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Medical Tribune 44/2018

4 POLITIK & PRAXIS

4 POLITIK & PRAXIS Medical Tribune j Nr. 44 j 1. November 2018 Was dürfen Medikamente kosten? DISKUSSION ■ Ärzte ohne Grenzen lud zu einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Luxus Medikamente“. Dort hagelte es Kritik an einigen Geschäftspraktiken in der Pharmaindustrie, doch diese wusste sich durchaus zu wehren. MICHAEL KRASSNITZER „Das war ein Weckruf. So etwas darf nie wieder passieren“, fordert Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium. Gemeint sind die Diskussionen um das 2014 in der EU zugelassene Medikament Sovaldi® (Wirkstoff Sofosbuvir). Die Substanz, die von der Weltgesundheitsorganisation auf die Liste der unentbehrlichen Medikamente gesetzt wurde, ermöglicht – in Kombination mit anderen Wirkstoffen – mit Heilungsraten von bis zu 97 Prozent eine wirksame Therapie gegen Hepatitis C. In die Schlagzeilen kam das Medikament aber nicht wegen seiner Wirksamkeit, sondern wegen seines enormen Preises. Zu Beginn kostete eine zwölfwöchige Behandlung je nach Quelle 60.000 bis 80.000 Euro. Laut der Pharmig, des Verbandes der pharmazeutischen Industrie Österreichs, waren es in Österreich 35.000 bis 45.000 Euro. Mittlerweile liegt der Listenpreis hierzulande bei 24.000 Euro, der tatsächliche Preis dürfte aber aufgrund von Rabatten (siehe Kasten) wohl unter 10.000 Euro liegen, wie zum Beispiel aus der Äußerung eines Experten auf der Wissenschaftlichen Fortbildungstagung der Österreichischen Apothekerkammer im März hervorging. In anderen Europäischen Ländern, etwa in Belgien oder Zypern, kostet die Therapie aber noch immer über 40.000 Euro. In Ländern wie Ägypten, Harte Bandagen: Robert Sauermann, Clemens Martin Auer und Alexander Herzog (v. l.) lieferten sich einen verbalen Schlagabtausch. wo der Hersteller das Patent für die Produktion von Generika freigegeben hat, schlägt die Behandlung mit 300 Dollar zu Buche. Starker Tobak Die Preisgestaltung auf dem Medikamentenmarkt – und damit verbunden der Zugang zu Medikamenten – war Thema in der von „Ärzte ohne Grenzen“ (Médecins Sans Frontières, kurz MSF) veranstalteten Diskussion „Luxus Medikamente“, in der es Kritik an der Pharmabranche hagelte. Der Vertreter der NGO, Dimitri Eynikel, geißelte die Preispolitik vieler Medikamentenhersteller gar als unethisch. Von „unethischen Praktiken“ spricht auch Dr. Robert Sauermann, stellvertretender Leiter der Abteilung Vertragspartner Medikamente im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungen. Als Beispiel nennt er die Praxis, die als „Evergreening“ bekannt ist: Ein bewährtes Medikament wird vom Markt genommen und mit einer geringfügig veränderten Formulierung, einer anderen Dosierung oder einer neuen Indikation zu einem Vielfachen des bisherigen Preises auf den Markt gebracht. „Im Jahr 2009 fielen 14 Prozent der Ausgaben für Arzneimittelspezialitäten in Österreich auf Produkte, bei denen eine Packung über 700 Euro kostet. Mittlerweile liegt der Anteil der Medikamente, bei denen eine Packung über 700 Euro kostet, bei 32 Prozent“, kritisiert Sauermann. „Der Preis hat oft nichts mit den Entstehungskosten zu tun“, bekräftigt der Hauptverbands-Vertreter und beklagt die mangelnde Transparenz der Pharmawirtschaft: „Die Entwicklungskosten für ein Medikament müssen nicht offengelegt werden. Es ist unklar, wie hoch dabei die Marketingkosten sind.“ MSF-Vertreter Eynikel legt nach: „Neun von zehn Pharma unternehmen geben mehr Geld für Branding aus als für Forschung und Entwicklung.“ Sektionschef Auer führt ein weiteres Argument ins Treffen, warum er die Preisgestaltung von Medikamenten bisweilen für unfair hält: Die öffentlich finanzierte Forschung, etwa an Universitäten, sei maßgeblich an der Entwicklung von Wirkstoffen beteiligt. „Die OECD sagt, dass mindestens 30 Prozent des gesamten Forschungsaufwandes in der Pharmabranche öffentlich finanziert ist“, betont er. Die Argumente der Industrie Pharmig-Generalsekretär Alexander Herzog weist die geballte Kritik zurück, insbesondere den Vorwurf des unethischen Verhaltens. „Die Pharmabranche ist ein privatwirtschaftlich organisiertes System, in dem Gewinne erwirtschaftet werden müssen“, unterstreicht er: „Es geht darum, die Entwicklungskosten eines Medikaments wieder hereinzukriegen – und die betragen eineinhalb Milliarden Dollar.“ Dass die Marketingausgaben der Pharmaunternehmen höher liegen als die Entstehungskosten sei eine Unterstellung, „ein Märchen, das immer und immer wieder erzählt, aber dadurch Österreich als Insel der Seligen nicht wahrer wird“. Dies lasse sich in den Geschäftsberichten der Unternehmen nachlesen. Herzog widerspricht auch dem entstehenden Eindruck, die Medikamentenausgaben würden durch die Preispolitik der Pharmaunternehmen explodieren: „Der Anteil der Medikamente an den österreichischen Gesundheitsausgaben beträgt konstant 13 Prozent.“ Auch auf Auers Argument betreffend den Beitrag der öffentlichen Hand zur Forschung hat der Vertreter der Pharmawirtschaft eine Antwort parat: „Grundlagenforschung ist etwas ganz anderes als die Entwicklung eines Medikaments. Aus der Tatsache, dass die öffentliche Hand die Grundlagenforschung finanziert, kann kein Recht abgeleitet werden, an den Gewinnen beteiligt zu werden.“ Erstens werde den Universitäten ihr Forschungsbeitrag abgegolten, wenn Pharmafirmen ein Patent oder ein Start-up aufkaufen, zweitens nehme die Industrie ein kommerzielles Risiko auf sich und drittens finanziere die Industrie die Grundlagenforschung auf den Universitäten mit. In ärmeren Ländern sind viele Medikamente unerschwinglich für die Gesundheitssysteme. „In den Jahren 2001 bis 2014 haben sich die Kosten für eine Impfung um das Sechs- bis Achtfache erhöht“, sagt Dimitri Eynikel von „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF). Aufgrund der hohen Preise würden heute in der Dritten Welt weniger Menschen geimpft als zuvor. MSF setzt sich daher im Rahmen einer Kampagne namens ACCESS für einen verbesserten Zugang zu neuen Medikamenten, Diagnostika und Impfstoffen ein. Der Zugang zu Medikamenten ist jedoch auch ein Thema in Europa: „In der EU kommen manche Medikamente nur in einer Handvoll Ländern auf den Markt“, weiß Dr. Clemens Martin Auer, Sektionschef im Gesundheitsministerium. Österreich ist eines davon. Das liegt an dem in der EU praktizierten Preisbildungssystem, bei dem sich jedes EU-Land an den Medikamentenpreisen der anderen Länder orientiert und das die Medikamente in allen europäischen Ländern offiziell ungefähr gleich teuer macht. Daher bringen die Hersteller Medikamente zuerst in Ländern auf den Markt, in denen sie einen hohen Preis erzielen können. Die offiziellen Listenpreise unterscheiden sich jedoch oft erheblich von den tatsächlichen Preisen, weil die Hersteller einen Preisnachlass in Form von Rabatten gewähren. „Das führt zu der paradoxen Situation, dass innovative Medikamente in Hochpreisländern wie Österreich zwar zu Beginn ihres Lebenszyklus teuer sind, aber später, nachdem Rabatte ausverhandelt wurden, deutlich günstiger als in ärmeren EU-Ländern“, wie Auer erläutert. Alarmierende Diagnose der ÖÄK NÖ bekennt sich zu allen Spitälern AUSBILDUNG ■ Die Interessenvertretung der angestellten Ärzte hat deren Ausbildung evaluiert und dabei einige Defizite in der Qualität ausfindig gemacht. Verbesserungsbedarf bei der Ärzteausbildung gibt es vor allem, wenn es um die mangelnde Zeit der Ausbildner geht. Es fehlt an der Umsetzung eines Konzeptes, dem nötigen Feedback und der Entlastung von Administrationsund Dokumentationsaufgaben. Das sind die wesentlichen Ergebnisse einer im Auftrag der Bundeskurie Angestellte Ärzte der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) durchgeführten Befragung. „Jungmediziner sollten bereits zu Beginn ihrer Ausbildung ein strukturiertes Ausbildungskonzept vorgelegt bekommen, das ihnen Orientierung über die Abteilungsstruktur, die Ausbildungsziele und Zeitpläne sowie die Verantwortlichkeiten und Ansprech partner vermittelt“, sagt Dr. Harald Mayer, ÖÄK-Vizepräsident und Obmann der Bundeskurie der angestellten Ärzte. „Ausbildende Ärzte brauchen mehr Zeit, didaktische Kompetenz und eine angemessene Bezahlung für den Mehraufwand“, ergänzt Dr. Karlheinz Kornhäusl, stv. Bundeskurienobmann und Obmann der Bundessektion Turnusärzte. Die Gesamtbewertung der Ausbildungswege zeigt, dass die fachärztliche Ausbildung mit einer Schulnote von 2,30 am besten abschneidet. Die Basis ausbildung und die allgemeinärztliche Ausbildung sind mit 2,42 und 2,44 durchschnittlich bewertet. Als häufigs te Problembereiche werden viel Routineaufgaben mit wenig Lernzuwachs und wenig Feedback genannt. Bei der allgemeinmedizinischen Ausbildung streut die Zufriedenheit nach den zu absolvierenden Fachgebieten zwischen Anästhesie (1,50) und Frauenheilkunde (3,1). Die Gesamt-Dropout-Quote liegt laut ÖÄK bei geradezu dramatischen 38 Prozent. Mayer fordert eine ernsthafte Auseinandersetzung der Politik mit dem Thema. „Es muss uns gelingen, die Ausbildung sowohl für die Träger als auch für die Ausbildner und den Arzt in Ausbildung attraktiver zu machen.“ RED STRUKTURPLAN ■ Die Niederösterreichische Landesregierung hat ein Bekenntnis zur Beibehaltung aller 27 Krankenhaus-Standorte im Bundesland abgegeben. Verbessert werden soll die Zusammenarbeit von Spitälern und niedergelassenen Ärzten, wurde bei der Präsentation der Leitlinien für den „Regionalen Strukturplan Gesundheit 2025“ in St. Pölten betont. Die Leistungen sollen ausgebaut werden. Die insgesamt fünf Richtlinien für den Strukturplan wurden seit Anfang Oktober von einer politischen Arbeitsgruppe herausgefiltert. Mitglieder sind Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) sowie die Landesräte Martin Eichtinger (ÖVP), Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ) und Gottfried Waldhäusl (FPÖ). Expertenpapiere seien analysiert und Spezialisten eingebunden worden, sagte Pernkopf. Eine der Leitlinien stellt ein Bekenntnis zu den 27 Krankenhäusern dar, „während in anderen Bundesländern Standorte geschlossen werden“, wie Eichtinger betonte. Die Standort-Garantie erfolge, um eine möglichst wohnortnahe Versorgung zu garantieren. Weiters wolle man sich mit dem Regionalplan „in bewährter Verlässlichkeit“ den Entwicklungen zeitgerecht anpassen. Budget-Aufstockung Weiter ausgebaut werden sollen mit dem „Regionalen Strukturplan Gesundheit 2025“ auch die Leistungen. Das Budget der Landeskliniken-Holding sei von zwei Milliarden Euro im Jahr 2007 auf zweieinhalb Milliarden 2018 gestiegen. Weitere 25 Millionen Euro sollen 2019 hinzukommen. APA

Medical Tribune j Nr. 44 j 1. November 2018 POLITIK & PRAXIS 5 Kabeg-Vorstand Arnold Gabriel bei der Vertragsunterzeichnung, flankiert von den AUVA-Chefs Günther Stangl, Wolfgang Birbamer und Generaldirektor Helmut Köberl (v. l.). Dazu gesellten sich Landeshauptmann Peter Kaiser (2. v. l.) und Gesundheits-Referentin Beate Prettner. Gut Ding braucht in Kärnten Weile TRAUMAZENTRUM ■ Nach sieben Jahren Vorbereitung wurde in Klagenfurt nun die Kooperation zwischen Kabeg und AUVA festgeschrieben. Jetzt steht es endgültig fest: Die Kärntner Krankenhausbetriebsgesellschaft Kabeg und die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) errichten am Klinikareal in Klagenfurt ein gemeinsames Traumazentrum. Standort ist das Gebäude der ehemaligen „Chirurgie Ost“, für das heute im Regierungsgebäude der Kaufvertrag unterzeichnet wurde. Politische Querschüsse Die ersten Kontakte für dieses Projekt waren bereits im Jahr 2011 geknüpft worden, als der amtierende Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) noch als Gesundheitsreferent fungierte. Dass bis zur endgültigen Vertragsunterzeichnung sieben Jahre verstrichen sind, ist auf politische Querschüsse zurückzuführen. Durch diese Verzögerungen wird sich die Realisierung des Projektes um rund eineinhalb Jahre nach hinten verschieben. Mit der Eröffnung des neuen Traumazentrums wird im Jahr 2023 gerechnet. Wie AUVA-Generaldirektor Helmut Köberl ankündigte, wird die Ausschreibung für das Projekt noch im Jahr 2018 erfolgen. Landeshauptmann Kaiser und Gesundheits-Referentin Beate Prettner (SPÖ) sprachen von einem „erfreulichen Tag“ und „wichtigen Augenblick“ für die Kärntner Bevölkerung. Denn durch die Symbiose von zwei Kliniken werde die gesundheitliche Versorgung der Landesbewohner erheblich verbessert. Darüber hinaus ergäbe sich durch die Synergie eine Einsparung von je zwei Millionen Euro für jeden der beiden Spitalsbetreiber. ROB Fach-, Gebrauchs-, Kurz- Information, Interaktion, Zusammensetzung, ATC-Code & Indikation © Shu tterstoc tock Entsprechend Lizenzvertrag zugelassen. © Software by Österreichische Apotheker-Verlagsgesellschaft m.b.H. KH-Nord: Ex-Chef teilt fest aus FOTO: ILPD / FRITZ-PRESS U-KOMMISSION ■ Der ehemalige Bauherr des KH Nord, Dr. Udo Janßen, wusch vergangene Woche seine Hände in Unschuld. Der Ex-Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) war am 23.10.2018 als Zeuge in der Untersuchungskommission geladen. Er machte unter anderem den Spitalsplaner DI Albert Wimmer für die Kostenexplosion des Milliardenprojekts verantwortlich. Wimmers Statikpläne wären mangelhaft gewesen, betonte Janßen. Außerdem habe vor allem die Insolvenz der Fassadenfirma beigetragen, dass die Kosten aus dem Ruder gelaufen sind. Und die Politik habe sich in das KAV-Management eingemischt und so dessen Arbeit beeinträchtigt. Diese Aussage ließ die SPÖ so nicht stehen. SP-Fraktionsführer in der Kommission, Peter Florianschütz, stellte klar: „Der KAV ist nun einmal Teil des Wiener Magistrats.“ Deswegen sei die Politik, also die Stadträtin (Sonja Wehsely, Anm.), verpflichtet, ihre Verantwortung wahrzunehmen. „Das hat nichts mit politischer Intervention und schon gar nichts mit Parteipolitik zu tun“, monierte Florianschütz in einer Aussendung. Protokoll widerlegt Janßen Was allerdings nicht drinnen stand: Janßen wurde bei seiner Aussage von FP-Kommissionsmitglied Dr. Günter Koderhold widerlegt. Der Arzt zeigte laut „Presse“ ein internes Protokoll des Aufsichtsgremiums her, wonach Janßen die Verantwortung nicht erst im Frühjahr 2014 übernommen hatte, wie er gesagt hatte, sondern schon am 10.12.2013. Das Protokoll, ein Beweisstück der Kommission, spiegle nicht die aktuellsten damaligen Entwicklungen wider, entgegnete Janßen. Für die VP-Vertreterin Ingrid Korosec keine überraschende Replik: Wie nicht anders zu erwarten, habe Janßen die Verantwortlichkeit für das „KH-Nord-Desaster“ auf seinen Vorgänger abgeschoben. RED/GRO Oktober 2018 Bestellen Sie Ihren neuen e-Austria-Codex und die Schnellhilfe im APO-Shop auf www.apoverlag.at Wir liefern porto- und spesenfrei in ganz Österreich! Österreichische Apotheker-Verlagsgesellschaft m.b.H. 1090 Wien, Spitalgasse 31A • www.apoverlag.at • Tel.: 01/402 35 88-535 • verkauf@apoverlag.at

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