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Medical Tribune 23/2018

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2 THEMA DER WOCHE

2 THEMA DER WOCHE Medical Tribune j Nr. 23 j 6. Juni 2018 Impressum Internationale Wochenzeitung für Österreich Man stirbt nur einmal Leseranalyse medizinischer Fachzeitschriften DISKUSSION ■ Die letzte Lebensphase von Menschen ist für Ärzte mit einer Vielzahl an medizinischen und juristischen Fragestellungen verknüpft – ein Spannungsfeld zwischen Übertherapie und Sterbehilfe. erläuterte Ganner, der vom Arzt bestimmten Indikation und der Zustimmung des Patienten. Jedenfalls gelte aber: „Wenn der Arzt nicht von der Richtigkeit einer Behandlung überzeugt ist, darf er/muss er diese nicht durchführen.“ Mit dem entscheidungsfähigen Patienten sei ein Konsens herzustellen, was einschließe, Maßnahmen zu unterlassen, auch wenn der Arzt diese Maßnahmen als sinnvoll erachtet: „Sterbebegleitung MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at Grüne Box ab 1. Mai 2018 10, 20 und 40 mg mit Bruchkerbe AU/GNRT/18/0011b www.medizin-medien.at | www.medonline.at Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Verlag und Herausgeber: Medizin Medien Austria GmbH; 1120 Wien; Grünbergstr. 15; Tel.: (01) 54 600-0, Fax: (01) 54 600-710 HANNES SCHLOSSER ist rechtlich völlig gedeckt und unproblematisch.“ Geschäftsführer: Thomas Letz Prokuristen: Mag. (FH) Andreas Eder, Mag. Magdalena Paulnsteiner, Dr. Christine Zwinger, Malte Wagner Berater des Herausgebers: „Lebensverlängerung alleine ist kein Die rechtliche Basis des Suizid- Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer Leitung Medizin Medien/Redaktion: Mag. (FH) Manuela Klauser, DW Ziel von Intensivtherapie“, betont Tourismus in die Schweiz ist rasch 650, m.klauser@medizin-medien.at Chefredaktion: die Intensivmedizinerin Univ.-Prof. erklärt: In Österreich ist seit der Mag. Hans-Jörg Bruckberger, DW 620, h.bruckberger@ Dr. Barbara Friesenecker, „der Patient muss die Erkrankung überleben der Selbstmord straffrei, nicht aber großen Strafrechtsreform von 1974 medizin-medien.at Redaktion: Mag. Patricia Herzberger (Chefin vom Dienst), Mag. Anita Groß, Dr. med. Luitgard Grossberger Fax: DW 735, redaktion@medical-tribune.at können, es muss ein Therapieziel geben, sonst braucht man ihn nicht in Die deutsche Regelung ist in diesem die Mitwirkung/Beihilfe am Suizid. Ständige Mitarbeiter: Mag. Nicole Bachler, Reno Barth, Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer, Univ.-Prof. Dr. med. Johann Hammer, Mag. Dr. med. Rüdiger Höflechner, Mag. der Intensivstation aufzunehmen.“ Punkt ähnlich jener in der Schweiz, Michael Krassnitzer, Mag. Karin Martin, Hannes Schlosser, Dr. med. Ulrike Stelzl, Mag. Petra Vock Lektorat: Mag. Im Rahmen einer Veranstaltung allerdings mit einem wesentlichen Eva Posch Layout und Herstellung: Günther Machek, der AbsolventInnenorganisation der Unterschied: Deutschland erlaubt Hans Ljung, Johannes Spandl Leitung Medizin Medien/ Verkauf: Reinhard Rosenberger, DW 510, r.rosenberger@ Medizinischen Universität Innsbruck den assistierten Suizid, verbietet medizin-medien.at Anzeigen: sales@medizin-medien.at ALUMNI-I-MED wurde über schwierige diesen aber auf gewerbsmäßiger Ba- medizinische Entscheidungen sis. Ärzte in Österreich warnte Gan- Anzeigenabwicklung: Christian Wieser, MA; DW 697, c.wieser@medizin-medien.at Aboservice Medical Tribune: 1110 Wien, Simmeringer am Ende des Lebens diskutiert. Den ner davor, Patienten Informationen Hauptstraße 24, Tel.: (01) 361 70 70-572, Fax: (01) Anfang machte dabei der Zivilrechtler zu den Möglichkeiten in der Schweiz Univ.-Prof. Dr. Michael Ganner. zu geben, weil das Gerichte als assis- 361 70 70-9572, aboservice@medizin-medien.at Bezugsbedingungen: Einzelpreis € 4,–, Jahresabo € 81,– (inkl. Porto), Studenten und Ärzte in Ausbildung Ins Zentrum rückte er die Kategorien tierten Suizid bewerten könnten. € 61,– Konto für Abo-Zahlung: UniCredit Bank Austria „Menschenwürde“ und „Autonomie“, AG, Konto-Nr.: 100 19 608 321, BLZ: 12000; IBAN: AT25 1200 0100 1960 8321, BIC: BKAUATWW wobei er Letztere als Voraussetzung Tendenz zur Übertherapie Bankverbindung: UniCredit Bank Austria AG, für selbstverantwortliches Handeln Patientenverfügungen empfiehlt Konto-Nr.: 100 19 608 107, BLZ: 12000; und den Umgang mit Risiken bezeichnete. Der Autonomie steht die es die (formal aufwendige) „verbind- Ganner im allseitigen Interesse, sei IBAN: AT80 1200 0100 1960 8107, BIC: BKAUATWW Druck: Druckerei Ferdinand Berger & Söhne GmbH, Wiener Straße 80, 3580 Horn, www.berger.at Auflage: 16.100 Stk. zweckorientierte Ethik des Utilitarismus gegenüber, wonach Leben und liche“ oder die „beachtliche“ Verfügung. Allerdings spielen Patientenverfügungen in der Praxis noch im- Blattlinie: Informiert Ärzte über Medizin, Lebensqualität durch dritte Personen Gesundheitspolitik und Praxisführung bewertet wird. mer eine sehr untergeordnete Rolle – Unternehmensgegenstand der Medizin Medien Austria GmbH: Herausgabe, Verlag, Druck und Vertrieb von Medizinische Entscheidungen in 15 Jahren als Intensivmedizinerin Zeitungen und Zeitschriften sowie sonstiger periodischer Druckschriften. Die Produktion und der Vertrieb von Videofilmen. Die Durchführung von Werbungen aller Art, insbesondere Inseraten werbung (Anzeigenannahme), Plakatwerbung, Ton- und Bildwerbung, Reportagen, Ausarbeitung von Werbeplänen und alle sonstigen zur Förderung der Kundenwerbung dienenden Leistungen. Gesellschafter der Medizin Medien Austria GmbH: Alleinige Gesellschafterin der Medizin Medien Austria GmbH ist die Süddeutscher Verlag Hüthig GmbH. Gesellschafter der Süddeutscher Verlag Hüthig GmbH sind die Süddeutscher Verlag GmbH mit 99,81 %, Herr Holger Hüthig mit 0,10 % und Frau Ruth Hüthig mit 0,09 %. Anmerkungen des Verlages: Mit der Einsendung eines Manuskriptes erklärt sich der Urheber damit einverstanden, dass sein Beitrag ganz oder teilweise in allen Ausgaben, Sonderpublikationen und elektronischen Medien der Medizin Medien Austria GmbH und der verbundenen Verlage veröffentlicht werden kann. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Ver vielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. würden auf zwei Säulen beruhen, hatte Dr. Barbara Friesenecker mit ei- Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Noch lange volle Leistung bringen Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, REFERENZPRÄPARAT: verarbeitet, vervielfäl tigt, verwertet oder verbreitet CRESTOR Mit Power gegen erhöhtes LDL ® werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde an einigen Stellen die männliche Schreibweise gewählt, z.B. „Ärzte“ statt „Ärztinnen“. Dabei handelt es sich ausdrücklich um keine Bevorzugung eines Geschlechts. Datenschutzerklärung: Wenn Sie diese Publikation als adressierte Zustellung erhalten, ohne diese bestellt Rosuvastatin rtp ist gleichwertig zu Crestor und ab 1. Mai in der Grünen Box verfügbar. Als Filmtablette in sechs Dosierungen von 5 bis 40 mg und zum Flatprice. zu haben, bedeutet dies, dass wir Sie aufgrund Ihrer beruflichen Tätigkeit als zur fachlichen Zielgruppe FT zu 5, 10, 15, 20, 30 und 40 mg zugehörig identifiziert haben. Wir verarbeiten ausschließlich berufsbezogene Daten zu Ihrer Person und erheben Ihr Privatleben betreffend keinerlei Daten. Gute Preise. Gute Besserung. Mehr Service. Erhobene Daten verarbeiten wir zur Vertragserfüllung, zur Erfüllung gesetzlicher Verpflichtungen sowie Fachkurzinformationen auf Seite 14 zur Bereitstellung berufsbezogener Informationen einschließlich (Fach-)Werbung. In unserer, unter [www.medizin-medien.at/datenschutzerklaerung/] abrufbaren, vollständigen Datenschutzerklärung informieren wir Sie ausführlich darüber, welche Kategorien personenbezogener Daten wir verarbeiten, aus welchen Quellen wir diese Daten beziehen, und zu welchen Zwecken sowie auf welcher Rechtsgrundlage wir dies tun. Ebenso erfahren Sie dort, wie lange wir personenbezogene Daten speichern, an wen wir Rosuvastatin_112x100_RZ.indd 1 27.03.18 14:14 personenbezogene Daten übermitteln und welche Rechte Ihnen in Bezug auf die von uns verarbeiteten Daten betreffend Ihre Person zukommen. Gerne übermitteln wir Ihnen die vollständige Datenschutzerklärung auch per Post oder E-Mail – geben Sie uns einfach per Telefon, E-Mail oder Post Bescheid, wie und wohin wir Ihnen diese übermitteln dürfen. Uns erreichen sie hierzu wie folgt: Per Post: Medizin Medien Austria GmbH, Grünbergstraße 15 / Stiege 1, 1120 Wien Österreich. Per Telefon: +43 1 54 600-689. Per E-Mail: datenschutz@medizin-medien.at ner verbindlichen und drei beachtlichen Patientenverfügungen zu tun. Insgesamt zeichnete Friesenecker ein sehr kritisches Bild: „Wir befinden uns heute unter dem Diktat des Machbaren und haben Angst vor dem Vorwurf, Hilfeleistung zu unterlassen.“ Friesenecker forderte dazu auf, die Indikation von Therapiezielen kritischer zu hinterfragen, und stellte nüchtern fest: „Wir produzieren mit großem Aufwand häufig Pflegefälle. Es steht nirgendwo, dass wir unter allen Umständen Leben erhalten müssen.“ Gut begleitet sterben lassen, ohne Angst, Schmerz, Stress, Atemnot entspräche häufig mehr dem Patientenwohl. Das heißt mit anderen Worten, rechtzeitig auf palliativmedizinische V.l.n.r.: Elisabeth Zanon, ALUMN-I-MED-Präsident Christoph Brezinka, Barbara Friesenecker, Michael Ganner und Artur Wechselberger Maßnahmen umzustellen. Friesenecker verwies in diesem Zusammenhang auf große Studien mit weltweit 1,2 Mio. ausgewerteten Krankengeschichten, wonach in den letzten sechs Lebensmonaten 40 Prozent der Therapien ohne Nutzen seien. In diesem Kontext ist in der einschlägigen Literatur längst von „Übertherapie“ und „chronisch kritisch-krank“ die Rede. Zugleich gelte, dass der Patient „Nein“ sagen kann, betonte Friesenecker: „Auch wenn wir der Meinung sind, wir können ihn heilen, dürfen wir das nicht tun – ansonsten begehen wir eine Körperverletzung.“ Die Tendenz zu Übertherapie sieht Friesenecker auch in der tief verankerten Haltung unter Medizinern, wonach „Sterben heißt, wir haben beim Heilen versagt“. Friesenecker leitet daraus die Forderung ab, klinische Ethik ins medizinische Pflichtcurriculum aufzunehmen. „Wir können nicht alle Patienten heilen und müssen uns mehr mit der Endlichkeit befassen. Sterben ist keine persönliche Niederlage.“ Hospizbewegung Daran knüpfte unmittelbar die Vorsitzende der Tiroler Hospizbewegung, Dr. Elisabeth Zanon, an. „Nicht mehr Lebenstage, sondern mehr Tage mit Leben“, sei das Motto der Hospizbewegung, zu der als zentrales Element die Freiheit zur Selbstbestimmung der Patienten zähle, betonte Zanon. Besonders wichtig sei es dabei, auch die Angehörigen inklusive der Kinder mit zu betreuen und einzubeziehen. Anders als im restlichen Österreich setzt das Konzept der Tiroler Hospiz-Gemeinschaft darauf, palliativmedizinische Leistungen und das Angebot des Hospiz als Einheit zu betrachten. Mit der Eröffnung des neu errichteten Hospizhauses Mitte Juni auf dem Gelände des Landeskrankenhauses Hall würde diesem Konzept künftig noch besser entsprochen werden können, so Zanon. Auf Widersprüche zwischen der Erwartungshaltung der Menschen und der Realität machte der Allgemeinmediziner Dr. Artur Wechselberger, Präsident der Tiroler Ärztekammer, aufmerksam. Demnach wünscht sich weit über die Hälfte der Menschen, zu Hause sterben zu können, nimmt man die Wünsche, im Hospiz oder einer Palliativstationen zu sterben, hinzu, ergibt das drei Viertel. Gestorben wird im Spital Tatsächlich hat sich das Sterben längst in die Krankenhäuser verlagert. Das trifft für mehr als die Hälfte der Menschen zu, rund 17 Prozent (Tendenz steigend) sterben in Heimen, nur einem Viertel ist es vergönnt, zu Hause zu sterben. Wechselberger sieht den Hausarzt in einer zentralen Rolle bei der Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Er sieht ihn als „Teamleader“, der in der Regel den Patienten lange kennt. „Wir haben die Aufgabe, den Menschen zu helfen, für die Sterben nichts Alltägliches ist.“ Allgemeinmediziner werden in dieser Phase vor besondere Herausforderungen gestellt. Zentral ist aus Wechselbergers Sicht eine „ganzheitliche und kontinuierliche Betreuung“, wozu eine Rund-umdie-Uhr-Verfügbarkeit und damit die Weitergabe der Handynummer zähle. Aus Erfahrung weiß Wechselberger, dass Patienten bzw. deren Angehörige damit sorgsam und zurückhaltend umgehen. Wechselberger sieht die Hausärzte auch in der letzten Lebensphase von Menschen in der Rolle von Koordinatoren des Versorgungsprozesse, bei der Einbindung nicht-ärztlicher Gesundheitsberufe, in der Sicherstellung des Informationsflusses etc. Eine wesentliche Aufgabe sei es auch, Behandlungsziele zu definieren und gegebenenfalls abzuändern – bis hin zum Abbruch der Behandlung. Die Beachtung von Lebens- und Sterbensqualität sieht Wechselberger als weitere Aufgabenfelder, wobei er Lebensqualität „als möglichst geringe Differenz zwischen den Erwartungen eines Menschen und der tatsächlichen Lebensrealität“ skizzierte. Damit wird auch deutlich, dass Lebensqualität immer ein sehr subjektives Maß ist und bis zum letzten Atemzug bleibt. FOTO: HANNES SCHLOSSER

Medical Tribune j Nr. 23 j 6. Juni 2018 3 ▶ POLITIK & PRAXIS „Eine Reduktion der Träger ist sinnvoll“ SYSTEMANALYSE ■ Univ.-Prof. Dr. Gottfried Haber gilt als einer der einflußreichsten Ökonomen des Landes mit viel Expertise im Gesundheitswesen. Im Gespräch mit der Medical Tribune erklärt er, woran es im System krankt und wieso mehr marktwirtschaftliches Denken durchaus guttäte. FOTO: HELGE BAUER HANS-JÖRG BRUCKBERGER Herr Professor, wie bewerten Sie die geplante Reform der Sozialversicherung? Haber: Bei der Gesamtreform gibt es sicher zwei Schienen, einerseits geht es um die Vereinheitlichung der Leistungssysteme, andererseits geht es um organisatorische Vereinfachungen und Effizienzsteigerungen. Die Bundesregierung hat sich offensichtlich in einem ersten Schritt auf die politisch vermutlich sogar noch komplexere Aufgabe konzentriert, organisatorische Reformen in Angriff zu nehmen. Die Interessenslagen in diesem Bereich und die hohe Anzahl der Akteure sowie deren komplexe Verflechtungen – nicht nur in finanzieller Hinsicht – lassen es unrealistisch erscheinen, eine derartige Optimierung kurzfristig und in einem einzigen Schritt umzusetzen. Ich denke daher, dass man sich hier auch sinnvollerweise noch etwas Zeit nehmen sollte, um letztendlich leistungsfähige Strukturen zu schaffen, die dann auch für die nächsten Jahre und Jahrzehnte ohne weitere gravierende Reformschritte arbeiten können. Aber eine Reduzierung der Träger halten Sie grundsätzlich für sinnvoll? Haber: Eine Reduktion der Anzahl der Träger ist sicher sinnvoll und ein Land wie Österreich benötigt sicher nicht mehr als eine mittlere einstellige Zahl an Trägern. Auf der anderen Seite wäre aber eine vollständige Zentralisierung auch nicht wünschenswert, denn auch zu große Einheiten können zu Ineffizienzen führen. Darüber hinaus können mehrere Träger auch miteinander gebenchmarkt werden, sodass weiterhin Effizienzdruck bestehen bleibt. Wichtig ist, dass die Struktur der Träger und damit auch ihre Anzahl sich an den inhaltlichen Erfordernissen orientiert – vieles hängt also auch zum Beispiel davon ab, inwieweit man langfristig auch Vereinheitlichungen quer über die Sozialversicherungssysteme der Angestellten, Beamten und Selbstständigen umsetzen kann. Sind Sie überrascht, dass die Regierung doch so konsequent vorgeht und keine Konflikte scheut? Haber: Nein, der Leidensdruck ist schon groß, deshalb bin ich auch zuversichtlich gewesen, dass etwas weitergeht. Die neue Regierung hat jetzt ein Zeitfenster, um ohne Rücksicht auf die Vergangenheit Strukturen und Prozesse verändern zu können. Sie würden unserem Gesundheitssystem – der Schulschluss naht – derzeit also keine gute Note geben? Haber: Doch, für Zugänglichkeit und Qualität würde ich eine glatte Eins vergeben, eine römisch Eins sogar. Der Anteil der Bevölkerung mit unerfülltem Behandlungswunsch ist bei uns fast nicht vorhanden und es ist auch nicht an den sozialen Status gekoppelt. Das ist eines der niederschwelligsten Gesundheitssysteme der Welt! Für die Zersplitterung der Entscheidungs- und Finanzierungsstruktur, für die Steuerung der Patientenströme würde ich jedoch eine deutlich schlechtere Note vergeben – hier besteht wirklich Nachholbedarf. Effizienz ist ein riesiges Problem bei uns. Es krankt an der Schnittstelle – bei der Finanzierung wie auch der Versorgung. Und es fehlt diese Gatekeeper-Funktion, wo jemand den Behandlungspfad managt. Da könnten wir qualitativ noch viel hochwertiger werden. Womit wir bei den überfüllten Spitalsambulanzen wären. Ist der freie Zugang zu allen Stufen im System wirklich sinnvoll? Haber: Bei uns hat es sich eingebürgert, dass Ambulanzen ein Ersatz sind für Leistungen im niedergelassenen Bereich. Freilich hat man sogar in Ballungsräumen zum Beispiel am Wochenende wenig Versorgung in Ordinationen. Die Primärversorgungseinrichtungen (PVE) sind ein logischer Lückenschluss zwischen dem niedergelassenen Bereich und dem stationären Bereich mit seinen Ambulanzen. PVEs können aber wohl auch nicht alle Probleme lösen, so wie das oft dargestellt wird – erst recht nicht die vorerst österreichweit geplanten 75 Zentren, oder? Haber: Nein, aber sie sind eine sinnvolle Ergänzung. Im Idealfall arbeiten in einem PVE neben Allgemeinmedizinern auch Radiologen, Internisten, Orthopäden bis hin zu Pflegeberufen, Physiotherapeuten usw. zusammen. Wobei: Ich sehe die Aufgabe eines PVE hauptsächlich in der akuten Erstversorgung und der Triage. Man kann die Patientenströme ja weiterleiten. Wichtig wäre auch, dass man die telemedizinische Betreuung weiter ausbaut als erste Instanz. Und natürlich sollte der Hausarzt als Gatekeeper agieren. Nicht nur das, sondern er sollte ein Gesundheitscoach des Patienten sein, der ihn auch in Sachen Vorsorge berät. Das müsste aber honoriert werden. Ein ausführliches Gespräch über Lebensstil kann der Hausarzt derzeit ja gar nicht abrechnen. Damit schafft das System falsche Anreize. Prävention, Vorsorgeleistungen werden unzureichend honoriert. In der Tat schneiden wir in Sachen Prävention in internationalen Vergleichen schlecht ab und auch bei der sogenannten gesunden Lebenserwartung – jedenfalls für das, wie viel wir in das System investieren. Woran liegt das? Haber: Das Problem ist, dass sich Prävention erst langfristig rechnet. Durch Screening entdecke ich sogar Laut Gottfried Haber sollten Hotelleistungen zur Quersubventionierung verwendet werden: „Warum Marktpotenziale nur Privaten überlassen?“ mehr Krankheiten, was mich kurzfristig mehr kostet. Natürlich ist das Wohl des Patienten das Wichtigste und langfristig ist es auch finanziell positiv, wenn ich Dinge früh erkenne und interveniere. Aber hier muss ein Akteur zunächst Geld ausgeben, dafür, dass sich ein anderer später Geld erspart. Das ist gegenwärtig schwer darstellbar. Ist das System gar zu marktwirtschaftlich? Haber: Im Gegenteil: Es ist zu wenig marktwirtschaftlich! Wirtschaft bedeutet ja immer, das Optimum finden zwischen Kosten und Nutzen. Unser System bringt das ökonomische Element zwar hinein, reduziert es aber auf die kurzfristigen Kosten. Wesentlich wäre, auch langfristig zu denken. Deshalb würde ich provokant sagen: Wir brauchen mehr wirtschaftliche Konzepte bei der Analyse und Steuerung des Gesundheitssystems – und zwar langfristig und quer über verschiedene Träger hinweg. Wie problematisch sehen Sie diese Fragmentierung des Systems, allen voran die Zerrissenheit zwischen Steuerfinanzierung und Finanzierung durch die Sozialversicherung? Haber: Man muss diskutieren, ob man eher ein steuerfinanziertes oder ein versicherungsfinanziertes System will. Bei uns resultiert viel aus der Schwierigkeit, dass wir nicht Fisch, nicht Fleisch machen. Ich persönlich halte ein versicherungsfinanziertes System für die ökonomisch konsistentere und auch langfristig leistungsfähigere Variante, weil ein solches mit demografischen Entwicklungen und anderen Faktoren mitwächst und sich anpasst. Es gibt aber auch Argumente für steuerfinanzierte Systeme, die sind nicht a priori schlecht. Ein unglücklicher Mix aus beiden ist in der Regel besonders problematisch. Müssen wir eine Zweiklassenmedizin fürchten? Tendenzen gibt es ja bereits – etwa durch die steigende Zahl an Wahlärzten. Haber: Die Zweiklassenmedizin habe ich in Österreich praktisch nicht, wenn es um die medizinische Kernleistung geht. Wenn es drumherum geht – beginnend bei den Wartezeiten bis hin zur Hotelleistung in Krankenhäusern –, dann habe ich bereits eine Differenzierung. Es ist richtig, dass jeder unabhängig von seinem Einkommen die gleiche inhaltliche Leistung bekommen soll. Aber ich halte es auch für richtig, dass es darüber hinaus Differenzierungspotenziale gibt. Wenn jemand glaubt, in einer marmorgetäfelten Suite entbinden zu müssen, und bereit ist, dafür mehr zu bezahlen, dann finanziert diese Person ja die anderen mit. Ich halte solche Querfinanzierungen durch die nichtmedizinischen Leistungen für durchaus sinnvoll. Auch im Pflegebereich. Ich wünsche mir ein Land, in dem unabhängig davon, wie viel auf meinem Bankkonto ist, jeder eine gute Langzeitpflege im Alter hat. Dass aber dem einen ein Zweibettzimmer reicht und der andere gerne ein Pent house mit 200 Quadratmetern hätte, das ist ja legitim. Aber dann kann diese Person auch dafür bezahlen. Die Thematik der Sonderklasse sollte man nicht nur den privaten Anbietern überlassen. Aber da tut sich die öffentliche Hand schwer – denn da heißt es gleich, wir haben Zweiklassenmedizin. Man sollte Hotelleistungen durchaus zur Quersubventionierung verwenden. Warum die Marktpotenziale nur den Privaten überlassen? Wie ist das demografische Problem zu lösen, dass immer mehr älteren Patienten immer weniger Beitragszahler gegenüberstehen? Müssen wir à la longue mehr Geld ins System einzahlen? Haber: Deshalb sind Versicherungssysteme rein steuerfinanzierten Systemen überlegen. Da ist zumindest die fiktive Idee dahinter, dass ich während meines Lebens im Schnitt das an Beitrag einzahle, was ich dann insgesamt konsumiere. Ein Versicherungssystem kann mit einer demografischen Veränderung besser umgehen als ein steuerfinanziertes System, das ja immer in einer Umlagelogik ist. Und was mir sozialpolitisch gefällt: Bei einer Versicherung habe ich auch einen Rechtsanspruch, dass ich mit einer entsprechenden Sachleistung versorgt werde. Auch das Pflegethema werden wir letztlich nur über eine Pflegeversicherung lösen. Es wird eine soziale Pflegeversicherung kommen müssen. Pflegebedürftigkeit ist ein Risiko, das uns alle betrifft, und deshalb macht eine solidarische Pflichtversicherung Sinn, die eine gute Basisversorgung abdeckt. Darüber hinaus kann man ja für Zusatzleistungen ansparen. Langfristig glaube ich, dass der Anteil der Gesundheitsleistungen an unserer Wirtschaftsleistung steigen wird. Zur Person Univ.-Prof. MMag. Dr. Gottfried Haber ist Vizedekan der Fakultät für Gesundheit & Medizin, leitet das Department für Wirtschaft und Gesundheit sowie das Zentrum für Management im Gesundheitswesen an der Donau-Universität Krems. Haber studierte Volks- und Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er promovierte im Jahr 2000 zum Doktor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Seit 2013 ist Haber Mitglied des Generalrates der Österreichischen Nationalbank und stellvertretender Vorsitzender des Fiskalrates. Der Ökonom war Teil des ÖVP- Expertenteams rund um die türkisblauen Regierungsverhadlungen, er wurde auch als Kandidat für ein Ministeramt gehandelt. Im Ökonomenranking 2016 von FAZ, NZZ und Presse wurde Haber auf Platz 5 für Österreich gelistet.

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