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Medical Tribune 21/2018

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16 MEDIZIN

16 MEDIZIN Medical Tribune j Nr. 21 j 23. Mai 2018 ■ MEDIZIN UND ICH VON A BIS Z Knigge ist tot ■ BUCHTIPP Von Dr. Ulrike Stelzl Kassenärztin für Allgemeinmedizin in Graz Als die Welt ins Taumeln geriet Letztens war ich bei meinem Patenkind und die Kleine (zweieinhalb) wollte etwas zu trinken, hat mich gefragt und dabei ganz höflich „bitte“ gesagt. Ich war begeistert, was ich auch ihrer Mutter umgehend mitgeteilt habe. Immerhin ist es heute nicht mehr selbstverständlich, dass Kinder so etwas lernen. „Das muss sein, das ist mir wichtig. Ich will, dass sie sich bedankt und auch höflich um etwas bittet. Ich will einfach einen respektvollen Umgang miteinander und dass mein Kind sich benehmen kann!“, antwortete die dazugehörige Mutter, Juristin mit viel Menschenkontakt und den damit verbundenen Erlebnissen. Und schon waren wir dabei, unsere Erfahrungen mit den Umgangsformen unserer Patienten beziehungsweise Klienten zu vergleichen. „Was mich auf die Palme bringt, ist, wenn sie meinen Doktor weglassen und dann auch noch sagen: ,Das könnens mir auch gleich noch aufschreiben. Oder: Das nehm ich auch noch gleich mit‘“, gifte ich. Da würde ich mich gerne zurücklehnen und sagen: „Natürlich kann ich, aber warum sollte ich wollen?“ Bei ihr ist es offenbar um nichts besser. Da kommen massenhaft Leute in die Gratisberatung, die nicht einmal „Guten Tag“ sagen können, geschweige denn „bitte“ oder „danke“. „Das machens mir, das brauch ich auch noch und dann könnens das ja gleich faxen“, sind sehr beliebte Sätze im Umgang mit Frau Mag. Dr. K., die das natürlich alles machen kann und auch alles macht. Die es aber viel lieber machen würde, wenn das Gegenüber irgendsowas wie Freundlichkeit, Benehmen oder gar Dankbarkeit zeigen würde. Und je jünger die Klienten, desto schlimmer ist es, meint sie, deshalb muss der kleine Engel lernen, sich zu bedanken oder bitte zu sagen. Und das klappt hervorragend und tut offenbar auch überhaupt nicht weh, Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, doch 1918 wartete eine weitere Katastrophe, die viele Millionen Tote fordern sollte: die Spanische Grippe. Kann das ohne Auswirkungen auf die Gesellschaft vorübergegangen sein? Nein, meint Laura Spinney. Sie ist überzeugt, dass die Epidemie der Alternativmedizin und der sozialen Gesundheitsvorsorge den Weg ebnete. Auch für das erneute Interesse am Spiritismus sei sie verantwortlich gewesen. Denn das seien Reaktionen darauf gewesen, dass die Medizin die Menschen im Stich gelassen hatte. Laura Spinney: 1918 – Die Welt im Fieber – Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte. Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25848-8 , 384 S., 26,80 € und beeinträchtigt auch nicht die Fröhlichkeit oder die Lebensqualität des quirligen Wesens. V wie Verständnis Sind wir schon so weit, dass es mir als ungewöhnlich positiv auffällt, wenn eigentlich nur die normalsten und banalsten Mindestumgangsformen des menschlichen Zusammenlebens gepflegt werden? Nach dem heutigen Arbeitstag bin ich so weit, diese Frage mit Ja zu beantworten. Im Kalender steht in aller Früh ein Ehepaar zur Vorsorgeuntersuchung. Eine Stunde vor der Ordinationszeit: Ich und mein Team sind natürlich extra dafür früher aufgestanden und harren der kommenden Patienten. Und harren vergeblich. Nach einer Viertelstunde greife ich zum Telefon und erreiche nur die Mailbox. Ich sage der Mailbox höflich und freundlich guten Morgen und dass wir sie beide im Kalender stehen hätten und hoffen, dass sie nicht auf uns vergessen hätten. Zehn Minuten später kommt ein Rückruf: „Ja, da spricht J. Ich habe gerade im Bürokalender nachgesehen, dass wir heute die Untersuchung gehabt hätten. Im Privatkalender haben wir das nicht eingetragen. Kann passieren.“ Natürlich kann so etwas passieren, aber wenn mir das passiert, würde ich mich sehr höflich und freundlich entschuldigen. Ich biete ja sogar meiner Physiotherapeutin an, wenn ich selten, aber doch krankheitshalber ausfalle und selbiges mit genügend Zeit vorankündige, ihr ein Ausfallshonorar zu zahlen. Und auf jeden Fall entschuldige ich mich für die Unannehmlichkeiten. Aber einfach ohne weiteren Kommentar: Kann passieren? Also wage ich zu sagen: „Natürlich kann so etwas passieren, aber für mich ist das auch nicht angenehm. Ich bin extra eine Stunde früher deswegen aufgestanden, und diese Sondertermine sind sehr begehrt und schon lange im Voraus reserviert, der Kalender ist voll, ich kann das auch nicht so leicht verschieben. Hätten Sie oder Ihr Mann vielleicht Zeit, im Laufe des Vormittags wenigstens für die Blutabnahme vorbeizukommen und den Rest machen wir dann irgendwann am Nachmittag?“ „Nein, das geht unmöglich, wie stellen Sie sich das vor? Wir sind ja schon im Büro. Ich hab Ihnen gesagt, so etwas kann passieren! Und ich hab Sie immerhin angerufen, andere würden nicht einmal das tun.“ Offenbar ist die Dame auch noch sehr überzeugt von ihrem Verhalten in dieser Situation. Jetzt muss ich widersprechen: „Andere rufen sehr wohl an und sagen Termine ab!“ „Also ich werde jetzt nicht deshalb zu Kreuze kriechen. Es gibt genug andere Ärztinnen, die diese Untersuchung gerne machen! Wir sind fertig miteinander, auf Wiedersehen.“ Nein, sicher nicht auf Wiedersehen. Ich will nämlich nicht. Sie können sich gerne eine von den vielen anderen Ärztinnen suchen, die es schätzen, so behandelt zu werden. Diese Liste ist sicher lang. Viel Glück jedenfalls bei der Suche! Aber damit eines klar ist: Wenn die Dame oder ihr Göttergatte vor mir zusammenbrechen, reanimiere ich sie, aber sonst will ich sie nicht mehr sehen. Kein Widerspruch vom Team. Interessanterweise geht der Tag mit vielen lieben, freundlichen und höflichen Menschen weiter. Auch liebe und gut erzogene Kinder sind dabei. Keiner demoliert die Bude, nimmt den PC auseinander, wühlt im Mistkübel oder schmiert gelangweilt Farbe an die Wand des Wartezimmers. Fast will ich schon glauben, dass die Menschen ja doch nett, wohlerzogen und rücksichtsvoll sind. Die letzte Patientin belehrt mich allerdings eines Besseren. „Da machens, da könnens, da tuns jetzt! Und auch gleich faxen!“ Und das Ganze ohne „Grüß Gott“ davor und „Auf Wiedersehen“ danach. Ich hatte doch recht: Knigge ist wirklich tot. MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at FOTO: FURGLER ugs.: dicker Bauch mit geringer Emission frz. Schauspieler (Jean) † 1998 span. Männername sprachlich hervorheben Grafschaft in England Berg im Toten Gebirge: Großer ... salopp: Herz erster Herzverpflanzer † 2001 Kykladeninsel Pilzbelag im Mund verwesender Tierkörper grobkörniger Sandstein 8 niederer orth. Geistlicher Mehrzahl (lat.) Gattin des Osiris 6 österr. Romanautor † 2009 5 früherer äthiop. Titel Note beim Doktorexamen Kochflüssigkeit Krankenhausabteilung körperl. beeinträchtigt Oregano, Wilder Majoran ausländische Zahlungsmittel in hohem Grade EU-Luftsicherheitsbehörde (Abk.) Gästebediener Aderschlag griechischer Liebesgott fehlerhaft sprechen 9 Stadt bei Toulouse Schutzstoffe verab- Schwindel (Med.) 7 Vorname des Schauspielers Delon ® svd2011-263 1 1 Schluss, Ende 2 Stadt in Polen (dt. Name) Leistung gegen Leistung (frz., 2 W.) 3 Burgmime (Raoul) † 1958 nordosteurop. Landschaft Lichtbrecher Märchengestalt (Frau ...) 4 2 Gattin starkes Schmerzmittel Verbrauch Raffsucht 5 profilloser Rennreifen römischer Sonnengott Motto e. österr. Herrschers Hochgebirge in Österreich 6 4 lat.: Kunst 7 3 reichen widersetzlich, kratzbürstig französisch: Insel 8 exakt Kfz-Z. San Marino 9 MT-Rätsel Die meisten Menschen sind in ihrem Alltag Missstimmungen, Stress und Leistungsdruck ausgesetzt, sich selbst und ihre eigenen Bedürfnisse spüren sie kaum noch. Das neue Buch „Die Wiederentdeckung der Berührbarkeit“ (Orac 2018, ISBN 978-3-7015-0603-3) der Psychologin, Psychotherapeutin und Unilektorin Susanne Pointner lädt ein, einen empathischen Umgang mit sich selbst zu entwickeln, und richtet sich an Menschen, die nicht cool und abgestumpft sein wollen, sondern offen und sensibel, jedoch ohne sich gleich von jedem Gegenwind aus der Bahn werfen zu lassen. Schicken Sie die Lösung per Fax (01/54600-735) oder E-Mail (sekretariat@medizin-medien.at) bis 29.5. an die Redak tion und gewinnen Sie dieses Buch. Das Lösungswort aus MT 20 lautet „Cholestase“. Mit Ihrer Teilnahme akzeptieren Sie die AGB sowie die Datenschutzbestimmungen der Medizin Medien Austria. Die AGB und die Datenschutzbestimmungen finden Sie auf www.medonline.at. DVR-Nr.: 4007613 MT_21_18_s16.indd 16 17.05.2018 14:56:13

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