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Medical Tribune 19/2017

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16 MEDIZIN

16 MEDIZIN Medical Tribune j Nr. 19 j 10. Mai 2017 ■ MEDIZIN UND ICH VON A BIS Z Keine echten Sorgen und Probleme ■ BUCHTIPP Von Dr. Ulrike Stelzl Kassenärztin für Allgemeinmedizin in Graz Wenn man nicht gerade aus Versehen über irgendeine Berichterstattung stolpert von Krieg und Bomben, Gasangriffen auf Zivilisten, Klimawandel, Kindersoldaten, Hunger, Genitalverstümmelung, Überbevölkerung, Mädchenhandel und Zwangsprostitution und dass auf dieser Welt Macht und Kapital in den Händen weniger irrer Narzissten liegen, wenn man nur so wie ich heute Vormittag in meiner kleinen, feinen Ordination sitzt, dann könnte man meinen, die Welt sei in Ordnung. Ja, mehr noch als in Ordnung. Man könnte meinen, dass uns die echten Sorgen und Probleme ausgegangen sind und dass wir uns deshalb dringend selber welche konstruieren müssen. Es begann mit dem Anruf einer alten Bekannten. Völlig aufgelöst schnaufte sie ins Telefon, dass ich dringend einen Termin für ihren Sohn zur gründlichen Abklärung freimachen müsste. Voll der Angst um die Gesundheit des armen Kindes dürfen sie selbstverständlich gleich kommen. Es stellt sich heraus, dass die Mama das Wachstumspotenzial des mittlerweile Sechzehnjährigen gecheckt haben möchte. Mit Röntgen, Wachstumshormon und allem drum und dran. Der Knabe ist kerngesund, sportlich und 1,79 m groß. Etwas verwirrt meine ich: „Also der ist mit sechzehn fast 1,80. Du und dein Mann, ihr seid ja auch keine Riesen. Ich halte das für völlig normal.“ „Nein, das darf nicht so bleiben, alle seine Freunde sind schon größer und außerdem zeigen Studien, dass größere Männer im Leben erfolgreicher sind. Es ist eine Katastrophe, wenn er so bleibt.“ Ich spüre leichten Ärger in meinem Abdomen hochkriechen. Wirklich klein ist der nicht. Aber von mir aus. Mach ma halt. Da sie nicht aufhört zu jammern, frage ich mit unschuldigem Blick: „Was will er denn beruflich machen, Profibasketball?“ Denn da könnte ich mir das ja noch vorstellen, aber für alles andere? „Und Kleine Herzpatienten auf dem Operationstisch Prof. Dr. René Prêtre ist seit 2012 ist Klinikdirektor der Herz- und Gefäßchirurgie am Universitätsspital Lausanne, und seine Stiftung „Le Petit Coeur“ ist in Mosambik und Kambodscha tätig und operiert dort Kinder und Jugendliche. In seinem Buch „In der Mitte schlägt das Herz“ lässt er seine Leser an berührenden Erlebnissen teilhaben – was man empfindet, wenn man ein Neugeborenes operiert, dessen Leben am seidenen Faden hängt. Oder wie es ist, wenn in einem improvisierten OP in Kambodscha während des Eingriffs der Strom ausfällt. René Prêtre: In der Mitte schlägt das Herz – Von der großen Verantwortung für ein kleines Leben. Rowohlt 2017, ISBN 978-3-498-05278-2, 352 Seiten, 20,60 € wer sagt denn, dass kleinere Männer keine Karriere machen können? Denk an Napoleon. Und überhaupt: 1,79 m ist nicht klein!“ Als sie endlich draußen sind, nachdem sie meine komplette Zeit für Notfalleinschübe aufgebraucht haben, versuche ich mich wieder zu beruhigen. Nicht urteilen über die Probleme anderer, nicht urteilen, bevor man nicht ein Stück des Weges in deren Schuhen gegangen ist. Ommmmmmm. B wie Bagatellen Als Nächstes kommt eine junge Dame mit diffusem Unwohlbefinden. Die Anamnese ergab schon vorige Woche nichts, die Blutabnahme inklusive Vitaminstatus ist völlig unauffällig. Wir gehen geduldig noch einmal ihren Lebensstil, die berufliche Situation und wahrscheinlich jedes Nahrungsmittel durch, das es in einem Supermarkt zu finden gibt. Es hilft nichts. Es sieht nicht aus, als wäre da irgendeine Allergie oder Intoleranz dabei. Kein schiefer Furz, kein Durchfall, keine Gewichtsabnahme. Nichts. „Aber ich hab ganz bestimmt ganz viele Allergien und Intoleranzen“, jault sie. (Ich auch, besonders gegen Dummheit und medizinische Modeerscheinungen.) Trotzdem bleibe ich ganz lieb und geduldig. Ich rate zu regelmäßigem Essen, ausreichend Schlaf und vor allem zu regelmäßiger Bewegung. Dazu zum Rauchstopp, und vielleicht sollte man ein Smartphone nicht mehr als vier Stunden täglich ununterbrochen benützen und damit ständig nach irgendwelchen scheußlichen Krankheiten googeln. Natürlich überweise ich sie gerne auch für ein paar Stunden zu einer Psychotherapeutin. Schließlich ist ihr Leiden ja durchaus echt. Als sie rausgeht, denke ich mir: Ein Tritt in den Hintern und raus in den Wald oder auf den Berg wär wahrscheinlich das Heilsamste. Na echt, wenn man heute keine Allergien und Intoleranzen hat, an denen man demonstrativ leiden kann, dann fehlt einem offenbar was. Oder? Diese Ansicht wird von meiner nächsten Patientin bestätigt. Die ist nämlich eine höchst vernünftige junge Frau, die nur möglichst schnell von ihrer Angina befreit werden möchte. Wie immer frage ich vor dem Rezeptieren nach Allergien. „Nein, ich vertrage alle Medikamente, nie ein Problem gehabt.“ Gut, ich schreibe das Rezept. Etwas unsicher sieht sie mich an: „Bitte?“ „Wissen Sie, ich esse auch alles. Wirklich alles. Und ich vertrage auch alles. Ist das normal?“ Das halt i net aus! So weit sind wir also, dass jemand, der keine Wehwehchen oder Beschwerden hat, sich fragt, ob er noch ganz richtig tickt. Ich beruhige sie und meine, dass es zwar nicht normal ist, aber eigentlich genau so sein sollte. Als Nächstes kommt eine liebe, langjährige Patientin mit ihrer jüngeren Tochter, mittlerweile sechzehn Jahre. Ich kenne die Familie, da hatte die Kleine noch Windeldermatitis. Die Ältere, jetzt ehrgeizige Studentin, hat ein Gewichtsproblem. Laut Mutter. Ich sehe das ein bisschen anders. Sie ist sportlich, sehr gut trainiert und war halt immer an der oberen Perzentile. Sie trainiert und trainiert, achtet auf die Ernährung und wird nie dünn sein. Und hasst sich dafür. Kann ich zu gut nachvollziehen. Die Jüngere, Leistungssportlerin, ist relativ schlank, BMI jedoch noch normal. Und die Mutter jammert: „Sehen Sie doch, die ist viel zu dünn, sie macht viel zu viel Sport, so geht das nicht.“ Jetzt reißt mir der Geduldsfaden: „Also, die ältere Schwester war Ihnen immer zu dick. Die da ist Ihnen zu dünn. Wie hätten Sie denn die Kinder gern?“ Die Mama schnappt nach Luft. Ich innerlich auch. Reicht es nicht mehr, wenn die Kinder einfach nur gesund sind? MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung auf www.medonline.at redaktion@medical-tribune.at FOTO: FURGLER Gesundmacher lebenswichtige Quelle Staat in Westafrika vermögen, in der Lage sein weibl. Vorname Rückenmarksschwindsucht Harnleiter (Med.) dt. Name der Jizera (CZ) Umriss, Kontur Vorwort sanft, leise Sohn des Dädalus span. Mehrzahlartikel lat.: Herz Netzhaut des Auges 9 2 lebenskräftig ausgesucht, exquisit franz. Revolutionär † 1793 Fluss in Niederösterreich Sammelwort für Nutztiere europ. mazedon. Vulkan (Landessprache) Währungseinheit flexibel, elastisch leicht ergraut (Haar) Gleichgewicht Vorname des Komikers Laurel † 8 Gewaltherrscher festes Zueinanderhalten schlechte Angewohnheit Fragewort (4. Fall) Gewicht auf dem Pkw erste Frau Jakobs (A. T.) 7 Wollsorte ® svd2011-216 Opernlied persönl. Fürwort, 1. Person Singular moderne Form der Mitteilung (kurz) größtes menschl. Organ 1 4 grüner Star 2 5 Grundbaustein der Lebewesen früher: Damenreitpferd 3 germanischer Wurfspieß dient der tägl. Haarpflege Figur in „Der Freischütz“ dreiviertellanger Mantel (engl.) kleines Jazzensemble asiatischer Grunzochse 1 Kurort in Graubünden (Schweiz) 4 6 5 Autor von „Winnetou“ (Karl) † 1912 6 wertvolle Holzart gutart. Muskelgeschwulst 7 deutsche Märchensammler † (Brüder ...) Republik in Westafrika Arzneirohstoff Hafenstadt in Kenia 8 3 in Ordnung (amerikanisch) 9 MT-Rätsel Zwänge beginnen oft schon im Kindes- und Jugendalter, werden jedoch häufig erst nach Jahrzehnten erkannt und behandelt. Sie sind das Spezialgebiet des Psychologen und Psychotherapeuten Burkhard Ciupka-Schön, der in „Zwänge bewältigen! – Ein Mutmachbuch“ (Patmos Verlag 2017, ISBN 978-3-8436-0914-2) die wichtigsten Informationen zur Zwangserkrankung vermittelt, aber vor allem dazu motivieren will, sich mit dem Zwang konstruktiv auseinanderzusetzen. Das Buch ist ein guter Begleiter für Betroffene, Angehörige, Therapeuten und Berater. Schicken Sie die Lösung per Fax (01/54600-735) oder E-Mail (sekretariat@medizin-medien.at) bis 16.5. an die Redak tion und gewinnen Sie dieses Buch. Das Lösungswort aus MT 18 lautet „Plethora“. Mit Ihrer Teilnahme akzeptieren Sie die AGB sowie die Datenschutzbestimmungen der Medizin Medien Austria. Die AGB und die Datenschutzbestimmungen finden Sie auf www.medonline.at. DVR-Nr.: 4007613

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