ■ MEINUNG Dr. Harald Retschitzegger Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) Weltmuttersprache In den 1970er und 80er Jahren gab es noch die Hoffnung und den Plan, die erfundene Sprache „Esperanto“ weltweit zu vermitteln und zu lehren, und damit irgendwann eine allseits verwendbare und verständliche Einheitssprache zu schaffen. Im Zuge der Globalisierung und der politischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte wurde dieser Plan aufgegeben, weil sich zeigte, dass er nicht umsetzbar ist. Im Zuge des aktuellen Gedenkens an den 80 Jahre zurückliegenden sogenannten „Anschluss“ zeigt sich immer wieder, wie die geplante Schaffung von einem „Großreich“ stattdessen zu Untergang, Vernichtung und Entmenschlichung geführt hat, deren schreckliche menschliche Folgen für immer Mahnung und Wegweisung sein müssen. So bleiben die Frage und der Auftrag, wie wir statt Einheitssprache und der verrückten Fantasien von gestörten Diktatoren eine wirksame Zusammenführung des Menschseins schaffen können. Wo stehen wir am Weg dorthin? Fremdenfeindlichkeit In einem kürzlich abgehaltenen Workshop in einem Wiener Pflegeheim war ich betroffen und erschüttert von Erzählungen von MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund, welche beschrieben, dass sie immer wieder mit fremdenfeindlichen und abwertenden Kommentaren bedacht und benannt werden. Und zwar von den betreuten Menschen selbst, ihren Angehörigen, aber auch von KollegInnen aus den eigenen Betreuungsteams. Wir alle wissen, dass die Pflege und Betreuung von alten und kranken Menschen hierzulande mittlerweile unmöglich wäre, wenn nicht viele Menschen aus anderen Ländern mithelfen würden, dass unser Gesundheitssystem funktionsfähig bleibt. Nichtsdestotrotz wird also sogar hier immer wieder Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung statt Dankbarkeit spürbar. Bei der großen Gedenkveranstaltung zu den schrecklichen Vorgängen in Österreich von 1938 hat André Heller in seiner Rede berührende Worte gefunden. Und er entwickelte dort das schöne Bild von der „Weltmuttersprache des Mitgefühls“! Was für ein faszinierender Gedanke, was für ein schöner Auftrag an uns alle! Es gibt die Sprache, in der wir uns alle verständigen und verstehen können. Wir können sie täglich lernen, in uns selbst weiterentwickeln und in unserer Umgebung spürbar verbreiten. Sprechen wir sie miteinander! MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at FOTOS: PRIVAT; R. 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Medical Tribune j Nr. 12 j 21. März 2018 MEDIZIN 5 Die intelligenten Maschinen kommen ECR 2018 ■ Das prägende Thema des Europäischen Radiologenkongresses war die Künstliche Intelligenz. Der Befürchtung, Künstliche Intelligenz könnte à la longue die Radiologen überflüssig machen, wurde entgegengehalten, dass die Chancen und Vorteile überwiegen. MICHAEL KRASSNITZER Am diesjährigen Europäischen Radiologenkongress (ECR 2018) wurde wieder einmal ein neuer Rekord aufgestellt. Noch nie hatte der größte radiologische Kongress Europas, der alljährlich in Wien stattfindet, so viele Teilnehmer: Insgesamt waren es 28.000, darunter auch all jene, welche die Sessions aus der Ferne live online verfolgten. Der Kongress, der längst nicht mehr nur auf Europa beschränkt ist, streckt seine Fühler auch weiter in den Fernen Osten aus: Erstmals werden 500 Vorträge in Mandarin übersetzt und sind dann in einigen Wochen online in China verfügbar. Keine Gefahr für Radiologen Das prägende Thema des Kongresses war die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Radiologie. „Die Maschinen kommen: Wie werden sie unsere Zukunft beeinflussen?“, „Künstliche Intelligenz und Radiologie: eine „Künstliche Intelligenz wird uns vor allem Routine-Arbeiten abnehmen, die wir ohnehin nicht so gerne tun.“ Prof. Dr. Bernd Hamm perfekte Kombination?“ oder – ganz sachlich –„Künstliche Intelligenz in der Thoraxbildgebung“ lauteten die Titel einschlägiger Sessions. „Künstliche Intelligenz ist Teil der digitalen Revolution“, erklärte Prof. Dr. Bernd Hamm, Leiter des Instituts für Radiologie der Berliner Charité. Die vielfach geäußerte Befürchtung, Künstliche Intelligenz könnte à la longue die Radiologen überflüssig machen, teilt er nicht: „Künstliche Intelligenz wird die Radiologen nicht ersetzen, sondern ihnen als Werkzeug dienen. Sie wird uns vor allem Routine-Arbeiten abnehmen, die wir ohnehin nicht so gerne tun.“ Gemeint sind etwa die Segmentierung von Tumoren auf Schnittbildern oder die Quantifizierung von Plaques in Schädel-MR-Bildern von Patienten mit Multipler Sklerose. „Künstliche Intelligenz wird unsere Qualität steigern und uns mehr Zeit für komplexere Aufgaben geben. ,Artificial Intelligence‘ wird auch die Sichtbarkeit der Radiologie vergrößern – und das ist gut für unser Fach“, ist Hamm überzeugt. Metastasen aufspüren Prof. Dr. Michael Forsting, Direktor des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie des Universitätsklinikums Essen, berichtete in einem Vortrag über Forschungen an seinem Klinikum. So gelang es, bei einer Kohorte von Uteruskarzinom-Patientinnen allein durch PET/MR-Bilder des Karzinoms sowie einiger anderer Parameter mit einer Treffsicherheit von 95 bis 97 Prozent vorherzusagen, ob die Patientinnen bereits Metastasen entwickelt haben. „Da haben wir allein mit KI ganz tief in die Biologie des Tumors geblickt“, betont Forsting. Ähnliche Einblicke lieferte auch ein System, das durch die Analyse radiologischer und Labordaten bei Patienten nach selektiver interner Radiotherapie (SIRT) vorhersagen konnte, wie deren Lebergewebe nach der Therapie wächst. Die Essener Forscher haben auch – auf Basis von nur 50 CT-Scans – ein neuronales Netzwerk darauf trainiert, idiopathische interstitielle Pneumonie zu erkennen, eine radiologisch schwer zu diagnostizierende Erkrankung. Die Diagnosen eines spezialisierten Radiologen erwiesen sich in 72 Prozent der Fälle als korrekt, das KI-Programm lag bei 70 Prozent richtig – und kombiniert erreichten beide gemeinsam eine Treffsicherheit von 77 Prozent. Good Data statt Big Data Mit einem scheinbar ganz anderen Thema hat sich Prof. Dr. Marc Dewey, ebenfalls vom Institut für Radiologie der Berliner Charité, auseinandergesetzt: wertbasierte Radiologie („value-based radiology“). Gemeint sind nicht ethische Werte, sondern eine ökonomische Formel: Wert ist gleich Outcome durch Kosten. Bei wertbasierter Radiologie geht es darum, bei geringeren Kosten eine Verbesserung der Behandlungsergebnisse zu erzielen. „Ich glaube, dass ,value-based radiology‘ eine zentrale Rolle bei der Bewältigung der gegenwärtigen Probleme spielen wird“, ist Dewey überzeugt. Zum einen könnte mit wertbasierter Radiologie das Problem der zu vielen bildgebenden Untersuchungen bei den falschen Patienten überwunden werden. Dies erfordere die Integration der Krankengeschichte in entscheidungsunterstützende Module wie zum Beispiel den iGUIDE und eGUIDE der European Society of Radiology (ESR). Zum anderen – damit kommt das eingangs behandelte Thema ins Spiel – berge die Integration von Künstlicher Intelligenz ein großes Potenzial, die Konsistenz in der radiologischen Bildanalyse zu erhöhen und Fehler zu reduzieren. Dazu bedürfe es eines Paradigmenwechsels in der radiologischen Praxis: „Datenwissenschaft und Künstliche Intelligenz müssen durch Technologie nahtlos, praktisch und physisch in den Arbeitsablauf der Radiologen integriert werden“, fordert Dewey. Voraussetzung dafür sind allerdings strukturierte Radiologie-Berichte mit einer festgelegten Auswahl vordefinierter Beschreibungen, ansonsten lassen sich die Daten nicht automatisch analysieren. „Ich bin der festen Überzeugung, dass wir für ,value-based radiology‘ nicht Big Data, sondern ,Good Data‘, also gute Daten, brauchen“, unterstreicht Dewey. Victoza ® – Der einzige GLP-1 RA, der nachweislich kardiovaskuläre Ereignisse verhindert 1,2,3 Neu! Verhinderung von CV-Ereignissen 1,2 Nützen Sie die Vorteile des meistverschriebenen GLP-1 RA für Ihre Patienten 11 AT/LR/0817/0071 · Fachkurzinformation, Referenzen und Kontakt siehe Seite 14 MRT verkürzt Untersuchung Hybridbildgebung Ein drittes, auf dem Gebiet der Radiologie höchst aktuelles Thema ist die Hybridbildgebung, also die Kombination verschiedener bildgebender Verfahren. „Die hybride Bildgebung hat in den letzten zehn Jahren das Feld der Krebs-Bildgebung revolutioniert“, betont Ass.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Marius Mayerhöfer, PhD, Facharzt an der Universitätsklinik für Radiologie und Nuklearmedizin der Medizinischen Universität Wien. Insbesondere PET/CT, also die Kombination von Positronen-Emissions-Tomographie und Computertomographie, mit dem Glucose-Analog-Radiotracer 18 F-FDG ist heute integraler Bestandteil der Managementleitlinien für Patienten mit verschiedenen Krebsarten (z.B. Lymphom), wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der frühzeitigen Bewertung der Tumor-Behandlungseffekte liegt. „Trotz des Erfolgs von 18 F-FDG für die Bildgebung bei Krebspatienten gibt es einen klaren Trend zur Entwicklung und klinischen Anwendung neuartiger PET-Radiotracer, die spezifisch für eine bestimmte Krebsart sind, wie z.B. 68 Ga-PSMA für Prostatakrebs. Da die PET/CT für die Beurteilung der lokalen Ausbreitung mehrerer Krebsarten (z.B. des Rektumkarzinoms und gynäkologischer Krebsarten) nur von begrenztem Wert ist, wurden hybride MR/PET-Scanner entwickelt, die derzeit in immer mehr Studien mit PET/CT verglichen werden“, erläutert Mayerhöfer. MR/PET vereint Magnet resonanztomographie und Positronen- Emissions-Tomographie. Darüber hinaus bietet die MR-Komponente der MR/PET eine Fülle an Zusatzinformationen z.B. zu Zelldichte und Blutfluss sowie zur Blutgefäßdichte. „Die Kombination quantitativer Parameter, die aus MRT und PET extrahiert werden, kann nicht nur die nicht-invasive, bildbasierte Charakterisierung der Tumorheterogenität verbessern, sondern auch die Bewertung der Effekte neuartiger Immuntherapien, wie z.B. Checkpoint-Inhibitoren, verbessern“, unterstreicht Mayerhöfer. „Aufgrund dieses multiparametrischen Ansatzes bietet die Hybrid-Bildgebung, insbesondere MR/PET, eine ideale Basis für Radiomics“, sagt der Wiener Radiologe abschließend – womit sich abermals der Kreis zur Künstlichen Intelligenz schließt. Unter Radiomics nämlich versteht man die auf Deep Learning computergestützte Analyse und -interpretation von großen medizinischen (Bild-)Datenbanken. INNOVATION ■ Am Europäischen Kongress für Radiologie wurde die neue MRT-Generation vorgeführt, mit der Patienten schneller aus der Röhre kommen. Unübertroffene HbA 1C -Senkung 4-10 BEI TYP-2-DIABETES Überlegene Gewichtsreduktion 4-10 Liraglutid Injektion Eine Reihe technischer Neuerungen wurden am ECR-Kongress in Wien vorgeführt, unter anderem zeigte Philips den Magnetresonanztomographen NGWB 3.0T . . Laut Herstellerangaben soll eine Beschleunigungsund Sensortechnologie die Untersuchungszeit deutlich verkürzen. Auch in diesem Zusammenhang spielt Künstliche Intelligenz (KI) eine Rolle: Das System nutzt Technologien, die sich KI bedienen, z.B. „Compressed SENSE“. 2D- und 3D-Scans aller anatomischen Kontraste und Körperbereiche sollen damit bei nahezu gleicher Bildqualität um bis zu 50 Prozent beschleunigt werden, im Vergleich zu Geräten ohne diese Vorrichtung. KI überwacht die Atmung Der Überwachung des Patienten während der Untersuchung dient „VitalEye“. Die Detektionstechnologie prüft die Physiologie des Patienten – ohne zusätzliche Interaktionsschritte des medizinischen Personals. Neben der laufenden Überprüfung von Atmung und Atemmustern lässt sich unter anderem auch das Auslösen von Atemtriggerung über VitalEye steuern. „Ambient Experience In-Bore Connect“ bezeichnet ein Asset, das Bewegung des Patienten während der Untersuchung verringern soll. Dahinter verbirgt sich eine Auswahl an Motiven, Farben und Intensität der Umgebungsbeleuchtung sowie Audio- und Videoinhalte, die der Patient mitauswählen kann. RED MT_12_18_s05.indd 5 15.03.2018 16:44:36

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