Aufrufe
vor 1 Jahr

Medical Tribune 21/2018

  • Text
  • Tribune
  • Patienten
  • Behandlung
  • Vitamin
  • Medizin
  • Tribune
  • Studie
  • Menschen
  • Therapie
  • Wien
  • Sonstigen

2 THEMA DER WOCHE

2 THEMA DER WOCHE Medical Tribune j Nr. 21 j 23. Mai 2018 Impressum Internationale Wochenzeitung für Österreich Die Hoffnung stirbt zuletzt www.medizin-medien.at | www.medonline.at Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Verlag und Herausgeber: Medizin Medien Austria GmbH; 1120 Wien; Grünbergstr. 15; Tel.: (01) 54 600-0, Fax: (01) 54 600-710 Geschäftsführer: Thomas Letz Prokuristen: Mag. (FH) Andreas Eder, Mag. Magdalena Paulnsteiner, Dr. Christine Zwinger, Malte Wagner Berater des Herausgebers: Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer Leitung Medizin Medien/Redaktion: Mag. (FH) Manuela Klauser, DW 650, m.klauser@medizin-medien.at Chefredaktion: Mag. Hans-Jörg Bruckberger, DW 620, h.bruckberger@ medizin-medien.at Redaktion: Mag. Patricia Herzberger (Chefin vom Dienst), Mag. Anita Groß, Dr. med. Luitgard Grossberger Fax: DW 735, redaktion@medical-tribune.at Ständige Mitarbeiter: Mag. Nicole Bachler, Reno Barth, Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer, Univ.-Prof. Dr. med. Johann Hammer, Mag. Dr. med. Rüdiger Höflechner, Mag. Michael Krassnitzer, Mag. Karin Martin, Hannes Schlosser, Dr. med. Ulrike Stelzl, Mag. Petra Vock Lektorat: Mag. Eva Posch Layout und Herstellung: Günther Machek, Hans Ljung, Johannes Spandl Leitung Medizin Medien/ Verkauf: Reinhard Rosenberger, DW 510, r.rosenberger@ medizin-medien.at Anzeigen: sales@medizin-medien.at Anzeigenabwicklung: Christian Wieser, MA; DW 697, c.wieser@medizin-medien.at Aboservice Medical Tribune: 1110 Wien, Simmeringer Hauptstraße 24, Tel.: (01) 361 70 70-572, Fax: (01) 361 70 70-9572, aboservice@medizin-medien.at Bezugsbedingungen: Einzelpreis € 4,–, Jahresabo € 81,– (inkl. Porto), Studenten und Ärzte in Ausbildung € 61,– Konto für Abo-Zahlung: UniCredit Bank Austria AG, Konto-Nr.: 100 19 608 321, BLZ: 12000; IBAN: AT25 1200 0100 1960 8321, BIC: BKAUATWW Bankverbindung: UniCredit Bank Austria AG, Konto-Nr.: 100 19 608 107, BLZ: 12000; IBAN: AT80 1200 0100 1960 8107, BIC: BKAUATWW Druck: Druckerei Ferdinand Berger & Söhne GmbH, Wiener Straße 80, 3580 Horn, www.berger.at Auflage: 16.100 Stk. Blattlinie: Informiert Ärzte über Medizin, Gesundheitspolitik und Praxisführung Unternehmensgegenstand der Medizin Medien Austria GmbH: Herausgabe, Verlag, Druck und Vertrieb von Zeitungen und Zeitschriften sowie sonstiger periodischer Druckschriften. Die Produktion und der Vertrieb von Videofilmen. Die Durchführung von Werbungen aller Art, insbesondere Inseraten werbung (Anzeigenannahme), Plakatwerbung, Ton- und Bildwerbung, Reportagen, Ausarbeitung von Werbeplänen und alle sonstigen zur Förderung der Kundenwerbung dienenden Leistungen. Gesellschafter der Medizin Medien Austria GmbH: Alleinige Gesellschafterin der Medizin Medien Austria GmbH ist die Süddeutscher Verlag Hüthig GmbH. Gesellschafter der Süddeutscher Verlag Hüthig GmbH sind die Süddeutscher Verlag GmbH mit 99,81 %, Herr Holger Hüthig mit 0,10 % und Frau Ruth Hüthig mit 0,09 %. Anmerkungen des Verlages: Mit der Einsendung eines Manuskriptes erklärt sich der Urheber damit einverstanden, dass sein Beitrag ganz oder teilweise in allen Ausgaben, Sonderpublikationen und elektronischen Medien der Medizin Medien Austria GmbH und der verbundenen Verlage veröffentlicht werden kann. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Ver vielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfäl tigt, verwertet oder verbreitet werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde an einigen Stellen die männliche Schreibweise gewählt, z.B. „Ärzte“ statt „Ärztinnen“. Dabei handelt es sich ausdrücklich um keine Bevorzugung eines Geschlechts. Datenschutzerklärung: Wenn Sie diese Publikation als adressierte Zustellung erhalten, ohne diese bestellt zu haben, bedeutet dies, dass wir Sie aufgrund Ihrer beruflichen Tätigkeit als zur fachlichen Zielgruppe zugehörig identifiziert haben. Wir verarbeiten ausschließlich berufsbezogene Daten zu Ihrer Person und erheben keinerlei Daten betreffend Ihrem Privatleben. Erhobene Daten verarbeiten wir zur Vertragserfüllung, zur Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen sowie zur Bereitstellung berufsbezogener Informationen einschließlich (Fach-)Werbung. In unserer, unter [www.medizin-medien.at/datenschutzerklaerung/] abrufbaren, vollständigen Datenschutzerklärung informieren wir Sie ausführlich darüber, welche Kategorien personenbezogener Daten wir verarbeiten, aus welchen Quellen wir diese Daten beziehen, und zu welchen Zwecken sowie auf welcher Rechtsgrundlage wir dies tun. Ebenso erfahren Sie dort, wie lange wir personenbezogene Daten speichern, an wen wir personenbezogene Daten übermitteln und welche Rechte Ihnen in Bezug auf die von uns verarbeiteten Daten betreffend Ihre Person zukommen. Gerne übermitteln wir Ihnen die vollständige Datenschutzerklärung auch per Post oder E-Mail – geben Sie uns per Telefon, E-Mail oder Post Bescheid, wie und wohin wir Ihnen diese übermitteln dürfen. Uns erreichen Sie wie folgt: Per Post: Medizin Medien Austria GmbH, Grünbergstraße 15 / Stiege 1, 1120 Wien Österreich. Per Telefon: +43 1 54 600-689. Per E-Mail: datenschutz@medizin-medien.at. Leseranalyse medizinischer Fachzeitschriften WELTGESUNDHEIT ■ Der emeritierte Wirtschafts- und Sozialgeschichtler Prof. Dr. Josef Nussbaumer zeigt in seiner neuen Publikation auf, dass selbst hinter zunächst trostlos scheinenden Zahlen positive Entwicklungen ablesbar sind. PETER BERNTHALER Bei einem Vortrag in der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG)* in Wien standen die globale Bevölkerungs-, Seuchen- und Wasserproblematik sowie Armut im Fokus der Präsentation – immer unter dem Aspekt positiver Trends hinter nüchtern-statistischer Realität. Dass Bevölkerungszunahme beispielsweise als Problem apostrophiert werden muss, machen neuere Schätzungen der UNO deutlich: Rund 12 Milliarden Menschen könnten im Jahr 2100 die Erde bevölkern. Allein für Afrika liegen Zahlen von 4,4 Milliarden (fast 40 Prozent der Weltbevölkerung) vor, ausgehend von derzeit 1,1 Milliarden Menschen. Ein Seitenblick auf die globale Kindersterblichkeit zeigt, dass 2017 „nur“ mehr 5,6 Millionen Kinder starben gegenüber 12,7 Millionen um 1990. Das sei zwar „immer noch schlimm, aber doch ein großer Rückgang“, so Prof. em. Dr. Josef Nussbaumer in seinem Vortrag. Medical Tribune bat ihn im Anschluss um Stellungnahme zu gesundheitspolitischen Fragen. Gute Preise. Gute Besserung. Mehr Service. Was sind die maßgeblichen Faktoren für den Rückgang der Kindersterblichkeit? Nussbaumer: Das ist eine komplexe Frage: Im Wesentlichen ist es wohl die Übertragung von medizinischem Wissen und Handeln, was in der Ersten Welt mittlerweile selbstverständlich ist und auch auf viele Länder der sogenannten Dritten Welt – beispielsweise bei Impfungen gegen Kinderkrankheiten – übergegangen ist. Dies hat zur Folge, dass viele Kinder, die AU/GEN/17/0083b MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at sonst sterben würden, überleben. Die niedrige Lebenserwartung war ja auch bei uns über Jahrtausende so niedrig, weil so viele Kinder – sogar noch im 20. Jahrhundert – gestorben sind. Die Impfquote liegt ja immer noch nicht bei 100 Prozent, sondern vielleicht bei 80 bis 90 Prozent, aber immerhin. Und in den ganz armen Ländern sterben ja nach wie vor viele Kinder vor dem 5. Lebensjahr aus diversen Gründen. Wie meinen Sie das, wenn Sie sagen, dass „aktive Bevölkerungspolitik ein Schlüssel zur Verbesserung der globalen Gesundheit“ ist und dass es „keine Rettung der Welt ohne Frauen“ gibt? Nussbaumer: Die Betonung liegt auf ein Schlüssel, neben einigen anderen. Es ist klar, wenn ich mich um weniger Kinder kümmern muss, kann ich mich um diese besser kümmern, auch ökonomisch, vor allem in ärmeren Schichten und Regionen. Besonders ginge es darum, die Rechte der Frauen global noch viel mehr zu stärken. Viele Frauen möchten weniger Kinder, als Ein Ständer, so lange man einen braucht Tadalafi l ratiopharm ® • PDE-5-Hemmer zur Behandlung der erektilen Dysfunktion • Bis zu 36 Stunden Wirkdauer • Gleichwertig zu Cialis ® • 20 mg Filmtablette mit Bruchkerbe • Kostengünstig REFERENZPRÄPARAT CIALIS ® Filmtabletten 10 mg (4 St) und 20 mg (4, 8, 12 St) Fachkurzinformationen auf Seite 14 sie tatsächlich bekommen. Dass sich dabei die vor allem männlich dominierten Hochreligionen nicht besonders wohltuend hervorheben, sei nur so nebenbei angemerkt. Pointiert verwende ich immer die Feststellung: Wenn alle Frauen der Welt selber bestimmen könnten, wie viele Kinder sie haben möchten, dann hätten wir global ein Bevölkerungswachstum von null und das würde wohl einige Probleme – auch die der Gesundheit – erleichtern, natürlich nicht lösen. „Die Welt“ schrieb 2010: „Trotz Impfstoff ist Polio nicht besiegt: Erstmals seit 1998 treten in der WHO-Region Europa wieder Fälle auf. Das Virus wurde eingeschleppt.“ Wie relevant ist dies für Europa? Josef Nussbaumer analysiert globale Zusammenhänge. Nussbaumer: Das ist eine Frage, die ein Mediziner beantworten sollte. Als Ökonom kann ich dazu nur sagen: Der permanent steigende Tourismus, unterstützt ein wenig auch durch den Klimawandel – Stichwort Malaria, erleichtert die Ausbreitung von Seuchen natürlich wieder. Seuchen können sich quasi mit der Geschwindigkeit von Flugzeugen global ausbreiten. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass heute schon Szenarien und Planspiele entwickelt wurden, welche Flugplätze oder besser Drehkreuze man beim Ausbruch einer größeren Seuche rasch sperren müsste, um die Ausbreitung einer Seuche zu erschweren. Das ist also nicht nur Science Fiction. Dass eine gewisse Impfmüdigkeit auch bei uns dies erleichtert, sei nur zusätzlich angeführt. Dazu eine weitere Fußnote: Durch die großen Migrationsströme der letzten Jahre kam es in den diversen Gesellschaften natürlich auch zu einer Durchmischung von Geimpften und Nicht-Geimpften. Auch das ist ein gewisses Problem und erschwert den Gesundheitsbehörden die Arbeit. Sie sprechen auch über „Wasser als Todesursache“ ...? Nussbaumer: Man denke nur daran, was passiert, wenn man Trockenmilch mit unsauberem Wasser vermischt etc. Bei der Bekämpfung von Cholera ist sauberes Wasser eine Grundvoraussetzung, wichtiger als ein Mediziner vor Ort, oder anders gesagt: Ohne sauberes Wasser und ein Minimum an Hygiene nutzt der beste Mediziner nichts. Deshalb habe ich ja in meinem Vortrag auch einen Fokus auf die Armut gelegt. Wird sich die Bekämpfung der globalen Armut in Zukunft weiterhin so linear sinkend entwickeln und von welcher Definition von Armut gehen Sie aus? Nussbaumer: Die absolute Armut ist das absolute Existenzminimum, das man zum Überleben braucht. Zurzeit sind das ca. 2 US-Dollar pro Tag. In den vergangenen Jahrzehnten korreliert das mit dem Rückgang des Hungers. Diese Entwicklungen sind aber keine Garantie, dass dies auch in Zukunft so weitergehen wird: Soziale Entwicklungen sind keine Naturgesetze, sondern hängen davon ab, ob auch in Zukunft mindestens so viele Anstrengungen gegen Armutsbeseitigung unternommen werden, wie dies in den letzten Jahrzehnten – siehe Asien, Stichwort China – der Fall war. Dies wird nicht von heute auf morgen gehen. Wichtig scheint mir aber die Tatsache zu sein, dass wir dem Tatbestand der absoluten globalen Armut nicht hilflos ausgesetzt sind, sondern doch erhebliche Erfolge zu verbuchen sind. Der Weg ist noch lang, aber die Hoffnung auf eine weitere Besserung besteht auch. Warum ist Gesundheit direkt an Bildung gekoppelt? Zum Beispiel wird doch ein „einfacher“ Japaner aufgrund seiner Lebensart und Ernährung vermutlich gesünder älter als ein Österreicher ... Nussbaumer: Bildung ist ein Schlüssel für die meisten Probleme, die wir global haben, deshalb auch für die Gesundheit. Aber Achtung: Sie ist nicht der Schlüssel, der alles automatisch löst. Dazu braucht es noch andere Aspekte, wie etwa in Japan die traditionell gesunde Ernährung, die nicht nur ein Bildungsgut ist. Bildung löst die Probleme nicht automatisch, aber ohne Bildung ist die Lösung noch viel schwieriger. Davon bin ich überzeugt. Mit anderen Worten: Eine unserer knappsten Ressourcen ist das „Gehirnschmalz“. Auch zur Bekämpfung der Armut braucht es bekanntlich Bildung und dass die Armen früher sterben, ist ein Faktum etc., etc. Für das Verändern unseres Verhaltens, etwa hin zu gesünderer Lebensweise, ist bekanntlich Bildung ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Bildung heißt hier natürlich, dass ich mich permanent weiterbilden muss – eine Tatsache, die auch in Österreich bei vielen noch nicht angekommen ist. * GÖG-Colloquium „Hoffnungstropfen“ bei globalen Gesundheitsproblemen, 5/2018 Zur Person Prof. em. Dr. Josef Nussbaumer war Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Innsbruck; er gilt als Analytiker globaler Zusammenhänge. Mit dem Verein teamGlobo will er „die Bewusstseinsbildung, die Bildungsarbeit und Forschung im Hinblick auf globale Ungerechtigkeiten sowie die finanzielle Unterstützung von in diesem Bereich tätigen Personen und Institutionen fördern“. Nussbaumer ist u.a. Co-Autor von „Unser kleines Dorf“ (2009) und „Hoffnungstropfen“ (2017). www.teamglobo.net FOTO: PRIVAT MT_21_18_s02.indd 2 17.05.2018 14:34:10

Medical Tribune j Nr. 21 j 23. Mai 2018 3 ▶ POLITIK & PRAXIS Fressen oder gefressen werden – in der Wirtschaft geht es martialisch zu. Größenverhältnisse und Rahmenbedingungen sind mitunter unterschiedlich. Takeda mischt die Pharmabranche auf ÜBERNAHMEFIEBER ■ All you can eat Running Sushi oder Harakiri? Takeda schluckt Shire für 62 Milliarden Dollar. Damit steigen die Japaner in die Champions League der Pharmaindustrie auf, gehen aber ein hohes Risiko ein. Und das Übernahmekarussell nimmt Fahrt auf. Wer folgt als Nächstes? HANS-JÖRG BRUCKBERGER Paukenschlag in der Pharmaindustrie: Nach langem Ringen hat sich der japanische Konzern Takeda mit dem irischen Arzneimittelhersteller Shire auf eine Übernahme geeinigt. Knapp 62 Milliarden US-Dollar (mehr als 50 Mrd. Euro) legen die Japaner auf den Tisch, womit der Deal die bislang größte Übernahme eines japanischen Unternehmens überhaupt im Ausland ist. Der Zusammenschluss wäre auch einer der bislang größten in der Pharmabranche. Takeda steigt damit zu den weltweit führenden Anbietern auf, rangiert fortan gemessen am Umsatz unter den Top 10 Pharma-Konzernen weltweit (siehe Grafik). Takeda-Chef Christophe Weber (der Franzose wurde 2015 der erste Vorstandschef des Konzerns, der nicht Japaner ist) hatte mehrmals nachbessern müssen, um die Zustimmung der Iren zu bekommen. Der Abschluss der Übernahme wird für das erste Halbjahr 2019 erwartet. Es entsteht ein führender Anbieter von Medikamenten zur Behandlung von seltenen Krankheiten, Krebs, Blutgerinnungsstörungen, Erkrankungen im Bereich der Neurologie sowie der Gastroenterologie. Weber will das Unternehmen globaler aufstellen und seine Abhängigkeit vom japanischen Pharmamarkt verringern. Von dem Zukauf erhofft er sich mittelfristig jährliche Einsparungen von mindestens 1,4 Milliarden Dollar. Aber nicht alle Marktbeobachter sind begeistert, gerade an der Börse sehen viele den Vorstoß kritisch. Schließlich greift Weber für Shire tief in die Tasche. Das Transaktionsvolumen liegt weit über der Marktkapitalisierung von Takeda selbst. Der japanische Konzern wird an der Börse mit rund 34 Milliarden Dollar bewertet. Allein der Kredit, den die Japaner zur Finanzierung des Deals aufnehmen müssen, liegt bei 31 Milliarden Dollar. Noch nie hat sich ein japanisches Unternehmen für einen Zukauf derart hoch verschulden müssen. Dazu kommt, dass die Integration – wie immer bei derart großen Übernahmen – nicht einfach wird, schon allein aufgrund unterschiedlicher Kulturen. Mit anderen Worten: Das Risiko, dass Takeda eingeht, ist beträchtlich. Dass ein Konzern wie Takeda sich auf eine solche Transaktion einlässt, ist ein starker Indikator für den aufgestauten Fusionsdrang in der Branche. Bankanalysten und Beratungshäuser hatten in ihren Jahresausblicken prognostiziert, dass die nächste Übernahmewelle im Pharmasektor kurz bevor steht. „Die Bühne für ein außerordentliches Jahr 2018 ist bereitet“, hieß es etwa in einer Studie von PwC. Auch bei EY erwartete man ein steigendes Volumen. Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass der Takeda-Deal nicht der letzte große Pharma-Deal des Jahres war. Das Wachstum in der Branche ist trotz steigender Neuzulassungen von Arzneien relativ verhalten. Denn den Innovationen stehen zahlreiche Patentabläufe und ein wachsender Preisdruck Roche Pfizer Novartis Sanofi Merck & Co. Bayer Glaxo Takeda + Shire Abbvie auf dem US-Markt gegenüber. Etliche Großkonzerne kämpfen mit Stagnation und sind auf Zukäufe angewiesen, um zu wachsen. Dafür sind die meisten Unternehmen finanziell gut ausgestattet. Die aus Börsenwert und Verschuldungsfähigkeit abgeleitete „Feuerkraft“ der Branche – also die Mittel, die Unternehmen für Zukäufe mobilisieren können – ist laut EY bereits auf 1,34 Billionen Dollar weltweit angewachsen (Medical Tribune berichtete). Multis wie Pfizer, Merck & Co oder Johnson & Johnson sitzen auf Cash-Reserven von um die 20 Milliarden Dollar und Die größten Pharmakonzerne der Welt 76,5 54,2 52,6 50,1 40,9 40,1 39,6 38,9 31,2 29,2 Konzernumsatz in Mrd. US-$ Johnson & Johnson Quelle: Unternehmensangaben mehr. Und wer Kredite braucht, der findet immer noch niedrige Zinsen vor. Pfizer und Novartis werden nach dem geplanten Rückzug aus dem Consumer-Geschäft über nahezu schuldenfreie Bilanzen verfügen und werden auf der Käuferseite als Topkandidaten gehandelt. Pfizer sollte obendrein die Steuerreform von Präsident Trump in die Karten spielen, zumal diese die finanzielle Flexibilität der US-Konzerne stärkt. Als Übernahmekandidat gilt immer wieder Bristol-Myers Squibb (BMS), die mit den Krebsimmun-Medikamenten Yervoy® und Opdivo® Erfolge feiert. Freilich hält sich die Anzahl potenzieller Käufer in Anbetracht einer Marktkapitalisierung von mehr als 80 Milliarden Dollar sehr in Grenzen. Angeblich ist das sogar Pfizer zu teuer. Ansonsten findet man potenzielle Targets vor allem im Biotech-Sektor: Namen wie Alexion, Incyte, Vertex oder Biomarin wurden auf einer von der US- Bank Citi rund um den Jahreswechsel erstellten Liste mit Übernahmekandidaten genannt. Auch der US-Biotech-Konzern Biogen wird zuweilen als Übernahmekandidat gehandelt, neben kleineren Firmen wie Alkermes, Puma Biotechnology oder Bluebird Bio. FOTO: ORLA / GETTYIMAGES ■ BILANZ Merck hadert Der starke Euro macht Merck zu schaffen. Im ersten Quartal musste der Pharma- und Spezialchemiekonzern einen Umsatz- und Ergebnisrückgang verkraften. Dabei kämpfte das Unternehmen weiter mit Problemen im wichtigen Flüssigkristallgeschäft etwa für Smartphone-Displays, wo Merck Marktanteile an Konkurrenz aus China verliert. Auch für das Gesamtjahr bleibt CEO Stefan Oschmann vorsichtig. APA Sanofi: Ein Riese mit turbulenter Geschichte SERIE: PHARMARIESEN ■ Fusionen und Übernahmen kennzeichnen auch die Geschichte des französischen Riesen. Kurz vor der Jahrtausendwende hieß es „Aventis steht vor der Tür“ – vier Jahre später war Aventis auch schon wieder Geschichte. Der Name Aventis, der 1999 aus einer Fusion der deutschen Hoechst AG mit der französischen Rhône-Poulence hervorging, blieb zwar noch einige Jahre als Namensteil des französischen Pharmakonzerns Sanofi erhalten, 2011 aber hatte er endgültig ausgedient. Fortan firmierte der Konzern, der vor der Fusion mit Aventis Sanofi-Synthélabo hieß, wieder unter dem Namen Sanofi. Sanofi-Synthélabo war aus den französischen Unternehmen Sanofi (vorher Teil des Ölkonzerns Elf Aquitaine) und Synthélabo (vorher Teil von L’Oréal) hervorgegangen. Kompliziert? Wie man’s nimmt. Noch komplizierter war die Situation im Jahr 2004, als die französische Sanofi-Synthélabo-Gruppe Aventis schlucken wollte. Aus dem ursprünglich als „feindliche Übernahme“ bezeichneten Zusammenschluss wurde letztlich eine „Fusion unter Gleichen“. Mehr als 100.000 Mitarbeiter Die Turbulenzen rund um den Zusammenschluss belasteten eine Zeit lang sogar das politische Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich. Heute zählt der Sanofi-Konzern, der erst kürzlich bekanntgab, dass er sein Generika-Geschäft verkaufen will, mit einem Umsatz von mehr als 35 Milliarden Euro zu den größten Pharmaunternehmen der Welt. Mehr als 100.000 Menschen arbeiten in rund 100 Ländern für den Konzern. 2017 investierte das Unternehmen 5,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. HF MT_21_18_s03.indd 3 18.05.2018 11:30:04

ärztemagazin

Medical Tribune