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Medical Tribune 19/2017

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4 POLITIK & PRAXIS

4 POLITIK & PRAXIS Medical Tribune j Nr. 19 j 10. Mai 2017 ■ MEINUNG Tag der Freude Dr. Harald Retschitzegger Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) Der 8. Mai 1945 ist in seiner Bedeutung für Millionen Menschen und für die Menschheit unvergleichlich. Das Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Ende des Nationalsozialismus, Tag der Befreiung, Tag der Freude. In seiner Erzählung „Abschied ohne Ende“ schreibt der österreichische Schriftsteller Wolfgang Hermann auf einzigartige Weise über den Tod eines jugendlichen Sohnes und den damit zusammenhängenden Schmerz, die unendliche Trauer. Im Rahmen meiner geriatrischen Tätigkeit kenne ich mittlerweile zahlreiche hochbetagte Frauen, welchen unter anderem gemeinsam ist, dass ein „Kind“ von ihnen bereits verstorben ist – oft in jungen Jahren, oft aber auch in späteren Jahren. Mit einem sehr engagierten und liebevoll bemühten Sohn einer Pflegeheimbewohnerin führte ich im Lauf der letzten Jahre immer wieder Gespräche bezüglich seiner Mutter. Nun ist er ganz plötzlich „in seinen besten Jahren“ verstorben. Und ich habe es auf die Bitte der Familie hin übernommen, der alten Dame diese zutiefst traurige Nachricht zu überbringen. Unbeschreibliche Trauer Mehr will ich über dieses Gespräch hier nicht schreiben. Es ist vieles vorstellbar – und vieles ist unvorstellbar. Wolfgang Hermann schreibt: „Ich versuchte an etwas zu denken, was nicht Dunkelheit war. Die Freuden des Lebens. Welches waren die Freuden des Lebens? Welchen Lebens?“ Unbeschreibliche Trauer. Die unbeantwortbaren Fragen nach Sinn. Leid und Schmerz. Und doch ist der Mensch in all dem immer wieder fähig weiter zu leben. Der das KZ überlebende Begründer der Logotherapie Viktor Frankl erzählte einmal, dass sie das „Guten Morgen“ am Leben erhalten hatte – das sich die Gefangenen im Vernichtungslager gegenseitig „trotz allem“ immer wieder wünschten. Ende des Krieges. Bedingungslose Kapitulation. Es ist Unvorstellbares geschehen und zu Ende gegangen. In allem Leid – ein Fest der Freude, der Freude Raum geben! Vor vielen Jahrhunderten wurde der Gedanke erstmals niedergeschrieben: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.“ Was gibt es also Wichtigeres, als gemeinsam an einer Gesellschaft der Menschlichkeit zu arbeiten? Und immer wieder das Fest der Freude zu feiern. MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung auf www.medonline.at redaktion@medical-tribune.at Pädagogen müssen nachsitzen DIABETES TYP 1 ■ Die schulische Integration kranker Kinder ist schwierig. Doch jetzt bewegt sich etwas: Ein deutsches Pilotptojekt weist den Weg, das Schulautonomiepaket schürt Hoffnung und im Parlament wird immerhin geredet. IRIS KOFLER HANS-JÖRG BRUCKBERGER Das Problem liegt auf der Hand und es wird nicht kleiner. Im Gegenteil: Die Zahl der Kinder mit Diabetes steigt, ebenso ihre Anwesenheitsdauer in Schulen, die mit der Zahl der Ganztagsschulen zunimmt. Umso wichtiger wird der Umgang mit den erkrankten Kindern im Schulbetrieb. Dort ist man darauf allerdings nicht vorbereitet. „Ich glaube, dass es in Österreich für chronische Krankheiten zu wenig Schulungen oder Materialien gibt, wie man als Lehrkraft mit diesen Dingen umgehen sollte“, erklärt Mag. Herbert Weiß, der Vorsitzende der AHS-Gewerkschaft, auf Anfrage der Medical Tribune: „Ich persönlich hätte das Prob lem, dass ich nicht sicher bin, ob ich überhaupt jemandem eine Spritze ordentlich verabreichen kann.“ Deutsches Modell Ein Modellprojekt ist vor Kurzem in Rheinland-Pfalz angelaufen. Dort können sich Lehrkräfte regelmäßig für den Umgang mit diabetischen Kindern fortbilden lassen. Es soll Ba siswissen vermittelt werden, damit Kinder, die an Dia betes Typ 1 leiden, genau so am Schulleben teilhaben können wie gesun de Kinder. An dem Projekt beteiligt sind neben dem Bildungsministerium der Diabetes-Kinderhilfeverein, Ärzte, Diabetesberater und Hersteller von Hilfs mitteln. Qualifizierte Diabetesteams erteilen praxisnahe Schulungen. Ziel ist es, Lehrkräften Unsicherheiten oder gar Ängste zu nehmen. In Österreich wären ähnliche Bestrebungen sinnvoll. Dies, zumal die Diabetesstrategie ja vorsieht, die Integration von Betroffenen zu fördern. „Die Situation ist nach wie vor schwierig“, sagt jedoch Dr. Elke Fröhlich-Reiterer von der Med Uni Graz. Jedes Jahr erkranken in Österreich rund 300 Kinder unter 15 Jahren an Diabetes mellitus Typ 1. 4000 Kinder unter 18 Jahren sind von der Autoimmunerkrankung betroffen. Die Zahl der Neuerkrankungen hat sich in knapp 20 Jahren verdoppelt. „Wir sind nicht vorbereitet“, meint Dr. Lilly Damm vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien. Dabei wäre es höchste Zeit, „die schöne Theorie der Hochglanzbroschüren auf den Alltag der Kinder herunterzubrechen“. Insgesamt gibt es hierzulande rund 190.000 chronisch kranke Kinder. Deren Familien und Pädagogen dürfen jetzt aber etwas Hoffnung schöpfen: Die Bürgerinitiative „Gleiche Rechte für chronisch kranke Kinder“ hat es vor Kurzem nach vier Jahren geschafft, KRAGES-Affäre eskaliert BURGENLAND ■ Nach Entlassungen beim Spitalsbetreiber gehen die Wogen hoch. Die Opposition hat einen Sonderlandtag beantragt. „KRAGES-Affäre im Burgenland: Es riecht nach Skandal“, „Ein Landesrat, zwei Entlassene, vier Gründe“ sowie „High Noon ohne rauchende Colts“ – die Schlagzeilen heimischer Tageszeitungen sind Zeugnis davon, dass im Burgenland die Wogen hochgehen. Die Entlassung des Geschäftsführers der KRAGES (Burgenländischen Krankenanstalten-Gesellschaft m.b.H.), Rene Schnedl, sowie des Leiters der KRAGES-Rechtsabteilung werden wohl nicht nur die Arbeits- und Sozialgerichte beschäftigen, sondern auch einen Sonderlandtag. Das teilten Vertreter von ÖVP, Grünen, Bündnis Liste Burgenland und der parteifreie Abgeordnete Gerhard Steier vergangene Woche mit. ÖVP-Klubobmann Christian Sagartz: „Die Vorfälle um die KRA- GES und alles, was sich rundherum zu einem SPÖ-Skandal entwickelt hat, möchten wir zur vollen Aufklärung, zur vollen Transparenz bringen.“ Die Betreuung chronisch kranker Kinder ist komplexer, als viele glauben. Die SPÖ wirft der ÖVP vor, den Landtag für inhaltsleere Inszenierungen zu missbrauchen. Gesundheitslandesrat Norbert Darabos habe die Gründe für die Abberufung des KRAGES-Geschäftsführers dargelegt. Diese sei nach einer Prüfung und dringenden Empfehlung durch die beteiligten Anwälte und den Wirtschaftsprüfer vorgenommen worden. „Der Landesrat konnte gar nicht anders handeln“, so Klubobmann Robert Hergovich. Das „System Niessl“ Es gibt aber auch SP-interne Kritik: Landtagsabgeordneter Peter Rezar, bis 2015 Gesundheitslandesrat, bezeichnete die Vorgangsweise seines Nachfolgers laut „Standard“ als „sehr beschämend“ und sprach von einem Ausdruck des „Systems Niessl: Wer anderer Meinung ist, fliegt. Diese Vorgehensweise erinnert fast schon an Nordkorea“. APA/BRU zu einer Anhörung ins Parlament geladen zu werden. Damm äußert sich bescheiden optimistisch: „Bei aller realistischen Einschätzung nach knapp zehn Jahren Lobby-Arbeit für die chronisch kranken Kinder in Österreich habe ich den Eindruck, dass man nun zumindest weiß, wovon die Rede ist.“ Zudem verleiht sie der Hoffnung Ausdruck, dass sich die Rechtssituation für Lehrer bald ändert. Bisher haben Lehrer, die kranke Kinder bei ihrer Behandlung unterstützen, oft im rechtlichen Graubereich agiert. Lehrer können, wie Gewerkschafter Weiß erklärt, selbst wenn sie mit dem Einverständnis der Eltern handeln, haftbar gemacht werden, falls im Zuge der Verabreichung von Medikamenten „irgendetwas passieren sollte“. Aus dem Gesundheitsministerium heißt es nun: „Ein derzeit in parlamentarischer Behandlung befindlicher Begutachtungsentwurf für ein Bildungsreformgesetz sieht auch rechtliche Regelungen vor, die eine Unterstützung chronisch kranker Kinder durch LehrerInnen ermöglichen.“ Im Schulautonomiepaket ist festgehalten, dass bei der Behandlung kranker Schüler generell die Amtshaftung des Bundes greift, die medizinische Tätigkeit gilt nämlich als Ausübung einer Dienstpflicht. Ping-Pong-Spiele Positiv ist laut Damm auch eine geplante Verordnungsermächtigung des Gesundheitsministeriums an die Schulen. Allerdings müsste das Ministerium dann auch zahlen. Und da liegt ein Problem: „Seit Jahren wird zwischen Bildungs- und Gesundheitsministerium Ping-Pong gespielt“, kritisiert Damm. Von Seiten des Gesundheitsministeriums betont man freilich auf Anfrage der MT genau das Gegenteil: dass man mit dem „primär zuständigen Bildungsministerium“ gut zusammenarbeite. Sinnvoll wäre zudem eine Unterstützung durch medizinisches Fachpersonal an den Schulen, das würde aber ebenfalls Geld kosten. „Das müsste nach meinem Verständnis aus dem Gesundheitsbudget kommen“, sagt Lehrervertreter Weiß. Er wünscht sich neben Schulungen „eine Art Leitfaden, in dem man zwischendurch nachschauen kann“. Damm nimmt indes die Lehrer in die Pflicht: „Das Thema wird oft unterschätzt, Fortbildung abgelehnt. Das Spritzen ist aber nicht das Problem, das machen Kinder selbst. Es geht um Supervision, auch darum, Ernährung und Bewegung zu kontrollieren.“ Die Ärztin plädiert dafür, dass schon bei der Lehrer-Ausbildung angesetzt wird. Dialog der beiden Österreich GESUNDHEITSACHSE ■ „Nur mit einer gemeinsamen, proaktiven Gesundheitspolitik können wir die hohe Qualität unseres Gesundheitswesens sichern.“ Was allgemein gilt, wird jetzt zumindest einmal auf Ebene zweier Bundesländer versucht: Die oberösterreichische Landesrätin Christine Haberlander und der NÖGUS (NÖ Gesundheits- und Sozialfonds)-Vorsitzende, Landesrat Ludwig Schleritzko, trafen sich zu einem bundesländerübergreifenden Erfahrungsaustausch. Schleritzko berichtete über die positive Entwicklung der telefonischen Gesundheitsberatung 1450 seit dem offiziellen Start am 7. April: „Der neue Service wird in Niederösterreich gut angenommen. Mehr als 850 Beratungsgespräche wurden bisher geführt, davon mussten lediglich 75 Anrufer zeitnah in eine Ambulanz verwiesen werden. Damit ersparen wir den Patientinnen und Patienten belastende Fahrten zum Arzt oder in die Spitalsambulanz, Doppeluntersuchungen und lange Wartezeiten.“ Haberlander will demnächst die telefonische Gesundheitsberatung in der Leitstelle des Notruf NÖ in St. Pölten besichtigen. Sie informierte ihrerseits über das Primärversorgungszentrum in Enns, wo Hausärztinnen und Hausärzte mit anderen medizinischen Gesundheitsberufen im Team zusammenarbeiten, um Patienten ein breites Angebot unter einem Dach mit erweiterten Öffnungszeiten anzubieten. „Das bedeutet mehr Service für Patientinnen und Patienten und attraktive Arbeitsbedingungen für die Gesundheitsberufe.“ Praxisnahe Ausbildung In Zeiten des Ärztemangels setzen sich beide Politiker für eine praxisnahe Ausbildung und die Gewinnung von Medizinern für die Allgemeinmedizin ein: „Für unsere medizinische Versorgung müssen wir den angehenden Ärztinnen und Ärzten attraktive Rahmenbedingungen und eine praxisnahe Ausbildung zur Verfügung stellen. Eine wichtige Rolle kommt dabei der sechsmonatigen Lehrpraxis für angehende Allgemeinmediziner zu“, heißt es in einer gemeinsamen Aussendung. RED FOTOS: PRIVAT; FERTNIG / ISTOCK

Medical Tribune j Nr. 19 j 10. Mai 2017 MEDIZIN 5 Auch Zoster kann sich aufs Ohr schlagen OHRENSCHMERZEN ■ Infektion beim Baden, Erkältung, Allergie, Fremdkörper oder Allgemeinerkrankung: Die möglichen Auslöser von Ohrenschmerzen sind zahlreich. Eine genaue Anamnese erleichtert die Ursachenfindung. FOTOS: MAICA / ISTOCK; PRIVAT ANDREA FALLENT Erste Hinweise auf die Ursache von Ohrenschmerzen ergeben sich aus dem Alter des Patienten. Laut Leitlinie „Ohrenschmerzen“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DE- GAM) kommen gewisse Auslöser in bestimmten Altersgruppen häufiger vor als in anderen (s. Tabelle). Bei Säuglingen und Kindern steckt meist eine Otitis media acuta (AOM) dahinter. Bei Jugendlichen und Erwachsenen überwiegt die Otitis externa – insbesondere während der Badesaison. Zusätzlich können Reizungen des Kiefergelenks durch Furunkel oder Zahnschäden aber auch Infektionen mit Herpes-zoster-Viren dem Ohr zu schaffen machen. Häufigster Auslöser bei Kindern: Erkältungen ■ NACHGEFRAGT Dr. Klemens Dejakum HNO-Abteilung am a.ö. Bezirkskrankenhaus Kufstein Eine AOM ist die häufigste Diagnose bei Kindern, Auslöser ist zumeist eine Infektion der oberen Atemwege. Typisch sind plötzlich einsetzende, heftige Ohrenschmerzen mit Hörstörungen und Fieber. Die Kinder fühlen sich matt, schwindelig und sind leicht reizbar. Eine Rötung und Vorwölbung des Trommelfells bei der inspektorischen Untersuchung spricht für eine AOM. Studien haben gezeigt, dass eine AOM meist ohne Antibiotikagabe ausheilt, da es sich häufig um einen viralen Infekt handelt. Bei Kindern ab zwei Jahren empfiehlt die DEGAM-Leitlinie Paracetamol oder Ibuprofen, um das Fieber und die Schmerzen zu lindern. Zudem werden abschwellende Nasensprays zur besseren Belüftung des Mittelohres verabreicht. Bessern sich die Beschwerden innerhalb von 48 Stunden nicht, sollte ein Antibiotikum 1. Wahl (= Amoxicillin) zum Einsatz kommen. „Häufig kommt es im Verlauf der AOM zu einer Ruptur des Trommelfells mit putridem, eventuell auch blutigem Ausfluss“, erklärt Dr. Klemens Dejakum, HNO-Abteilung am a.ö. Bezirkskrankenhaus Kufstein. „Trotz dieser für die Eltern meist besorgniserregenden Symptome bessern sich die Schmerzen in Folge meist rasch und die Ruptur verheilt in der Regel problemlos innerhalb von wenigen Tagen.“ Welche Fallstricke können beim diagnostischen Vorgehen bei Ohrenschmerzen auftreten? Dejakum: Aus meiner Erfahrung anhand von zahllosen Zuweisungen sind die häufigsten Probleme einerseits die Unterscheidung zwischen Otitis externa und media sowie andererseits das Erkennen einer Trommelfellruptur. Das klingt zwar eigentlich einfach, ohne Ohrmikroskop und Absauganlage ist es das aber keineswegs. Auch für mich ist es trotz 18 Jahren HNO-Erfahrung schwer, einen Gehörgang und ein Trommelfell mit dem Otoskop sicher zu beurteilen. Wenn der Patient bereits beim Einführen des Ohrtrichters vor Schmerzen das Gesicht verzieht und zudem das Trommelfell nicht sicher erkannt werden kann, wird es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um eine Otitis externa handeln. Das gleichzeitige Vorliegen einer Otitis media und externa ist aufgrund der unterschiedlichen Genese unwahrscheinlich. Häufig scheinen Cerumen-Membranen einem Trommelfell ähnlich und lassen fälschlicherweise eine Trommelfellruptur vermuten. Dies lässt sich leicht dadurch überprüfen, dass man den Patienten ein Valsalva-Manöver durchführen lässt. Das für die Ruptur typische Entweichen von Luft aus dem Gehörgang ist hörund spürbar. Übersicht über die häufigsten Ursachen von Ohrenschmerzen Säuglinge und Kinder Jugendliche Erwachsene Ältere Erwachsene • Otitis media acuta • Fremdkörper im äußeren • Otitis externa (v.a. im Sommer) • Otitis externa • Kiefergelenks- • Furunkel im Gehörgang • Zoster oticus Gehörgang • Tonsillitis arthropathie • Zahnschäden, (z.B. Murmeln) • Trauma • Zervikalneuralgien Kieferentzündung • Parotitis (Mumps) • Pharyngitis • Weisheitszähne • Fremdkörper im äußeren Gehörgang • Paukenerguss • Trigeminusneuralgien • kariöse Backenzähne • maligne Tumoren • Pharynxkarzinome Sommerkrankheit Schwimmbad-Otitis Treten Ohrenschmerzen bei Jugendlichen oder Erwachsenen auf, steckt häufig eine akute Otitis externa dahinter. Die gängigste Form der Außenohrentzündung ist eine typische Erkrankung der Badesaison. Ausgelöst wird die Bade-Otitis oder Schwimmbad-Otitis zumeist von Bakterien wie Pseudomonas aeruginosa oder Staphylococcus aureus im Schwimmbad- oder Badesee-Wasser. Charakteristisch sind Ohrenschmerzen nach dem Wassersport ohne vorangehende Rhinitis. Druck auf den Tragus oder Ziehen an der Ohrmuschel sind schmerzhaft. Oft ist das Trommelfell wegen der Gehörgangsschwellung nicht einsehbar. Dejakum: „Erscheint es, soweit einsehbar, in diesem Zusammenhang jedoch ebenfalls gerötet oder belegt, besteht in aller Regel nicht – wie häufig fälschlicherweise diagnostiziert – zusätzlich noch eine Otitis media, sondern man spricht von einer Myringitis – einer Entzündung des Trommelfells ohne Beteiligung des Mittelohres. Diese Unterschiede sind allerdings mit einem klassischen Otoskop kaum erkennbar und erschließen sich eher der ohrmikroskopischen Sicht des HNO-Arztes.“ Basis jeder Behandlung ist die gründliche Reinigung des Gehörgangs gefolgt von der lokalen Applikation von Kortikosteroiden und Antibiotika sowie eine ausreichende analgetische Therapie. Dejakum: „Bei stark geschwollenem Gehörgang empfiehlt sich das Einbringen von Salbenstreifen, bei geringer Schwellung reichen Ohrentropfen aus. Wichtig ist in Folge der Schutz vor Feuchtigkeit, zudem soll der Gehörgang nicht vom Patienten selbst gereinigt werden.“ Eine systemisch antibiotische Therapie ist in aller Regel nicht notwendig oder sinnvoll, erklärt der Facharzt: „In Folge der Behandlung treten gelegentlich Pilzinfektionen des Gehörganges auf, die dann ebenso durch Reinigung und lokale Applikation von Antimykotika behandelt werden.“ Ohrenschmerzen durch Irritationen Kleinste Verletzungen im Gehörgang begünstigen eine Entzündung. Sie können beim Reinigen des Ohrs mit Wattestäbchen oder durch die Verwendung von Ohrstöpseln oder Hörgeräten entstehen. Ohrenschmerzen können außerdem auf einen Fremdkörper im Gehörgang hinweisen. Bei Erwachsenen führen am häufigsten Wattereste oder Insekten, bei Kindern Spielzeug oder Hülsenfrüchte zu einer Irritation. Der Gebrauch von Wattestäbchen kann den Selbstreinigungsmechanismus des Gehörganges stören und zu einer Verdichtung von Ohrenschmalz führen. Dieser Cerumenpfropf führt dann ebenso zu Ohrenschmerzen, wenn er im Gehörgang durch Feuchtigkeit aufquillt. Dejakum: „Die Therapie besteht aus der Entfernung des Fremdkörpers, der Reinigung des Gehörgänges und gegebenfalls lokaler Applikation von Kortikosteroiden.“ Weitere Ursachen: Akne, Diabetes, Psoriasis, Herpes Ohrenschmerzen treten ebenso als Folge von Grunderkrankungen wie Diabetes, Akne oder Psoriasis auf, weil diese die Hautbeschaffenheit im Gehörgang beeinflussen. Als Manifestation einer generellen Hauterkrankung kommt die Otitis externa bei Ekzemen, Erysipel, Perichondritis, Otomykosen, Herpes-simplexund Herpes-zoster-Infektionen vor. Insbesondere bei älteren Patienten sollte an eine Reaktivierung von Herpes-zoster-Viren gedacht werden. Diese verursachen nicht nur die typischen Symptome einer Gürtelrose mit Bläschenbildung im Gehörgang: Beim Zoster oticus im Gehörgang rufen die Viren eine Entzündung der VII. und VIII. Hirnnerven hervor, die zu einer sonsorineuralen Hörminderung und Schwindel führt. Tritt eine Faszialisparese auf, spricht man vom Ramsey-Hunt-Syndrom. Die Therapie des Zoster oticus erfolgt wie bei der Gürtelrose mit systemischen Virustatika, Analgetika und bei Bedarf mit austrocknenden Externa. Zu den nicht seltenen Komplikationen gehören laut Dejakum die Meningitis und Enzephalitis: „Deshalb sollte der Patient zur Behandlung nach Möglichkeit einem Krankenhaus mit Neurologie und HNO-Abteilung zugewiesen werden.“ Erwachsene mit Ohrenschmerzen ohne pathologischen Ohrenbefund kann eine Konsultation beim Zahnarzt und/oder Orthopäden empfohlen werden – relativ häufig stecken Erkrankungen des Kiefergelenks, der Bandscheiben oder der Zervikalgelenke dahinter. S2k-Leitlinie Ohrenschmerzen; AWMF Reg.Nr. 053/009 7 Fachkurzinformationen auf Seite 14

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