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Medical Tribune 29-35/2018

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6 HERZ-KREISLAUF

6 HERZ-KREISLAUF Medical Tribune j Nr. 2935 j 29. August 2018 Der Lebenstil vieler Kinder „ist skandalös“ INTERVIEW ■ Eine sorgfältige Anamnese sei im niedergelassenen Bereich unerlässlich, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig zu erkennen, betont Prim. Univ.-Prof. Dr. Andrea Podczeck-Schweighofer. Von der Politik fordert sie, mehr in Prävention zu investieren. KARIN MARTIN Oftmals sind niedergelassene Haus- und Fachärzte die ersten Ansprechpartner für Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen. Welche Tipps können Sie ihnen, bezüglich der sich ständig verbessernden Diagnostik, geben? Podczeck-Schweighofer: Über allem steht immer noch die sorgfältige Anamnese, gefolgt von einer klinischen Untersuchung und der Interpretation des Ruhe-EKGs. Stellt man das Risikoprofil und die Familienanamnese eines individuellen Patienten in Zusammenschau, so kann man bereits mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dessen Risiko für eine KHK einschätzen. Natürlich wird man ab und zu an Grenzen stoßen und zusätzliche Untersuchungen brauchen. Dann hat die Ergometrie nach wie vor ihre Gültigkeit: bei Frauen und Männern. Ich betone das, weil oft gesagt wird, dass sie bei Frauen weniger aussagekräftig sei. Die körperliche Belastbarkeit lässt sich aus meiner Sicht jedoch bei beiden Geschlechtern gut beurteilen. Um die Herzstrukturen darzustellen, ist die Echokardiographie die einfachste und komplikationsärmste Methode. Als nicht-invasives Hilfsmittel kommt die Koronar-CT hinzu. Allerdings empfiehlt es sich hier schon bei der Indikationsstellung einzuschätzen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Herz-Katheter benötigt wird. Denn bei einer hohen Wahrscheinlichkeit kann man dem Patienten die Koronar-CT ersparen und sich gleich für die Herz-Katheter-Untersuchung entscheiden. ÖKG-Präsidentin Andrea Podczeck-Schweighofer Schicken niedergelassene Ärzte Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen zu schnell zum Facharzt bzw. ins Spital? Podczeck-Schweighofer: Tatsächlich könnten vieles die Hausärzte alleine abklären: den Patienten befragen, untersuchen/angreifen, die Herzgeräusche abhorchen, einen Gesamtkontext herstellen. Die Kommunikation ist ganz wichtig, kommt aber oft zu kurz, auch weil’s nicht honoriert wird. Werden die Patienten vorschnell an Internisten weitergeschickt, so machen diese manchmal alle Untersuchungen: vom Kopf bis zur Zehenspitze. Ich plädiere mehr für ein gezieltes Suchen. Was könnte zu Verbesserungen beitragen? Podczeck-Schweighofer: Im Prinzip, das muss man bei aller Kritik an unserem Gesundheitssystem sagen, haben wir ja immer noch eine sehr gute Gesundheitsversorgung. Wir haben vielleicht eine zu wenig zielgerichtete. Ich glaube, dass die Primärversorgung besser honoriert werden sollte. Dann würden auch die Zuweisungen automatisch gezielter erfolgen. Wobei man aufpassen muss, dass man nicht alle Kolleginnen und Kollegen über einen Kamm schert. Bei uns haben die Zuweisungen sowohl von Fach- als auch von Hausärzten meist Hand und Fuß. Auch bei Kindern ist die Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein wichtiges Thema. Was wollen Sie Pädiatern und Schulärzten mitgeben? Podczeck-Schweighofer: Wichtig wäre, schon auch bei Kindern bzw. ihren Eltern nachzufragen, ob es in der Familie frühe Herz-Kreislauf-Erkrankungen gegeben hat oder gibt, um in Verdachtsfällen frühzeitig eingreifen zu können. „Wenn ich mir die vielen rauchenden Mädels anschaue, kommt mir das Grauen.“ Noch viel mehr beschäftigt mich jedoch, dass in Österreich die Prävention viel zu kurz kommt. Das sehen wir auch im internationalen Vergleich. Als Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) habe ich mich verstärkt mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Zu wenig Bewegung, das falsche Essen, schon vom Kindesalter an, das ist skandalös. Eine Gesellschaft kann letztlich nur länger gesund bleiben – ob jetzt koronar oder ganz allgemein –, wenn man mit Prävention so früh wie möglich startet. Die Kinder- und Schulärzte allein könnten da überfordert sein. Wo müsste dann angesetzt werden? Podczeck-Schweighofer: Wenn Kindergärten so gebaut werden – auch auf dem Land! –, dass die Kids nur von den Eltern mit dem Auto hingebracht werden können, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sie später gesundheitliche Probleme bekommen. Auch wenn ich die vielen rauchenden Mädels heute überall beobachte, kommt mir das Grauen. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich das. Wir Ärzte sind nur das Endglied einer langen Kette. Was würden Sie sich konkret wünschen? Podczeck-Schweighofer: Prävention, Prävention. Ab dem Kindergarten auf ausreichend Bewegung und eine gesunde Ernährung schauen. Was glauben Sie, wie viele Adipöse wir nach wie vor haben, die nicht wissen, wieviel reiner Zucker in Eistees steckt? Ich halte es für eine echte gesellschaftliche Aufgabe, beim Zucker zu sparen, beim Fett zu sparen und das Nikotin zu bekämpfen. Und die Bewegung zu fördern. Ich brauch keine Extra-Turnstunde, wenn die Kinder zu Fuß in den Kindergarten und die Schule gehen. Und so setzt es sich fort. Das gilt für österreichische Familien und teils noch stärker für nicht österreichisch-stämmige. Inwiefern? Podczeck-Schweighofer: Allein wie viele adipöse diabetische Frauen und Männer ich heute wieder in der Ambulanz gesehen habe. Diese Menschen bewegen sich ihr ganzes Leben kaum – auch sie sind unsere Klientel. Weil es in ihrem ganzen gesellschaftlichen Denken nicht vorkommt, sich zu bewegen. Wobei ich hier von der älteren Generation spreche. In die jüngere habe ich diesbezüglich schon mehr Hoffnung. Krankheit hat auch mit sozialem Status zu tun, sehr viel sogar – mit arm oder wohlhabend. Ihr abschließender Appell an Kassen und Politik? Podczeck-Schweighofer: Die Vorsorge ist keine genuine Aufgabe der Krankenkassen, per definitionem nicht. Wenngleich sie jetzt zunehmend präventive Verordnungen bei seltenen Fettstoffwechselstörungen wie der familiären Hypercholesterinämie, die zu HKE führen, akzeptieren: PCSK9-Hemmer werden auch für Noch-Gesunde bezahlt, in deren Familie die genetische Erkrankung vorkommt. Das hätte es früher nicht gegeben! Mein Appell richtet sich jedoch vorrangig an Politik und Gesellschaft: Bei einer älter und multimorbider werdenden Gesellschaft wird viel mehr in Prävention investiert werden müssen, wenn sich weiterhin alles ausgehen soll. Ziel muss sein, unser gutes Gesundheitssystem zu erhalten. Zur Person Primaria Dr. Andrea Podczeck- Schweighofer leitet seit 2004 die Kardiologische Abteilung im Kaiser- Franz-Josef-Spital/SMZ Süd in Wien. Seit 2016 ist sie Universitätsprofessorin an der Sigmund Freud Universität in Wien und seit Juni 2017 Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG). FOTO: ZIL Für Sie und Ihre Patienten! IMG/HEX/2018/3/1 Fachkurzinformationen auf Seite 14 MT_29-35-s06.indd 6 24.08.2018 10:52:32

Medical Tribune j Nr. 2935 j 29. August 2018 HERZ-KREISLAUF 7 ■ MELDUNGEN ASS wirkt gewichtsabhängig Azetylsalizylsäure (ASS) kann in geringer Dosierung kardiovaskuläre Ereignisse verhindern. Eine aktuelle Studie zeigt nun jedoch auf, dass dieser präventive Effekt gewichtsabhängig ist. Für Menschen ab 70 Kilogramm Körpergewicht ist die tägliche Standarddosis von 100 mg zu gering. Die Studienautoren empfehlen bei Menschen von 70–89 kg eine Dosierung von 300–325 mg und bei Menschen, die mehr als 90 kg wiegen, 500 mg. Rothwell PM et al., Lancet 2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)31133-4 Überraschung bei beschichteten Stents VENEN-BYPASS ■ Medikamenten-beschichtete Stents schneiden bei Wiedereröffnung nicht besser ab. Bei der Wiedereröffnung eines Venen- Bypasses schneiden Medikamenten-beschichtete Stents langfristig nicht besser ab als unbeschichtete. Zu diesem überraschenden Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung und des Deutschen Herzzentrums München. Im ersten Jahr nach der Wiedereröffnung treten bei beschichteten Stents wesentlich weniger erneute Gefäßverschlüsse auf als bei unbeschichteten. Doch dieser Vorteil geht in den folgenden Jahren verloren. Die Ergebnisse der Studie unterscheiden sich von den vorliegenden Daten betreffend Stents in natürlichen Herzkranzgefäßen. Dort treten mit den Medikamenten-beschichteten Stents auch in den fünf Jahren nach der Wiedereröffnung weniger Verschlüsse auf. Ein Grund für die abweichenden Ergebnisse könnte die unterschiedliche Wandstruktur in Venen und Arterien sein. Für Bypässe wird meist ein Stück aus der Beinvene verwendet. RED Colleran R et al., J Am Coll Cardiol 2018; 71(18): 1973–82 PFO-Verschluss gegen Insult Der interventionelle Verschluss des offenen Foramen ovale (PFO) kann das Risiko für einen Schlaganfall deutlich verringern, wenn zuvor eine sorgfältige Diagnostik keine Hinweise auf andere Schlaganfallursachen erbrachte. Das ist die wichtigste Aussage der betreffenden neuen S2e-Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften für Neurologie, Kardiologie und Schlaganfall. AWMF-Registernummer: 030/142 Salz senkt Risiko für Herzinfarkt Ein höherer Salzkonsum führt noch nicht automatisch zu mehr Herzinfarkten, Hirnschlägen oder zu einer höheren Gesamtsterblichkeit. Eine Vergleichsstudie mit 18 Ländern belegt, dass Salz zwar den Blutdruck erhöht, nicht aber zwingend das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Es stellte sich sogar heraus: Je mehr Salz, desto geringer das Herzinfarkt-Risiko. Messerli F et al., Lancet 2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)31376-X Halbe Dosis mit Dreifach-Pille Bei Bluthochdruckpatienten führt die Kombination von drei Standardwirkstoffen in halber Dosis häufiger zu normalen Blutdruckwerten als die konventionelle Vorgehensweise. Diese beginnt mit einer Monotherapie, deren Dosis langsam gesteigert wird, anschließend werden weitere Substanzen hinzugefügt. Das aufwendige Prozedere gilt als Hemmschuh für eine optimale Blutdruckeinstellung. Webster R et al., JAMA 2018; doi: 10.1001/jama.2018.10359 Review zu Risiko durch Feinstaub Im kürzlich veröffentlichten Übersichtsartikel zu den negativen Auswirkungen von Luftverschmutzung auf die Gefäßfunktion plädiert eine internationale Expertengruppe dringend für die Reduktion der Emission durch Verkehr, Industrie und Landwirtschaft. Münzel T et al., European Heart Journal 2018; https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehy481 Vorhofflimmern führt zu einem bis zu 5-fach erhöhten Schlaganfallrisiko Ihrer Patienten. * Sagen Sie ja zur Prophylaxe von Schlaganfällen und systemischen Embolien bei erwachsenen Patienten mit nicht valvulärem Vorhofflimmern. ** Lixiana ® . Weil jedes Ereignis eines zuviel ist. * Ball et al., Review, Atrial fibrillation: Profile and burden of an evolving epidemic in the 21stcentury, Int J of Card 167(2013)1807–1824 ** und einem oder mehreren Risikofaktoren wie kongestiver Herzinsuffizienz, Hypertonie, Alter ≥ 75 Jahren, Diabetes mellitus, Schlaganfall oder transitorischer ischämischer Attacke (TIA) in der Anamnese. Fachkurzinformation siehe Seite LIX_I06_2018, August 2018 Fachkurzinformationen auf Seite 14 Inserat-Lixiana-A4-RZ.indd 1 02.08.18 10:42 MT_29-35-s07.indd 7 23.08.2018 13:39:10

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