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Medical Tribune 51-52/2017

2 THEMA DER WOCHE

2 THEMA DER WOCHE Medical Tribune j Nr. 5152 j 20. Dezember 2017 Impressum Not und Elend mitten in Europa Internationale Wochenzeitung für Österreich www.medizin-medien.at www.medonline.at GRIECHENLAND ■ Der erste Anruf war gleich ein Erfolg und führte zu einem Bus voll mit Medikamenten. Seit fünf Jahren versorgt die Griechenlandhilfe des Salzburgers Erwin Schrümpf Spitäler und Ärzte mit dem Notwendigsten. Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Verlag und Herausgeber: Medizin Medien Austria GmbH 1120 Wien, Grünbergstr. 15 Tel.: (01) 54 600-0, Fax: (01) 54 600-710 Geschäftsführer: Thomas Zembacher Prokuristin: Pia Holzer Berater des Herausgebers: Univ.-Prof. Dr. med. Heinz F. Hammer Leitung Medizin Medien/Redaktion: Mag. (FH) Manuela Klauser, DW 650, m.klauser@medizin-medien.at Chefredaktion: Mag. Hans-Jörg Bruckberger, DW 620, h.bruckberger@medizin-medien.at Redaktion: Mag. Patricia Herzberger (Chefin vom Dienst), Mag. Anita Groß, Dr. med. 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Gesellschafter der Medizin Medien Austria GmbH: Alleinige Gesellschafterin der Medizin Medien Austria GmbH ist Süddeutscher Verlag Hüthig Fachinformationen GmbH (SVHFI). Gesellschafter SVHFI sind die Süddeutscher Verlag GmbH mit 99,718%, Herr Holger Hüthig mit 0,102%, Frau Ruth Hüthig mit 0,09%, Herr Sebastian Hüthig mit 0,045% und Frau Beatrice Hüthig mit 0,045%. Anmerkungen des Verlages Mit der Einsendung eines Manuskriptes erklärt sich der Urheber damit einverstanden, dass sein Beitrag ganz oder teilweise in allen Ausgaben, Sonderpublikationen und elektronischen Medien der Medizin Medien Austria GmbH und der verbundenen Verlage veröffentlicht werden kann. Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfäl tigt, verwertet oder verbreitet werden. Zur besseren Lesbarkeit wurde an einigen Stellen die männliche Schreibweise gewählt, z.B. „Ärzte“ statt „Ärztinnen“. Dabei handelt es sich ausdrücklich um keine Bevorzugung eines Geschlechts. Leseranalyse medizinischer Fachzeitschriften Herr Schrümpf, wie oder besser weshalb kamen Sie auf die Idee zur Gründung der Griechenlandhilfe? Auslöser war ein Bericht in der ARD über die Zustände in griechischen Spitälern. Dabei ging es unter anderem um eine Frau, die zehn Tage mit ihrem toten Baby im Leib durch die Stadt gelaufen ist, weil sie sich die Operation nicht leisten konnte. Der Leiter des ältesten Athener Krankenhauses hat erzählt, dass sie nicht einmal Spritzen haben, um die Patienten zu behandeln. Am nächsten Tag habe ich spontan bei Sandoz in Wörgl angerufen und gesagt, ich brauche Medikamente. Die Frau hat gefragt, wer ich bin und ich habe spontan geantwortet die Griechenlandhilfe. Sandoz hat dann tatsächlich so viele Medikamente gespendet, dass ich mit einem geliehenen Bus nach Griechenland fahren konnte. Als ich zurückgekommen bin, war schon die nächste Spende der Firma Amomed da, unter den ersten Spenderinnen war auch eine befreundete Apothekerin. Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die aktuelle Lage in Griechenland dar, hat sie sich in den letzten fünf Jahren verbessert oder verschlechtert? AU/GNRT/17/0028b Die Situation hat sich von Jahr zu Jahr verschlechtert. Das System ist längst kollabiert. Auf den Polizeiautos fehlen die Reifen, um sie in Betrieb zu setzen. Die Rettung existiert nur auf dem Papier, es gibt keine Rettungen mehr. Und selbst wenn es einen gespendeten Rettungswagen gibt, fehlen die Fahrer. Die Feuerwehr ruft die Bevölkerung dazu auf, sie mit Trinkwasser und Lebensmitteln zu unterstützen. In den Schulen fehlen aufgrund des Einstellungsstopps die Lehrer. Obwohl es eigentlich Schulpflicht gibt, gehen z.B. in Patras 1300 Kinder nicht zur Schule, weil sich die Eltern die 25 bis 30 Euro für die Erstausstattung ihrer Kinder nicht leisten können. Wie oft fahren Sie mit Hilfslieferungen nach Griechenland? Seit fünf Jahren fahren wir in jedem Monat mit drei bis fünf Kleinbussen voller Hilfslieferungen. Alle zwei Monate kommt noch ein Sattelzug dazu. Wir haben in der Nähe von Athen ein kostenloses Lager, von dort versorgen wir 46 Außenstellen. Druck herausnehmen. Sicher herunterkommen. Das erste generische Rilmenidin im EKO 1 Druck herausnehmen. Sicher herunterkommen. Das erste generische Rilmenidin im EKO 1 • Zentral wirksames Antihypertensivum REFERENZPRÄPARAT ITERIUM ® 1 Quellen: Erstattungskodex und amtliche Verlautbarungen der Gute Preise. Gute Besserung. Mehr Service. Es ist erschütternd, was Erwin Schrümpf aus Griechenland berichtet. Sie unterstützen vor allem Spitäler und Sozialkliniken sowie Kinderheime und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Können Sie ein wenig über die Situation in diesen Einrichtungen erzählen? Die Situation hat sich verschlechtert. In Spitälern fehlt es am Notwendigsten. Es gibt keine medizinischen Handschuhe, keine Spritzen, ja sogar an Unterlagen mangelt es. Zwar muss jeder Grieche prinzipiell in einem öffentlichen Krankenhaus behandelt werden, doch wenn beispielsweise eine schwangere Frau in ein Krankenhaus kommt, heißt es, es gibt keinen Gynäkologen. Also muss sie zu einem privaten Arzt gehen, den kann sie aber nur aufsuchen, wenn sie ihn auch bezahlen kann. Hilfe gibt es unter anderem in den Sozialzentren und den Sozialapotheken, die wir mit unseren Spenden auch beliefern. Mittlerweile gibt es allein in Athen rund 26.000 Menschen, die dort registriert sind. In Patras leben 7000 Familien von einem Einkommen gleich null. Das Prob lem dabei: Die Arbeitslosenbeihilfe wird für sechs Monate gewährt, danach gibt es nichts mehr. Es gibt keine Sozialbeihilfe wie bei uns und auch keine Versicherung. Vor fünf Jahren war das noch nicht der Fall. In den Behindertenheimen fehlt es ebenfalls am Notwendigsten, zum Beispiel Spritzen. Vom Staat kommt die Hilfe nur schleppend, wenn überhaupt. In den Krankenhäusern fehlt es an Ärzten und Pflegepersonal, weil aufgrund des Sparprogrammes, das von der Troika abverlangt wurde, niemand eingestellt werden darf. Es Die Spendierfreudigkeit der Österreicher geht zurück (Imidazolin-Rezeptoragonist) • Indiziert bei leichter bis mittelschwerer essentieller Hypertonie, vorzugsweise in Kombination mit anderen Antihypertonika • Stoffwechselneutral • Bioäquivalent zu Iterium ® • Lactosefrei • Ab 1. November neu in der Grünen Box • Kostengünstig Sozialversicherungsträger und des Hauptverbandes unter www.ris.bka.gv.at/SVRecht/ (Änderung des Erstattungskodex) Fachkurzinformationen auf Seite 16 TEVA_Werbeauftritt_Blutdrucksenker_Anz_112x100_RZ1.indd 1 04.10.17 16:14 FUNDRAISING ■ Rund 630 Millionen Euro haben die Österreicher 2017 gespendet, das ergibt eine Hochrechnung des Fundraising Verband Aus tria. Erstmals seit Jahren ist das Spendenaufkommen damit rückläufig – trotz guter Konjunkturentwicklung. Der Verband führt das unter anderem auf ungenügende Information über die Spendenabsetzbarkeit und die daraus resultierende Verunsicherung zurück. Seit 2017 müssen spendenbegünstigte Einrichtungen die Spenderdaten automatisiert an die Finanzbehörden weiterleiten. Erst dann wird die Spende steuerlich berücksichtigt. Die komplexen Herausforderungen stellen einige Organisationen vor – anscheinend – unüberwindliche Schwierigkeiten. Rund die Hälfte der Einrichtungen hat noch keinen Antrag auf Zulassung zur Sonderausgaben-Datenübermittlung gestellt. Spitzenreiter beim Pro-Kopf- Spendenaufkommen sind in Österreich übrigens die Oberösterreicher mit durchschnittlich 126 Euro, das Schlusslicht ist Wien mit 99 Euro pro Person. RED 640 620 600 580 560 540 520 500 2012 550 570 fehlen 7800 Ärzte und Krankenpfleger. Elena, eine Kinderärztin, mit der wir eng zusammengearbeitet haben, ist mittlerweile nach München ausgewandert. Sie hat zu mir gesagt: „Erwin, ich ertrag das nicht mehr, ich kann den Kindern nicht mehr helfen.“ Eines ihrer Erlebnisse hat sie mit folgenden Worten geschildert: „Da ist mir das Baby in den Händen gestorben, nur weil ich keinen Butterfly mehr hatte.“ Man kann auch Geld spenden? Ja, das setzen wir unter anderem ein, um die Transportkosten zu decken, aber auch, um etwa Babynahrung zu kaufen. Die kaufen wir dann aber vor Ort, so dass auch der dortige Händler etwas davon hat. Oder jetzt vor Weihnachten können Spender einen Grecolino-Bären erwerben, den wir dann den Kindern im Kinderspital Patras mit einer Tafel Schokolade als kleines Weihnachtsgeschenk übergeben. Die Familien der Kinder haben vielfach nicht einmal das Geld, ihren Kindern ein Geschenk zu machen. Diese Aktion haben wir heuer auch auf Mandra ausgedehnt. Der Ort wurde erst vor Kurzem durch eine Flutkatastrophe buchstäblich weggespült. Mehr zur Griechenlandhilfe www.griechenlandhilfe.at Aktion Grecolino: http://griechenland hilfe.at/index.php/de/grecolino-co/ Spendenaufkommen in Österreich (in Mio. Euro) Quelle: Spendenbericht 2017, Fundraising Verband Austria 625 2013 2014 2015 2016 2017 640 630 FOTO: GRIECHENLANDHILFE MT_51-52_17_s02-03.indd 2 15.12.2017 10:57:16

Medical Tribune j Nr. 5152 j 20. Dezember 2017 THEMA DER WOCHE 3 FOTOS: PRIVAT „Es geht immer um akute Sachen“ ZENTRALAFRIKA ■ „Ärzte ohne Grenzen“ leistet in Ländern Nothilfe, in denen die medizinische Versorgung zusammengebrochen ist. Ein Wiener Chirurg schildert Medical Tribune seine Erlebnisse in Afrika. HANS-JÖRG BRUCKBERGER Die Lebenserwartung liegt bei 48 Jahren, von 1000 Geburten sterben 114 Säuglinge und auf 10.000 Einwohner kommt gerade einmal ein Arzt. Allein diese Eckdaten zur Zentralafrikanischen Republik sind erschütternd. Im Tschad ist die Situation sogar noch schlimmer und in Sierra Leone werden Männer nicht einmal 40 Jahre alt. Noch beeindruckender wird Sache aber, wenn die Zahlen ein Gesicht bekommen. Da wäre etwa dieser 18-jährige Olympia-Kandidat im Radfahren, dem das Bein amputiert werden musste, weil er nach einem offenen Bruch nicht optimal versorgt worden war. Oder ein 14-Jähriger, dem nach einem Unfall der Knochen aus dem Knie herausragte (siehe Bild) – zehn Tage lang litt er Höllenqualen ohne Schmerzmittel, ehe er es überhaupt ins Spital geschafft hatte und operiert wurde. Und das sind Geschichten, die in gewisser Weise noch ein Happy End fanden. „Diejenigen, die das Spital erreichen, haben gute Überlebenschancen, die anderen sehen wir nie, weil sie schon vorher sterben“, berichtet Dr. Herbert Matzinger. Medical Tribune traf den Wiener Chirurgen, der sich seit vielen Jahren für „Ärzte ohne Grenzen“ engagiert und schon zwei Dutzend Mal in Afrika Hilfe leistete, zuletzt im Sommer dieses Jahres eben in der Zentralafrikanischen Republik. „Das ist eines dieser vergessenen Länder“, sagt Matzinger. Im Land selbst tobt ein Bürgerkrieg – entsprechend die Verletzungen, mit Auch Spenden will gelernt sein: Wertvolle Tipps vom Experten denen es die Ärzte vor Ort zu tun haben: „Man sieht dort in einer Woche mehr Schussverletzungen, als ich in Wien in 30 Jahren gesehen habe“, erzählt der Gefäßchirurg. Es gebe Fälle, die kämen mit einem Bauchschuss erst zwei Tage später ins Krankenhaus. Denn es mangelt an allem – an finanziellen wie auch personellen Ressourcen. Es gibt kaum Ärzte und keine Krankenversicherungen. Fälle aus der Provinz haben ein Transportproblem: Um zu einem Spital in der Hauptstadt zu kommen, müssen sie mitunter auch noch durch ein Rebellengebiet, was extrem gefährlich ist. Und so „liegen sie oft tagelang mit einer offenen Fraktur herum“, bis sie ins Spital kommen. Riesige Leistenbrüche Entsprechend turbulent verläuft der Alltag für die freiwillig helfenden Ärzte aus Europa. „Es geht immer um akute Sachen“, so Matzinger. Bei Diagnostik und Therapie sei man extrem eingeschränkt, es gebe keine Laboruntersuchungen und oft im ganzen Land kein CT. „Es gibt auch keine Pathologen – wenn man etwas wegschneidet, weiß man nie, was das ist“, so Matzinger. Als Chirurg ist man in Afrika auf einfache Röntgen-Aufnahmen angewiesen, die man, mangels Radiologen, auch noch selbst machen muss. „Aber man irrt sich selten, denn wer ins Spital kommt, hat in der Regel auch wirklich etwas“, schildert Matzinger. In Afrika gebe es beispielsweise „Unmengen an Männern, die mit Leistenbrüchen herumlaufen“. Aber die Menschen können sich eine Operation RATGEBER ■ Auch wenn die Ausgaben heuer etwas rückläufig sind: Gutes zu tun ist den Österreichern besonders in der Vorweihnachtszeit ein wichtiges Anliegen. Ob Kindernothilfe, Tierschutz oder Katastrophenhilfe – die Möglichkeiten zu helfen, sind vielfältig. Medical Tribune zeigt, worauf man jedenfalls achten sollte. „Hören Sie bei der Auswahl auf Ihr Herz und geben Sie dann eine Mindestspende. Denn einzelne großzügige Spenden sind effizienter als viele kleine Beträge und ermöglichen den Organisationen eine längerfristige Planung“, erklärt Dr. Günther Lutschinger, der Geschäftsführer des Dachverbands heimischer Spendenorganisationen. Insgesamt sollte man sich deshalb für nicht mehr als drei Organisationen entscheiden und diesen treu bleiben. Dabei sollte man sowohl langfristige als auch akute Projekte unterstützen. „So helfen Sie, einerseits die langfristigen Hilfsprojekte zu sichern und andererseits die Katastrophensoforthilfe zu ermöglichen“, so Lutschinger. Zu Weihnachten entscheide sich oft, ob ein Projekt im nächsten Jahr durchgeführt werden könne oder nicht. Die einfach nicht leisten. Auch hier schafft „Ärzte ohne Grenzen“ Abhilfe. „Man könnte daraus ein eigenes Projekt machen“, sagt Matzinger. Nachdenklicher Nachsatz: „Bei uns sucht man Leistenbrüche mit dem Ultraschall und dort sind sie oft so groß, dass man sie durch die Hose durchsehen kann.“ Genau deshalb macht er diese Einsätze auch immer wieder: „Man will mal etwas Vernünftiges machen und hat doch auch irgendwo ein schlechtes Gewissen, dass es einem hier so gut geht. Und das einfach nur, weil man hier geboren ist.“ In Afrika herrsche dagegen oft Perspektivenlosigkeit. Natürlich sei das, was er mache, nur ein Tropfen auf den heißen Stein, so der Mediziner: „Aber es ist besser als nichts“. Chirurg als Blutspender Erstaunlich sei, was man mit relativ einfachen Mitteln alles erreichen könne. Matzinger plant, obwohl oder gerade weil er schon in Pension ist, weitere Einsätze und bildet sich einschlägig fort. Voriges Jahr absolvierte er auf eigene Kosten einen einwöchigen Kurs in London zum Thema „Surgery in austere environments“, also Operieren unter schwierigen Bedingungen. „Wir haben von früh bis spät an Leichen gearbeitet. Der Kurs war sehr teuer – 2000 Pfund für die Woche –, aber es war die Sache wert“, sagt er. Und erzählt davon, wie er im Tschad eine junge Frau mit künstlichem Darmausgang operierte, die ein Jahr lang eine Kompresse im Bauch hatte. Die OP dauerte mehrere Stunden – wobei die Patientin von Hand beatmet werden musste, weil es keine Beatmungsmaschinen gab. Und danach hat der Chirurg selbst noch Blut gespendet. „Das ist mir schon zweimal passiert, einmal auch nach einer Geburt, wo die Patientin stark geblutet hat. Da hat man mir unmittelbar nach der OP einen halben Liter Blut abgezapft hat und die dann noch warm der Patientin gegeben“, erinnert sich Matzinger. Es gebe vor Ort meist keine Blutbanken. Kaiserschnitte en masse Apropos Geburt: Kaiserschnitte sind in Afrika ebenfalls weit verbreitet, nur gibt es keine Gynäkologen. Die Folge: „In Afrika kann das jeder“, so Matzinger. Im Kongo habe er erlebt, wie eine Krankenschwester Drillinge per Kaiserschnitt entbunden hat. Und er sah wie ein OP-Diener reagierte, als eine Patientin nicht aufgehört hat zu bluten: „Der hat gleich selbst eine Hysterektomie durchgeführt – sehr beeindruckend!“ Ansonsten haben es Chirurgen in Afrika häufig mit Infektionen zu tun, riesigen Wunden, die nicht abheilen und plastisch gedeckt werden müssen. Matzinger erinnert sich an Buruli-Ulkus-Fälle in Kamerun sowie „sehr viele Fälle von nekrotisierender Fasziitis“. Mehr zu Ärzte ohne Grenzen www.aerzte-ohne-grenzen.at Ärzte können auf zwei Arten helfen: Über die Website kann man sofort spenden, es werden aber auch chirurgische Einsatzkräfte gesucht. Dr. Matzinger (2. v. li.) in einem Spital in Afrika. Offene Brüche, oft tagelang nicht behandelt, Wunden und Leistenbrüche stehen auf der Tagesordnung. Vorweihnachtszeit ist für spendenwerbende Organisationen die wichtigste Zeit des Jahres. Rund 25 bis 30 Prozent des jährlichen Aufkommens werden in dieser Zeit gespendet. Die Österreicher spenden dabei rund ein Drittel an Kinder- und Jugendprojekte gefolgt von Tier- und Umweltschutz sowie Katastrophenhilfe im Inland. Und noch ein Tipp: „Setzen Sie Ihre Spende steuerlich ab! So können Sie ohne Mehrkosten mehr spenden, denn das Finanzamt ersetzt bis zu 50 % Ihrer Spende“, sagt Lutschinger. Es gebe rund 6500 „spendenbegünstigte Einrichtungen“ (siehe auch Seite 2 unten). Ein Qualitätskriterium für Organisationen ist das Spendengütesiegel. Dieses garantiere einen verantwortungsvollen Umgang mit Spendengeldern. RED Weitere Infos: Unter www.spenden.at finden Sie einen Online-Spendenrechner. Eine Liste der spendenbegünstigten Organisationen finden Sie auf der Website des Finanzministeriums: https://service.bmf.gv.at/ service/allg/spenden. Alle Organisationen mit dem Spendengütesiegel finden Sie unter www.osgs.at. ■ MEINUNG Dr. Harald Retschitzegger Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) Glücklich in der Solidargemeinschaft Kurz nach dem Tag der Menschenrechte und kurz vor Weihnachten wird viel über Spenden und Nächstenliebe gesprochen – vielleicht so viel, dass manche es gar nicht mehr hören wollen. Und doch ist es Teil unseres Menschseins, dass wir Licht ins Dunkel bringen. Auch Hospiz- und Palliativarbeit ist von der Tradition her eng mit Ehrenamtlichkeit und Spenden verbunden. Viele der ursprünglichen Einrichtungen waren anfangs großteils spendenfinanziert – das ist übrigens in Österreich leider immer noch bei vielen Hospiz- und Palliativangeboten der Fall. „Leider“ deshalb, weil wir in Österreich längst an einem Entwicklungsstand des Gesundheitsund Sozialsystems angekommen sein müssten, der diese wesentliche Komponente umfassender Behandlung und Betreuung selbstverständlich in seine Systeme inkludiert und finanziert hat! Aber losgelöst von diesem Thema bleiben in jedem Fall der gesamte humanistische Auftrag und die ethische Verpflichtung, dass wir bedürftigen und ärmeren Menschen helfen und sie unterstützen. Aktuell befinden wir uns ja in politischen Entwicklungen, in denen Sozialleistungen für bedürftige Menschen gekürzt und die Lebensbedingungen von ohnehin schwer geprüften Menschen weiter verschlechtert werden. Respekt und Wertschätzung Wir haben Glück. Wir leben in einer Region der Erde, die es gut mit uns meint. Die allermeisten von uns wurden gut ausgebildet, haben einen beruflichen und privaten Platz von Respekt und Wertschätzung und sind wirtschaftlich grundlegend gesichert. All das ist keine Selbstverständlichkeit! Viele Menschen haben das nicht, was wir haben. Vielen Menschen wurde dieses Glück nicht zuteil – sei es durch geographische, wirtschaftliche oder politische Gründe. In diesem Sinne sind wir immer aufgerufen, uns in dieser Solidargemeinschaft des Miteinander-Menschseins zu engagieren und zum Wohl bedürftiger Menschen beizutragen! In letzter Zeit wurde auch die vielerorts bestehende Steuerbefreiung großer internationaler Unternehmen aufgezeigt und kritisiert. Möge die Politik diese Form der Ungerechtigkeit entschieden bekämpfen und verhindern! Und mögen wir alle engagiert dazu beitragen, dass unsere Nachbarn gut leben können. Unsere Nachbarn hier auf diesem Planeten. MT-INTERAKTIV Sagen Sie uns Ihre Meinung redaktion@medical-tribune.at MT_51-52_17_s02-03.indd 3 15.12.2017 11:40:17

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