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Medical Tribune 22/2018

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2 THEMA DER WOCHE

2 THEMA DER WOCHE Medical Tribune j Nr. 22 j 30. Mai 2018 Impressum Internationale Wochenzeitung für Österreich Initiative gegen Polymedikation PROJEKT „GEMED“ ■ In Salzburg gingen Apotheker in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Pflegepersonal und Ärzten gezielt gegen die Problematik der Polymedikation bei Alten- und Pflegeheimbewohnern vor. Leseranalyse medizinischer Fachzeitschriften eine intensive, strukturierte Zusammenarbeit der Berufsgruppen Arzt, Apotheker und Pflege möglich ist und zu großem Erfolg führen kann.“ Vor allem im hohen Alter können Neben- und Wechselwirkungen durch Medikamente häufig und plötzlich auftreten. „Besonders tragisch finde ich, wenn wegen der Gabe von Medikamenten die geistige Verwirrung eines Menschen unnötig zunimmt“, betonte LAbg. Ingrid Korosec, Präsidentin des Österreichischen Seniorenbundes und MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at Gemeinsame Präsentation des Best-Practice-Modells GEMED (v. li. n. re.): Mursch-Edlmayr, Korosec, Kretschmer und Strasser Grüne Box ab 1. Mai 2018 10, 20 und 40 mg mit Bruchkerbe AU/GNRT/18/0011b www.medizin-medien.at | www.medonline.at Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Verlag und Herausgeber: Medizin Medien Austria GmbH; 1120 Wien; Grünbergstr. 15; Tel.: (01) 54 600-0, Fax: (01) 54 600-710 Geschäftsführer: Thomas Letz Prokuristen: Mag. (FH) BETTINA KAMMERER Andreas Eder, Mag. Magdalena Paulnsteiner, Dr. Christine Zwinger, Malte Wagner Berater des Herausgebers: Im Jahr 2030 wird es in Österreich um Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer Leitung Medizin Medien/Redaktion: Mag. (FH) Manuela Klauser, DW 38 Prozent mehr 65-jährige und um 650, m.klauser@medizin-medien.at Chefredaktion: 60 Prozent mehr 85-jährige Menschen Mag. Hans-Jörg Bruckberger, DW 620, h.bruckberger@ geben als heute. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird bei Frauen medizin-medien.at Redaktion: Mag. Patricia Herzberger (Chefin vom Dienst), Mag. Anita Groß, Dr. med. Luitgard Grossberger Fax: DW 735, redaktion@medical-tribune.at über 86 Jahre und bei Männern mehr Ständige Mitarbeiter: Mag. Nicole Bachler, Reno Barth, Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer, Univ.-Prof. Dr. med. als 81 betragen. Alte Menschen leiden Johann Hammer, Mag. Dr. med. Rüdiger Höflechner, Mag. nicht nur unter mehreren Erkrankungen, sondern auch unter den Folgen Michael Krassnitzer, Mag. Karin Martin, Hannes Schlosser, Dr. med. Ulrike Stelzl, Mag. Petra Vock Lektorat: Mag. Eva Posch Layout und Herstellung: Günther Machek, der daraus resultierenden Polymedikation. Besonders gravierend ist die Hans Ljung, Johannes Spandl Leitung Medizin Medien/ Verkauf: Reinhard Rosenberger, DW 510, r.rosenberger@ medizin-medien.at Anzeigen: sales@medizin-medien.at Problematik bei Bewohnern in Alten- Anzeigenabwicklung: Christian Wieser, MA; DW 697, c.wieser@medizin-medien.at und Pflegeeinrichtungen. Genau hier Aboservice Medical Tribune: 1110 Wien, Simmeringer setzt das Salzburger Projekt „GEMED“ Hauptstraße 24, Tel.: (01) 361 70 70-572, Fax: (01) der Österreichischen Apothekerkammer an, das kürzlich in Wien präsen- 361 70 70-9572, aboservice@medizin-medien.at Bezugsbedingungen: Einzelpreis € 4,–, Jahresabo € 81,– (inkl. Porto), Studenten und Ärzte in Ausbildung tiert wurde. „GEMED“ steht für „Geriatrisches Medikationsmanagement in Seniorenrats. Projektleiterinnen von € 61,– Konto für Abo-Zahlung: UniCredit Bank Austria AG, Konto-Nr.: 100 19 608 321, BLZ: 12000; IBAN: AT25 1200 0100 1960 8321, BIC: BKAUATWW stationären Senioreneinrichtungen“. GEMED sind zwei Apothekerinnen: Bankverbindung: UniCredit Bank Austria AG, Mag. Diemuth Strasser von der Kurapotheke Bad Gastein und Mag. Dr. Konto-Nr.: 100 19 608 107, BLZ: 12000; Handlungsbedarf IBAN: AT80 1200 0100 1960 8107, BIC: BKAUATWW Druck: Druckerei Ferdinand Berger & Söhne GmbH, „Ich bin sehr stolz, mit GEMED wurde Elisabeth Kretschmer, ehemalige Leiterin Wiener Straße 80, 3580 Horn, www.berger.at Auflage: 16.100 Stk. ein großes extramurales Thema aufgegriffen“, sagte Apothekerkammerpräsidentin der Anstaltsapotheke und der öf- fentlichen Apotheke des KH der Barm- Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr. herzigen Brüder in Eisenstadt. „Mir ist Blattlinie: Informiert Ärzte über Medizin, Gesundheitspolitik und Praxisführung „Wir haben sehr praxisnah gezeigt, ganz wichtig“, erklärt Strasser, „dass Unternehmensgegenstand der Medizin Medien Austria GmbH: Herausgabe, Verlag, Druck und Vertrieb von dass auch im extramuralen Bereich das Projekt von der Basis aus entwi- Zeitungen und Zeitschriften sowie sonstiger periodischer Druckschriften. Die Produktion und der Vertrieb von Videofilmen. Die Durchführung von Werbungen aller Art, insbesondere Inseraten werbung (Anzeigenannahme), Plakatwerbung, Ton- und Bildwerbung, Reportagen, Ausarbeitung von Werbeplänen und alle sonstigen zur Förderung der Kundenwerbung dienenden Leistungen. Gesellschafter der Medizin Medien Austria GmbH: Alleinige Gesellschafterin der Medizin Medien Austria GmbH ist die Süddeutscher Verlag Hüthig GmbH. Gesellschafter der Süddeutscher Verlag Hüthig GmbH sind die Süddeutscher Verlag GmbH mit 99,81 %, Herr Holger Hüthig mit 0,10 % und Frau Ruth Hüthig mit 0,09 %. Anmerkungen des Verlages: Mit der Einsendung eines Manuskriptes erklärt sich der Urheber damit einverstanden, dass sein Beitrag ganz oder teilweise in allen Ausgaben, Sonderpublikationen und elektronischen Medien der Medizin Medien Austria GmbH und der verbundenen Verlage veröffentlicht werden kann. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Ver vielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Noch lange volle Leistung bringen Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter REFERENZPRÄPARAT: Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, Mit Power gegen erhöhtes LDL CRESTOR ® verarbeitet, vervielfäl tigt, verwertet oder verbreitet werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde an einigen Stellen Rosuvastatin rtp ist gleichwertig zu Crestor die männliche Schreibweise gewählt, z.B. „Ärzte“ statt und ab 1. Mai in der Grünen Box verfügbar. „Ärztinnen“. Dabei handelt es sich ausdrücklich um keine Bevorzugung eines Geschlechts. Als Filmtablette in sechs Dosierungen Datenschutzerklärung: Wenn Sie diese Publikation von 5 bis 40 mg und zum Flatprice. als adressierte Zustellung erhalten, ohne diese bestellt FT zu 5, 10, 15, 20, 30 und 40 mg zu haben, bedeutet dies, dass wir Sie aufgrund Ihrer beruflichen Tätigkeit als zur fachlichen Zielgruppe zugehörig identifiziert haben. Wir verarbeiten Gute Preise. Gute Besserung. Mehr Service. ausschließlich berufsbezogene Daten zu Ihrer Person und erheben Ihr Privatleben betreffend keinerlei Daten. Erhobene Daten verarbeiten wir zur Vertragserfüllung, Fachkurzinformationen auf Seite 14 zur Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen sowie zur Bereitstellung berufsbezogener Informationen einschließlich (Fach-)Werbung. In unserer, unter Rosuvastatin_112x100_RZ.indd 1 27.03.18 14:14 [www.medizin-medien.at/datenschutzerklaerung/] abrufbaren, vollständigen Datenschutzerklärung informieren wir Sie ausführlich darüber, welche Kategorien personenbezogener Daten wir verarbeiten, aus welchen Quellen wir diese Daten beziehen, und zu welchen Zwecken sowie auf welcher Rechtsgrundlage wir dies tun. Ebenso erfahren Sie dort, wie lange wir personenbezogene Daten speichern, an wen wir personenbezogene Daten übermitteln und welche Rechte Ihnen in Bezug auf die von uns verarbeiteten Daten betreffend Ihre Person zukommen. Gerne übermitteln wir Ihnen die vollständige Datenschutzerklärung auch per Post oder E-Mail – geben Sie uns einfach per Telefon, E-Mail oder Post Bescheid, wie und wohin wir Ihnen diese übermitteln dürfen. Uns erreichen sie hierzu wie folgt: Per Post: Medizin Medien Austria GmbH, Grünbergstraße 15 / Stiege 1, 1120 Wien Österreich. Per Telefon: +43 1 54 600-689. Per E-Mail: datenschutz@medizin-medien.at ckelt wurde – entsprechend unseren Ressourcen.“ Unter Polymedikaton wird laut WHO die gleichzeitige Einnahme von mehr als fünf Medikamenten bezeichnet. „Bei fünf Wirkstoffen“, so Strasser, „gibt es bereits zehn potenzielle Wechselwirkungen. Und diese steigen natürlich mit der Anzahl der Arzneimittel.“ 75 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen nehmen mehr als fünf Wirkstoffe ein und 43 Prozent mehr als zehn. Strasser: „Im Projekt ging es uns um eine ganz intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit der drei Berufsgruppen. Wichtig war, dass die Kommunikation standardisiert und sehr strukturiert abläuft. Und wir wollten die pharmazeutische Leistung messbar machen.“ Vor Start des Projekts im Dezember 2016 wurden Apotheker und Pflegefachkräfte drei Tage eigens geschult. „Während des Projekts“, erzählt Kretschmer, die zweite Projektleiterin, „haben die Apotheker dann die Medikation monatlich einer Analyse unterzogen. Parallel dazu haben die Pflegefachkräfte die Heimbewohner auf mögliche Nebenwirkungen bzw. Zustandsveränderungen, die in Zusammenhang mit der Medikation stehen könnten, beobachtet.“ Bei regelmäßigen Treffen im Heim wurden schließlich die Analysen der Apotheker und die Beobachtungen der Pflegefachkräfte bewertet. „Bestand ein mögliches Risiko, so wurde das dem betreuenden Arzt in schriftlicher Form als eine Empfehlung zur Überprüfung der Medikation übermittelt.“ Anhand einer Checkliste mit 72 Fragen wurden auch Lagerung, Dispensierung und Applikation der Medikamente sowie Kommunikation und Dokumentation auf ihr Verbesserungspotenzial überprüft. Diese Daten wurden zu Beginn und am Ende des Projekts erhoben. Ein messbarer Erfolg „Zu Beginn stellten wir 202 Verbesserungspotenziale fest, diese reduzierten sich auf 70 am Projekt ende“, sagt Kretschmer. „Damit haben wir eine Verbesserung um 65 Prozent über den gesamten Medikationsprozess erreicht.“ Der Hauptschwerpunkt von GEMED lag aber auf der Optimierung der medikamentösen Therapie. Im Beobachtungszeitraum haben 612 Bewohner aus Seniorenheimen am Projekt teilgenommen, zwei Drittel davon Frauen, ein Drittel Männer. Das Durchschnittsalter betrug 84 Jahre. Kretschmer: „Im Durchschnitt haben die Bewohner täglich elf Wirkstoffe bekommen. Davon war mindestens einer ein PIM-Wirkstoff, daher ein Potenziell Inadäquates Medikament für ältere Personen. Klassisches Beispiel ist ein Benzodiazepin, das die Sturzneigung erhöht und Verwirrtheitszustände hervorrufen kann. Die PIM- Liste enthält derzeit 72 solcher Wirkstoffe, wird aber gerade überarbeitet.“ Bei 212 Bewohnern gaben die Apotheker insgesamt 502 Empfehlungen zur Therapieoptimierung ab. „Also waren fast 35 Prozent der Bewohner betroffen“, sagt Kretschmer. In 121 Fällen – fast 16 Prozent – war der Grund für die Empfehlung eine unerwünschte Neben- oder Wechselwirkung wie z.B. Kognitionsstörungen, gastrointestinale Störungen, Blutdruckabfall bzw. niedriger Blutdruck, Gangstörungen, Stürze, Elektrolytstörungen.“ Die häufigste Empfehlung (n = 213) war das Absetzen eines Medikaments, gefolgt von einer Dosisanpassung, die laut Kretschmer fast immer eine Dosisreduktion bedeutet hat. Trotz dieser Zahlen, die die Notwendigkeit und Effizienz einer Medikationsanalyse bei Polymedikation aufzeigen, liegt der eigentliche Erfolg des Projekts GEMED in der gelungenen multiprofessionellen Zusammenarbeit. Ein Indiz dafür ist die hohe Akzeptanz der Empfehlungen bei den Ärzten: „64 Prozent der Empfehlungen wurden 1:1 von den Ärzten umgesetzt, also so, wie es Apotheker und Pflegefachkraft vorgeschlagen haben“, freut sich Kretschmer. In acht Prozent entschieden sich die Ärzte für eine andere Umsetzung, in drei Prozent der Fälle war die Umsetzung nicht nachvollziebar (etwa weil der Patient verstorben war). Potenzial zur Ausrollung „Durch bessere Vernetzung und enge Zusammenarbeit der Berufsgruppen können wir das Problem Polymedikation bewältigen“, sind die Projektleiterinnen überzeugt. „Die Heimbewohner haben von den Medikationsanalysen und den daraus resultierenden Änderungen der Medikation deutlich profitiert.“ Entsprechend ist das Feedback der Projektteilnehmer: Von den betreuenden Ärzten beurteilen 85 Prozent die Therapieempfehlungen als hilfreich. Alle Beteiligten würden sich mit großer Mehrheit eine Weiterführung der Zusammenarbeit wünschen. GE- MED hätte somit das Potenzial, als ein Best-Practice-Modell in ganz Österreich ausgerollt zu werden. „Es gibt bereits Interesse aus anderen Bundesländern“, bestätigt Mursch- Edlmayr. Das werde nun evaluiert. „Für eine Ausweitung in andere Gebiete braucht es die Sicherstellung eines Honorars für die pharmazeutische Leistung“, betonte Strasser. Weitere Infos und Projektabschlussbericht auf www.gemed.at Eckdaten GEMED Projektteilnehmer: 10 Apotheken, 11 Seniorenheime mit ihren Bewohnern und deren betreuenden 30 Hausärzten und Pflegefachkräften in 11 Salzburger Gemeinden; insgesamt 573 Heimplätze Laufzeit: 10/2016–12/2017 Projektleitung: Mag. Dr. Elisabeth Kretschmer, Mag. Diemuth Strasser Finanzierung: Österreichische Apothekerkammer und LEADER Pongau FOTO: ÖAK

Medical Tribune j Nr. 22 j 30. Mai 2018 3 ▶ POLITIK & PRAXIS „Sie sind keinen Millimeter zurückgewichen und haben praktisch jedes gesundheitspolitische Tabu gebrochen. Der politische Schaden ist also angerichtet, jetzt geht es nur mehr nach vorne.“ Dr. Ernest Pichlbauer FOTO: JUPITERIMAGES / GETTYIMAGES Das Skalpell ist gerichtet, der Patient aufgelegt. Die Regierung will aus dem Kassensystem eine Milliarde Euro rausholen – Kritiker bezweifeln das. Jetzt geht’s ans Eingemachte KASSENREFORM ■ Die Regierung macht ernst: In einer beispiellosen Operation will sie die Sozialversicherungen filetieren. Der Aufschrei einiger Systempartner ist laut – es gibt aber auch Zustimmung. HANS-JÖRG BRUCKBERGER ANITA GROSS „Wer glaubt, eine Fusion als feindliche Übernahme zu veranstalten, und dabei große Einsparungen lukrieren möchte, hat keine Ahnung von Unternehmensführung. Das wird in der Wirtschaft nur dann gemacht, wenn danach die Firmenteile abverkauft oder zugesperrt werden sollen.“ Der Obmann der NÖGKK, Gerhard Hutter, ist offensichtlich kein Fan der geplanten Kassenreform der Regierung. „,Arbeitnehmer raus, Wirtschaftsvertreter rein‘, lautet die Devise. Die große ‚Strukturreform‘ entpuppt sich als Rohrkrepierer für die Versicherten und als dreiste Umfärbeaktion“, so der Kassenfunktionär. „Die Verlierer“ der Reform seien „definitiv die Vertreter des Systems“, hatte zuvor Bundeskanzler Sebastian Kurz betont. Schließlich würden rund 80 Prozent der Funktionäre wegrationalisiert. Die Zahl der Funktionäre in den Kassen soll von 2.000 (bisher war von 1.000 die Rede) auf 400 reduziert werden. Die derzeit 21 Sozialversicherungen sollen auf vier bis fünf reduziert werden. Die neun Gebietskrankenkassen sollen dazu zu einer Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) zusammengefasst werden. Die Sozialversicherungsanstalten der Selbstständigen (SVA) und der Bauern (SVB) werden zu einem „Selbstständigen-Träger“ (SVS) zusammengelegt. Die Beamtenversicherung (BVA) und die Versicherung für Eisenbahnen und Bergbau (VAEB) kommen zu einer Versicherungsanstalt für den öffentlichen Dienst und Schienenverkehrsunternehmen zusammen. Bestehen bleibt die Pensionsversicherungsanstalt. Offen ist indes nach wie vor die Zukunft der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA). Diese muss bis 31. August Pläne zur Einsparung von 500 Millionen Euro beschließen. Ärztekammer applaudiert Gespart wird im System und nicht bei den Bürgern, so die Botschaft der Regierung, in der man gar von der größten Reform der Repu blik spricht. Bei den Kassen will man bis 2023 eine Milliarde Euro einsparen – das sei durch das Ausschöpfen der Potenziale in Verwaltung, Einkauf und IT möglich, erklärte Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein und verspricht auch mehr Gerechtigkeit. Die Zahl der Verwaltungsgremien soll von 90 auf 30 schrumpfen, jene der Generaldirektoren von 21 auf fünf bis sechs. Für gleiche Beiträge soll es künftig gleiche Leistungen geben, gelobt die Regierung. Positiv reagierte der Vertreter der niedergelassenen Ärzteschaft: „Der geplante Ausbau des niedergelassenen ärztlichen Bereichs ist zu begrüßen, hier besteht massiver Nachholbedarf“, sagt Dr. Johannes Steinhart, Bundeskurienobmann und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer. Bei der „Gesundheitsmilliarde“, die sich die Regierung von der Kassenzusammenlegung erwartet, werde freilich sehr genau zu beobachten sein, ob sich die Erwartungen der Politik erfüllen und dieses Geld auch wirklich bei den niedergelassenen Ärzten ankommt und damit versorgungswirksam wird. Erfreulich sei, dass es offensichtlich konkrete Pläne gäbe, „die Einsparungen aus der Struktur- und Verwaltungsreformen zu erzielen und nicht auf dem Rücken der Patienten“, so Steinhart. Fraglich sei, ob die geplante Harmonisierung tatsächlich in der Lage sei, ein Leistungs-Plus zu bringen, und nicht zu Kürzungen und Einsparungen führt. Steinhart: „Eine vernünftige Leistungsharmonisierung kann nur zusätzliches Geld ins System bringen. Eine Nivellierung nach unten darf es nicht geben.“ Die Milliarden-Euro-Frage „Die vorgestellte Sozialversicherungsreform ist nur der erste Schritt auf einer langen Reise zum Wohl des Patienten“, sagt Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, und ergänzt: „Es ist wichtig, diese Reformansätze der Regierung zu begrüßen anstatt sie schon im Vorfeld abzulehnen. Die beteiligten Personen sollen an ihren Ergebnissen gemessen werden.“ Laut Huber habe es lange genug Stillstand in diesem Bereich gegeben. Ob aber tatsächlich eine Milliarde eingespart werden kann, wird vielerorts bezweifelt. Auch Rechnungshof-Präsidentin Dr. Margit Kraker ist diesbezüglich „sehr skeptisch“, wie sie in einem TV-Interview sagte. Gesundheitsökonom Dr. Ernest Pichlbauer rechnet vor: „Die Verwaltungskosten liegen aktuell zwischen 1,2 und 1,5 Milliarden Euro.“ Genau wüsste das wohl niemand, weil die Quersubventionen über Steuergelder nicht klar erfasst werden. Mit den geplanten Einsparungen von 200 Millionen Euro pro Jahr werde jedenfalls eine Verwaltungskostenreduktion von rund 15 Prozent angestrebt. Ob diese Zahl hält, sei fraglich – Pichlbauer bezeichnet sie als „sicher hoch, wenn auch machbar“. Das sei aber auch gar nicht so wichtig: „Der Clou ist nicht diese eine Milliarde, die in fünf Jahren eingespart werden soll. Der Clou ist, dass die Regierung eine Strukturreform will, an deren Ende nur mehr wenige bundesweit agierende Krankenkassen stehen. Das wird die Koordination erleichtern und in weiterer Folge echte Gesundheitsreformen ermöglichen“, so Pichlbauer und ergänzt geradezu euphorisch: „Und dass sie das wollen, zeigt, dass sie bis jetzt keinen Millimeter zurückgewichen sind und praktisch jedes gesundheitspolitische Tabu dabei gebrochen haben. Der politische Schaden ist also angerichtet, jetzt geht es nur mehr nach vorne.“ Wie Hutter bezeichnet WGKK-Obfrau Ingrid Reischl die Regierungspläne als „klassische Umfärbeaktion“, eine Machtverschiebung zugunsten der Arbeitgeber. Die Mehrheit der Funktionäre arbeite ehrenamtlich, durch eine Reduktion sei nicht „das große Geld“ zu holen, sagt Reischl. Derzeit sind die (meist roten) Arbeitnehmervertreter im Verhältnis 4:1 in der Überzahl. Künftig gilt fifty-fifty. Aufhorchen ließ Bundeskanzler Kurz mit der Überlegung, dass eine ÖGK-Zentrale auch außerhalb Wiens „sinnvoll“ wäre, dies würde den ländlichen Raum stärken. Ob damit die derzeit größte Kasse des Landes einverstanden wäre? Man spreche sich gegen eine Fusion aus und daher auch gegen eine ÖGK-Zentrale, „eine Zentrale außerhalb von Wien würde allerdings sicherlich die Wege und die Kommunikation auf Bundesebene und auch international aufgrund der längeren Wege erschweren“, heißt es seitens der WGKK auf Anfrage. Dem Vernehmen nach gilt Linz als Favorit. „Ein zentralistischer Moloch ist auch in Vorarlberg ein Moloch“, weicht OÖGKK-Obmann Albert Maringer einer direkten Antwort aus, die geografische Frage sei „zweitrangig“. Vielmehr gehe es um die Kompetenzen und um die Autonomie in den Ländern, das sei seine „Triebfeder“ im Sinne der Versicherten, stellt der Arbeiterbetriebsrat der voestalpine Stahl gegenüber MT klar. So entrüstet wie sein niederösterreichischer Kollege Hutter zeigt er sich aber nicht, auch wenn er kritisiert, dass nur die allgemeinen Rücklagen im Land bleiben sollen (in Oberösterreich 253 Millionen Euro), während die gesetzlich vorgeschriebenen Leistungssicherungsrücklagen an die ÖGK fließen dürften. Das seien in Oberösterreich 266 Millionen, betont Maringer. Wohin fließt dieses Geld? Weiters sollen laufende Einnahmen an die ÖGK fließen und dann wieder an die Länder verteilt werden – anhand von Zahlen aus 2017. Damit würden jedoch die jährlichen Beitragssteigerungen, alleine von 2016 auf 2017 in Oberösterreich 68 Millionen, künftig nicht berücksichtigt. „Wohin fließt dieses Geld dann?“, fragt man sich in der OÖGKK. Mögliche Protestmaßnahmen verneint Maringer: „Die Sozialversicherung ist nie ein Gegner der Regierung“, so die überraschende Antwort: „Wir sind gesprächsbereit.“ Schaumgebremste Kritik kommt auch von Oberösterreichs Ärzte-Chef Dr. Peter Niedermoser. Das Einsparungspotenzial sei „nicht wirklich nach vollziehbar“. Man werde die FP- Gesundheitsministerin, die allerhand „garantiert, garantiert, garantiert“ hatte – vor allem die Versorgung in den Landregionen zu stärken und die Arbeitsbedingungen für Landärzte zu verbessern – beim Wort nehmen.

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